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Konzerte

Rokko Ramirez zieht gegen den Krieg in den Krieg

02.09.2025 von Stefan Baumgartner

Auf der Fortsetzung des 2018er-Kultalbums „No World Order“ bewegt sich Rokko Ramirez mit bevorzugt harten Industrial-Sounds zwischen Dantes Hölle und Trakls Todessehnsucht: Sein “Panzer Marsch!”-Schlachtruf ist der effektivste Kontrapunkt zum Kriegstreiben im Allgemeinen und zum Faschismus im Speziellen.

Seit Beginn der Menschheitsgeschichte haben Historiker abertausende kriegerische Auseinandersetzungen gezählt – je nach Definition zwischen regionalen Stammesfehden und großen Feldzügen schwanken die Schätzungen zwischen 10.000 und über 100.000 Konflikten weltweit.

Allein im letzten, dem 20. Jahrhundert, fielen ihnen weit über 100 Millionen Menschen zum Opfer. In Europa selbst galten die letzten Jahrzehnte lange als vergleichsweise friedlich, und insbesondere Österreich kann sich glücklich schätzen: Seit gut 70 Jahren gab es auf unserem Grund und Boden keine kriegerische Auseinandersetzung mehr – und bis auf die Balkankriege in den Neunzigern passierten zudem militärische Konflikte stets so weit ab vom Schuss, dass sie für Herrn und Frau Österreicher „aus dem Auge, aus dem Sinn“ blieben: Scheuklappen, die tragen nicht nur die Fiakerpferde.

Seit der Annexion der Krim 2014 und spätestens seit dem großangelegten russischen Überfall im Februar 2022 auf die Ukraine sind jedoch die Gräueltaten, die viele – wenn überhaupt – lediglich aus fast archaischen Geschichtsbüchern oder von verhaltenen Erzählungen ihrer Großeltern kennen, vor der eigenen Haustüre angekommen – ganz zu schweigen vom bewaffneten Konflikt in Gaza seit 2023, der auch dem erdigsten Bauern hierzulande klar gemacht haben müsste, dass der Nahe Osten tatsächlich eigentlich verdammt nah ist.

Für Menschen in Mitteleuropa gilt zwar weiterhin: Die Wahrscheinlichkeit, Zeit ihres Lebens direkt in einem Krieg verwickelt zu werden, ist historisch betrachtet nach wie vor niedrig – von Konfliktforschern wird die Wahrscheinlichkeit auf deutlich unter 5 Prozent geschätzt. Doch sag niemals nie: Die jüngsten geopolitischen Spannungen zeigen, dass auch unser vermeintlich sicherer Raum nicht gänzlich frei von Risiken bleibt. Und so ist es durchaus legitim, sich stets die schwelende Gefahr vor Augen zu halten – etwa, wenn Rokko Ramirez auf dem zweiten Teil seiner lärmenden „No World Order“-Reihe (der erste erschien 2018) plakativ formuliert: „When exiting a train on any station in the world, you’re already dead because all the rails lead to the frontline.“ Dazu feuert er Gitarren- und Schlagzeugsalven ab, die einem Frontschwein gleich jedwedes Kriegsgeheul verinnerlicht haben.

Rokko Ramirez und seine „No World Order”

Rokko Ramirez, ehemals Gitarrist bei der österreichischen Ska-Punk-Legende Jesus Christ Smokes Holy Gasoline, ist seit über einem Jahrzehnt als „Österreichs härtester DJ der Welt“ auch international bekannt und spielte bereits Anheizer für Marilyn Manson und Rob Zombie, gemeinsam mit dem kanadischen Performance-Künstler Zombie Boy und auf Festivals wie dem Nova Rock, dem Two Days a Week, dem Donauinselfest und auf Chinas größtem Rockfestival, dem Midi Modern Music Festival.

2018 veröffentlichte er sein erstes Konzeptalbum über den Ersten Weltkrieg, eine, wie er selbst sagt „einzige Kriegsneurose“: „New World Order“ geriet irgendwo im klanglichen Spannungsfeld zwischen Laibach, Anaal Nathrakh und Marduk definitiv nicht als leichte, aber notwendige Kost. Es geht bei Rokko Ramirez nicht um genretypische (wenngleich üblicherweise: aufgesetzte) Kriegsverherrlichung – sondern darum, Menschen die Gräuel eines Krieges vor Augen zu führen, sie zum Innehalten und zum Nachdenken anzuregen. Seine fachlich fundierten, historisch verankerten Erzählungen über abertausend Tote sprechen Bände und sind das lauteste, aber auch effektivste „Nie wieder“, das die Welt so dringend braucht.

Nun erscheint am 6. September die Fortsetzung, präsentiert wird „RETROGOTT – The Return: No World Order II” ab 18 Uhr im Debakel in der Wiener Skodagasse. Über den erneut sich aufbäumenden Soundtrack zur drohenden Apokalypse erzählt Rokko Ramirez selbst: „Der brutale Retrogott zieht mit seinen Begleiterinnen erneut in blutiger Ernte auf den Schlachtfeldern ein. Gleich dem Antichristen der Johannesbriefe verfasst er ein neues Testament und zelebriert ekstatische, dunkle Messen in Szenarien aus einem verklärt-realen und vor allem wahnsinnigen neuen Krieg.“

Dabei pflügt Ramirez erneut mit einem akustischen Inferno über Leichenberge, wütender und warnender zugleich durch ein dunkles, bluttriefendes Potpourri aus Dantes Höllenvisionen und der Todessehnsucht des österreichischen Expressionisten Georg Trakl: „Alle Straßen münden in schwarze Verwesung“ heißt es etwa in Trakls „Grodek“ – so wie auch Ramirez alle Züge an die Front fahren lässt.

Doch während „No World Order II” versöhnlich endet und mit einer lang ersehnten Erlösung einen Paukenschlag zum Schluss vollzieht, bleibt unterm Strich doch Ramirez‘ programmatische Intention in den Köpfen seiner geneigten Hörer verhaftet: „No World Order II“ ist noch mehr als sein Vorgänger ein lärmendes, brachiales, fast schon manisches Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus und beider Weltkriege – ein lautes, mahnendes: „Nie wieder!“ Es ist ein nicht allein mutiges Werk, sondern vielmehr ein notwendiges, das uns gerade in regressiven Zeiten wie den diesen immer wieder in den Sinn zu rufen gedenkt: Wehret den Anfängen und seid euch bewusst, wie gut es euch im Frieden geht – Gewinner gibt es im Krieg keine, nur Tote. Oder, um Ramirez zu zitieren: „Panzer Marsch allen Nazis in den Arsch!“


Live-Termine


Rokko Ramirez präsentiert "RETROGOTT – The Return: No World Order II"

06. September 2025 | Wien, Debakel (ab 18 Uhr)


Infos auf dem Stand vom 02.09.2025  

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