Bild: Universal Music
Wer beim Stichwort "Punk" an Bands wie Against Me!, Blink-182, Sum 41 oder My Chemical Romance denkt, ist ziemlich jung. Wer hingegen an Green Day, The Offspring oder Rancid denkt, ist ... junggeblieben. Und all jene, die ihren Enkelkindern schon Werther's Echte schenken, denken vermutlich zuvörderst an Bad Religion, Black Flag, Dead Kennedys, The Clash, The Ramones - oder Sex Pistols.
New York legte (etwa mit The Ramones und dem CBGB-Club) die musikalischen Grundlagen des Punk, während London die politische und visuelle Identität formte. In den Siebzigern war Großbritannien wirtschaftlich in der Krise. Besonders Jugendliche litten unter hoher Arbeitslosigkeit, was zu Frustration und Rebellion führte – ideale Voraussetzungen für den nihilistischen und aggressiven Ton des Punk. Das britische Klassensystem verstärkte die soziale Ungleichheit zusätzlich, was in den Texten und der Haltung vieler britischer Punk-Bands wie den Sex Pistols und The Clash thematisiert wurde.
Aber auch, dass Vivienne Westwood und Malcolm McLaren in ihrer Boutique "SEX" die ästhetische Identität von in erster Linie den Sex Pistols formten, schiebt heute London (das sich den punkigen Charakter zumindest stellenweise bis heute behalten hat) verglichen mit New York etwas ins Rampenlicht - zumal der Punk in New York bevorzugt introspektiv und experimentell war, während die Buben aus London allesamt am Rad drehten: gerade die Provokationen der Sex Pistols sorgten für eine enorme mediale Resonanz, die New York so nicht in diesem Ausmaß hatte. Einen Einblick dazu gab bereits letztes Jahr die Serie "Pistol" auf Netflix, wenngleich sie auch von Pistols-Frontmann Johnny Rotten als "respektlose Scheiße" bezeichnet wurde - was vielleicht auch daran liegen mag, das Pistols-Gitarrist Steve Jones im Serienfokus steht.
Wenngleich man mit den Sex Pistols heute vor allem zwei Namen - Johnny Rotten (Gesang) und Sid Vicious (Bass) - verbindet: Ins Leben gerufen haben die Sex Pistols eigentlich die beiden Collegefreunde Steve Jones und Paul Cook, als sie 1973 besoffen Equipment klauten und beschlossen, eine Band zu gründen. Aber ja, ihr erstes und einziges Album "Never Mind the Bollocks, Here's the Sex Pistols" aus dem Jahre 1977 wurde in der "klassischen" Besetzung Cook/Jones/Rotten/Vicious veröffentlicht (wobei Ur-Bassist Glen Matlock fast alle Bassspuren einspielte, weil Vicious einfach zu schlecht war) - ein einziges Album mit knapp über 30 Minuten Spielzeit, das aber ordentlich Staub aufwirbelte: Das englische Wort für "Testikel" im Titel, dazu noch die uncharmante Darstellung der Queen sorgten sogar dafür, dass die Londoner Polizei Plattenläden besuchte und verbot, das Album zu bewerben. Auch in einigen Charts wurde statt des Titels lediglich eine Leerstelle gezeigt.
1978 lösten sich die Sex Pistols auf und die Mitglieder verfolgten unterschiedliche Projekte mit deutlich geringerer Bedeutung (ausgenommen vielleicht Rottens neue Band Public Image Ltd), bevor man Mitte der Neunziger wieder für eine kurze Zeit zusammenfand, wieder zerbrach, wieder zusammenfand - Punkrock eben. In diese Zeit fällt auch der (bisher) einzige Österreich-Auftritt der Sex Pistols: 2008 spielte man am Nova Rock Festival, während in den Pistols-Frühzeiten beinah ausschließlich die skandinavischen Länder am europäischen Festland zum Handkuss kamen.
Diesen Sommer gab es erneut einen Neustart, allerdings ohne Rotten: Cook, Jones und Matlock werden fortan von Frank Carter von Frank Carter & The Rattlesnakes, die erst kürzlich in Wien gastierten, unterstützt. Auch im Vorprogramm von Guns N' Roses kommenden Sommer wird Frank Carter statt Johnny Rotten (der sich nach dem Aus der Pistols wieder John Lydon nennt) am Mikro stehen - einen Eindruck seht ihr im folgenden Video, es spricht zumindest von einem klaren Fokus auf Energie statt Provokation:
Obwohl die Sex Pistols äußerst kurzlebig waren und eben nur ein Album veröffentlichten, zollten ihnen bereits eine Vielzahl an Künstler Tribut. Die fünf besten Cover haben wir als Einstimmung auf das Konzert zusammengestellt:
Megadeth mit "Anarchy in the U.K." (von "Never Mind ...")
Motörhead mit "God Save the Queen" (von "Never Mind ...")
Skid Row mit "Holidays in the Sun" (von "Never Mind ...")
Velvet Revolver mit "Bodies" (von "Never Mind ...")
Overkill mit "No Feelings" (B-Seite von der "God Save the Queen"-Single)
Und ihre Tournee-Partner Guns N' Roses haben sich mit "Black Leather" (von der "Sex Pack"-Compilation) übrigens auch schon einmal an die Pistols gewagt - ob das bedeutet, dass die Gunners für einen Song bereits bei den Sex Pistols auf die Bühne kommen werden?! Wir sind gespannt!