Bild: Jim Louvau
Wenn Kinder mit ungefähr 18 die elterliche Obhut verlassen und ihre ersten eigenen vier Wände beziehen, führt der erste Weg zumeist zu Ikea – dort gibt es zu erschwinglichen Preisen all das, was eine knospende Wohnung benötigt, von Badezimmerbedarf über Bettwäsche bis hin zu Geschirr und Kochtöpfen. Legt man diesen Prozess auf die Musikbildung eines heranwachsenden Metallers um, so befindet sich in einem dieser Kochtöpfe die brasilianische Thrash-Metal-Legende Sepultura. Ganz gleich, welchem Untergenre man sich später, nach der Mann/Frau-Werdung, zugehörig fühlt – sei es tatsächlich Thrash, Death, Black, Power, Progressive oder eine der anderen abertausend Spielarten: An Sepultura kommt man genauso wenig vorbei, wie an Iron Maiden, Metallica, Judas Priest oder Slayer. Und dabei haben Sepultura in ihrem MK IX-Line-up (um eine Deep-Purple-Kategorisierung zu bemühen), also in ihrem klassischen Line-up, gleich drei Subgenres maßgeblich geprägt: Am prominentesten freilich den reinen Thrash Metal mit etwa „Beneath the Remains” und „Arise”, den Groove Thrash mit „Chaos A.D.” und „Roots”, welches mit die Blaupause für den Nu Metal legen sollte, aber auch den frühen Death Metal mit ihrem Einstand „Bestial Devastation” und ihrer ersten, 1986 auf Cogumelo Records erschienenen Langspielplatte „Morbid Visions”.
Freilich, der große Einbruch folgte, als Gründungsmitglied, Sänger und Gitarrist Max Cavalera aufgrund von internen Streitigkeiten nach "Roots" die Band verließ und Derrick Green den Gesang übernahm: Sein Bruder Iggor am Schlagzeug verblieb als einziges Gründungsmitglied, während Gitarrist Andreas Kisser (der zu „Schizophrenia“ zur Band dazu stieß) und Bassist Paulo Jr. (der zwar bereits seit 1984 irgendwie Teil der Band ist, bis „Chaos A.D.“ tatsächlich aber auf keinem Album zu hören war), selbige fortführten – aber qualitativ nicht mehr an die früheren Alben anschließen konnten. Das lag einerseits am Songwriting, welches weitestgehend entweder öde, repetitiv und vorhersehbar geriet, oder in Unfokussiert-Experimentelles abdriftete. Die größte Krux war aber der Gesang: Wenn Green die Klassiker in den Mund nimmt, dann fühlt sich das ähnlich falsch an, wie wenn ein Steirer das Kärntner Heimatlied bellt. Sepultura waren zu einer – zugegeben bemühten – Coverband verkommen, während sich Max zuvörderst mit Soulfly an den auf „Roots” eingeschlagenen Pfaden mal besser, mal schlechter festklammerte. Und nach Sepulturas „Dante XXI” (1996), da verließ dann auch sein Bruder Iggor die Band, näherte sich seinem Bruder sukzessive wieder an.
Sepultura hingegen, die haben nun nach Jean Dolabella die überaus talentierte, juvenile Maschine Eloy Casagrande am Schlagzeug sitzen, lassen einstige Fans aber weiterhin ratlos zurück. Auf Platte freilich mehr als live, denn die bemüht dargebotenen Klassiker kann man sich – Green zum Trotz – zumindest noch hörbar trinken. Böse oder blinde Zungen mögen jetzt unken, ich halte zu borniert in der Vergangenheit fest. Weit gefehlt! Cannibal Corpse funktionieren in meinen Augen sowohl mit Chris Barnes, als auch mit Corpsegrinder am Gesang, Slayer sowohl mit Lombardo, als auch mit Bostaph am Schlagzeug, ihre Hochphase hatten Incantation erst mit Daniel Corchado am Gesang und nicht davor, Mayhem funktionieren mit Messiah, Maniac, Dead und Attila am Gesang gleichermaßen, nur anders – und derer Beispiele gibt es noch zahlreiche. Aber Sepultura ohne die Cavalera-Brüder, das ist ähnlich wie Judas Priest ohne Rob Halford: eine Misere.
Somit gut, dass sich die beiden Cavalera-Brüder wieder gefunden haben – dass da die brüderliche wie musikalische Chemie wieder stimmt, bewiesen sie bereits ein Jahr vor Corona, als sie live in der Wiener SiMM City die Stücke von „Beneath the Remains“ und „Arise“ in den Saal rotzten, als stünden da keine Mittfünfziger auf der Bühne, sondern jugendliche Rabauken. Freilich: Man kann ihnen ankreiden, sie hingen in der Vergangenheit fest und könnten mit ihrem jüngeren Material – Max etwa mit Soulflys „Totem“ von 2022, Iggor ist heute ohnehin tendenziell eher in der DJ-Szene daheim – nicht an die frühe Brillanz anknüpfen. Aber wenn wir ehrlich sind: Nenne mir eine Metal-Band, die im Alter merklich besser geworden ist, deren Zenit nicht irgendwann zwischen Album #2 und #4 war. Eben.
Und nun? Nun haben sich die Cavalera-Brüder den beiden zuvor genannten Frühwerken „Bestial Devastation“ und „Morbid Visions“ angenommen – nicht nur live, sondern sogar in einer Neuaufnahme, die beide kürzlich am renommierten deutschen Krachlabel Nuclear Blast erschienen sind.
Nun bin ich – zugegeben – dermaßen borniert, dass ich live natürlich die Klassiker wünsche, aber eine Neuaufnahme ist noch selten gut gegangen: Wozu einen Klassiker neu erfinden? Am Schnitzelrezept doktern wir Normalos ja auch nicht herum, sondern lassen es weiterhin in Panade und Schmalz schwimmen!!!!11111 Eine Neudichtung, das hat etwa bei Hypocrisy („10 Years of Chaos and Confusion“), bei In Flames‘ „Clayman“- und Gorgoroths „Under the Sign of Hell“-Update bereits nur mäßig funktioniert, ebenso bei Exodus‘ „Let There Be Blood“, das bekanntlich eine Neufassung von „Bonded by Blood“ war. Und auch Exhumed haben ihr 1998er-Debüt „Gore Metal“ Jahre später, 2015, total verhunzt – allein deswegen, weil sie den manischen Schrei in „Open the Abscess“ der Kettensäge zum Fraß vorwarfen – ein Sakrileg! Freilich: „Bestial Devastation“ und „Morbid Visions“ sind spiel- und soundtechnisch keine Offenbarung, doch das primitive Gerümpel ist nicht nur dennoch, sondern gerade deswegen ähnlich kultig, wie die ersten beiden Sodom-Veröffentlichungen „In the Sign of Evil“ und „Obsessed by Cruelty“. Ja, die beiden Alben sind übersteuert und blechern, strotzen nur so vor schlechtem Englisch, und auf „Bestial Devastation“ hört man nicht mal eine Bass Drum, weil Iggor kein Schlagzeugpedal besaß! Dennoch: etwa das düstere „Antichrist“ (das zu „Chaos“-Zeiten in „Anticop“ umgedichtet wurde), das brachiale „War“ oder auch der Bandklassiker „Troops of Doom“ können in genau dieser Rotz-Kloake ihre (bisher?) beste Wirkung entfalten. Geiler als in den frühen Achtzigern klang Thrash Metal einfach nie wieder. Punktum. Wer Gegenteiliges behauptet, hört heimlich im Keller Sabaton. So schaut’s aus!
Aber hier? Die zaghafte Frischzellenkur tut den beiden Klassikern erstaunlich gut – die Cavaleras lassen in Sache Härte und Brachialität auch heute noch keine Wünsche offen, klingen heute tatsächlich zeitgemäßer und druckvoller, ohne dabei aber – Überraschung! – den garstigen Charme des Originals einzubüßen! Ja, der räudige Biss bleibt weiterhin den ursprünglichen Versionen vorbehalten, aber die 2023er-Versionen sind dennoch wahre Krachorgien mit ungezügelter Energie. Die Gitarren schneiden, das Schlagzeug hat Wumms, steht aber nicht zu sehr – wie bei anderen modernen Produktionen – im Vordergrund. Und Max? Der bellt, röchelt, krächzt, brüllt, kreischt und keift wie ein rasend geifernder junger Gott (freilich: der Unterwelt). Kurz: „Bestial Devastation“ und „Morbid Visions“ sind eigentlich unantastbare Klassiker, aber die Neuaufnahmen die wohl einzigen Ausnahmen von der Regel, von Klassikern tunlichst die Finger zu lassen. Mit dem neuen Sound entfalten die Stücke ihre explosive Kraft, die sie (heute) verdienen – dort, wo die Originale glosen, lodert es hier, 2023, lichterloh. Insbesondere, dass Max so besonnen war, den Hall auf seiner Stimme dermaßen in die Höhe zu jagen, dass die klaustrophobische Energie der Originale wiederbelebt wird, ist nur eines der zahlreichen Beispiele, wo die beiden Buben hier großes Geschick und Feingefühl bewiesen haben. Und noch ein kleiner Mehrwert: Stilistisch passgenau gibt es auf beiden Alben noch je einen Bonustrack, der auf Riffs grauer Vorzeiten fußt – „Sexta Feira 13“ einerseits, „Burn the Dead“ andererseits. Beide hätten es wohl, wären sie bereits damals erschienen, nie zu einem Klassiker schaffen können, Spaß machen beide Stücke dennoch.
Wenn überhaupt, dann unterstreichen diese Neuaufnahmen die immense Stärke des Ausgangsmaterials, das eine breitere Anerkennung als bisher verdient, standen die Alben doch bisher im Schatten der übrigen Diskographie bis „Arise“ oder gar „Roots“. Darüber hinaus zeigt die Sorgfalt, mit der der rohe und unvorhersehbare Charakter, ihre wahre Magie bewahrt wurde, die Integrität der Cavalera-Brüder und wie sehr sie ihr eigenes Erbe (und ihre Fans) respektieren. Etwas, das sich auch im Artwork widerspiegelt: Eliran Kantor, der bereits für etwa Kreator, Sodom und Testament Arbeiten vorlegte, lehnte sich für seine „Bestial Devastation“- und „Morbid Vision“-Versionen eng ans Original an, kommt dabei aber weitaus bösartiger, weil weniger infantil als sein Vorgänger ums Eck.
Kurzum: Hier, aber auch nur hier!, ergibt die Neuinterpretation der Klassiker Sinn (wenngleich sie freilich Geldmacherei sind, aber: geschenkt.), und dürfte auch alle nostalgischen Nörgelfritzen zufrieden stellen – spätestens, wenn es Ende November dann auch in der ((szene)) live heißt: SHOW ME THE WRATH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Dagegen ist selbst Oppenheimer nur ein knuffiges Pupsgesicht.
Die Cavalera-Brüder gastieren am 29. November in der ((szene)). Tickets gibt es ab Freitag, 18. August um 11 Uhr bei oeticket.com.