Bild: Mario Wallner
Zugegeben, Unterstinkenbrunn ist nicht Hollywood - aber der österreichische Film hat schon einige Perlen rausgebracht: Etwa "Muttertag", "Indien", "Hinterholz 8", "Komm, süßer Tod", "Poppitz" - und "Single Bells". Xaver Schwarzenberger (der u. a. auch zwei der Otto Waalkes-Filme mitverantwortete, sowie Loriots "Ödipussi") hat mit seiner satirischen Weihnachtskomödie aus dem Jahre 1997 den Nagel auf den Kopf getroffen:
Da will eine eigentlich ziemlich normale Durchschnittsfamilie zusammen entspannte Feiertage und ein idyllisches Weihnachtsfest feiern, aber es geht so ziemlich alles schief, was nur schief gehen könnte. Die beiden (sehr unterschiedlichen) Omamas zanken sich, wer von ihnen beiden das schönere Fest ausrichten könnte. Sohn Gregor ist plötzlich Vegetarier und weigert sich, den Karpfen fürs Festmahl zu kaufen - wie gut, dass die missratene Gans von einer der beiden Omas noch im Biomüll liegt. So kann Mama Luise - die in ihrer Verzweiflung bereits ordentlich einen picken hat - zumindest irgendetwas ins Rohr schieben. Einstweilen speibt Töchterchen Sissi unter den Weihnachtsbaum, weil ihr die andere Oma Eierlikör gegeben hat. Und dann fängt auch noch der Baum an zu brennen ...
Seit Jahrzehnten ist der Film bei mir im Advent Pflichtprogramm - vielleicht auch deswegen, weil ich weder als Kind, noch als Jugendlicher oder als Erwachsener jemals beschissene Weihnachten erlebt habe: Selbst als auch wir noch als große Familie mit Omas und Opas und Onkeln und Tanten und Großonkeln und Großtanten und weiß der Teufel wem aller noch feierten, blieben die Dramen im Rahmen - nur einmal gab es einen minikleinen Disput, als mir das Christkind in Form meines Onkels von Alkbottle die "Blader, fetter, lauter & a bissl mehr"-CD schenkte und meine Mutter der Meinung war, dass diese proletoide Krachmusik nur bedingt für einen 12-Jährigen geeignet war. Ah! Und ein paar Jahre zuvor mussten meine Eltern meine Schnappatmung drosseln, als aus einem der Packerl eine Hexen-Handpuppe für mein Kasperltheater lugte. Ihr wurde dann rasch die Brille entfernt und mir als liebe Omama verkauft. Aber: Das wars dann auch schon. So gesegnet wie ich sind jedoch nur wenige - den meisten Menschen in meinem Umfeld geht es wie dem Kärntner Musiker RIAN.
"Die Familie kann man sich nicht aussuchen", seufzen viele in meinem Freundeskreis, in der Firma und - wenn man wie ich große Ohren hat - auch in den Öffis. Das ist okay, wenn die ihr eigenes Leben leben und man nur hie und da pflichtschuldig irgendeinen ihrer Bullshits auf Social Media mit einem Like versieht. Problematisch wrd es aber dann, wenn irgendwer auf die hanebüchene Idee kommt, Feste - Ostern, runde Geburtstage, Weihnachten - zusammen zu feiern. Da trifft dann die erfolgreiche (egozentrische) Business-Tante auf die Langzeitstudentin, die zu allem Überfluss vielleicht auch noch lesbische Veganerin ist - was der eine Onkel ziemlich heiß ("Stellst uns deine Freundin auch mal vor?"), aber auch ein bissl bescheuert ("Ohne Fleisch hast ka Kraft!") findet. Derweil schwafelt der Opa etwas von starken Führern, die es wieder braucht - weil die Islamisten ihm den Weihnachtsbaum klauen möchten. Die Omama hingegen fragt - eh lieb gemeint - den ewigen Single nach seinem Beziehungsstatus und wann es endlich Enkerl gibt, der andere Onkel warnt hingegen davor, jemals Kinder in die Welt zu setzen, weil uns die internationalen Echsen-Regierungen ohnehin nur totspritzen wollen.
Klischees und Dynamiken wie diese, die von Generationen, Temperamenten und Weltanschauungen geprägt sind, kennt jeder von uns - kein Wunder also, dass die neue Single "Verwandtschaftstreffen" von RIAN gerade durch die Decke geht: Hier findet sich wirklich jeder wieder.
Eigentlich kam der Song bereits im Juni raus. Aber jetzt, in seiner "Weihnachtsversion", wird er zur Wunderkerze ---- hat die EU übrigens schon verboten, Wunderkerzen gemeinsam mit Lametta auf die Nordmanntanne zu hängen? Frage für meinen Onkel.
Und es eskaliert, keiner weiß wieder wieso. Alle streiten, ich ess' Kekse und schau zu. Und wenn der Onkel, voll mit Glühwein, unseren Christbaum demoliert, dann ist Weihnachten wie immer. Wie gewohnt.
singt darin der Althofener, der bürgerlich Florian Gruber heißt und wohl nur wenige Kilometer von mir entfernt das frohe-oder-auch-nicht-so-frohe Fest begehen wird, während ich in der Herzogsstadt St. Veit ganz entspannt mit der Mama Vanillekipferl backen werde, die mein Vater und meine Schwester wie jedes Jahr mit einem Schniefer inhalieren werden, als wären sie die größten Koksnasen, die die Werbebranche je gesehen hat (Tipp: "Neununddreißigneunzig" von Frédéric Beigbeder. Macht sich auch gut als Geschenk.). Dann gibt's Kaninchen im Speckmantel und eine schmerzlose Bescherung.
Einstweilen steigt RIAN mit "Verwandtschaftstreffen" in den Charts zügig hinauf (und lässt sogar RAF Camora, Weeknd und Billie Eilish hinter sich), bald 5 Millionen Mal wurde er schon auf Spotify gestreamt und war noch vor wenigen Wochen sein Tournee-Stopp in Wien zuerst fürs flucc (Fassungsvermögen: 350 Personen) und dann fürs Flex (1000) geplant, spielt der gute Herr nun im Gasometer - vielleicht vor über 4.000 Besuchern. Nächster Stopp (ich nehme ab sofort Wetten per E-Mail entgegen): Stadthalle und Wanda-Niveau.
Bei so viel Erfolg wird es RIAN letztlich vermutlich scheißegal sein, ob sein Heiligabend tatsächlich ein bisserl in die Hose geht - oder vielleicht ist sogar ER das "Schwarze Schaf" seiner Familie, ist's immerhin der Hit, mit dem er 2023 auf TikTok viral ging?!
Keine Ahnung, welche einfallsreichen Geschenke ihr euch für eure Liebsten (oeticket-Gutscheine? hähähä) und nicht-so-Liebsten (ein gratis-Abo für den Karl-Nehammer-Podcast? hähähä) ausgedacht habt, RIAN schenkt uns jedenfalls im Jänner seine neue EP, die sogar im edlen Wiener Konzerthaus mit noch ur geheimen Gästen gefeiert wird. Im Anschluss geht es direkt auf Tour durch Österreich, und zwar nicht nur in den schon gut gefüllten Gasometer - auch nach Linz, Klagenfurt und Graz. Wenn es noch Karten gibt.