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Sinikka Monte: eine Wahl-Österreicherin im finnischen Vorentscheid für den ESC

29.01.2026 von Stefan Baumgartner

Es ist Halbzeit beim finnischen Vorentscheid für den ESC: Eine Woche nach unserem “Vienna Calling”, bei dem Musiker*innen von Nikotin bis Bamlak Werner um die Gunst des Publikums buhlen werden, geht in Finnland das Pendant, der Uuden Musiikin Kilpailu über die Bühne. Unter den sieben Finalist*innen findet sich auch eine Musikerin, die aktuell ihren Lebensmittelpunkt in Wien hat: Sinikka Monte.

Während vergangenes Jahr die Österreicher Abor & Tynna für unseren großen Nachbarn Deutschland beim Eurovision Song Contest ins Rennen gingen, will dieses Jahr die Wahl-Österreicherin Sinikka Monte gar für Finnland antreten. Sinikka wurde in Schottland geboren, hat nicht nur italienische, sondern auch südafrikanische und eben finnische Wurzeln – ihre prägenden Jahre verbrachte sie jedoch in Österreich, zuerst in St. Pölten, schließlich in Wien.

Bereits vergangenes Jahr kam sie nur knapp nicht mit ihrer Single “Hers Too” in die finale Endauswahl beim Uuden Musiikin Kilpailu, dem finnischen Vorentscheid. Anders dieses Jahr: Mit ihrer neuen Single “Ready To Leave” ist sie nun tatsächlich eine der sieben potentiellen Kandidat*innen, die kommenden Mai in der Wiener Stadthalle ihren Teil dazu beitragen könnten, dass sich Europa als friedfertig und “united by music” zeigt. Wer tatsächlich Finnland in Wien repräsentieren wird, das entscheidet sich beim UMK am 28. Februar – Zeit genug also, sich bis dahin noch in ihre cineastische Ballade zu verlieben. Denn “Ready To Leave” – eine schmeichelnd-sanfte Erzählung über das Loslassen in einer Beziehung – zeigt par excellence Sinikkas Ansatz, Lieder für Menschen zu schreiben, “die traurig sind und eine Umarmung brauchen”.

Mit deiner Herkunft lebst du den europäischen Geist: Du hast finnische, südafrikanische und italienische Wurzeln, bist in Schottland und Österreich aufgewachsen. In welcher Sprache denkst du und schreibst deine Lieder?

Auf Englisch. Wir sprechen zuhause auch meistens auf Englisch.

Du hast bereits früh mit Tanz, aber auch der Musik begonnen. Wann war der Moment, in dem klar wurde, dass gerade die Musik mehr als nur ein Hobby ist?

Ich war nie an dem einen Punkt, an dem ich gesagt habe, dass die Musik mein Karriereweg wird. Vielmehr war mir immer schon klar, dass ich Musik machen möchte. Natürlich: Wenn man jung ist, sieht man das noch als Hobby, aber ich habe mich immer schon als Sängerin verstanden. Die Ernsthaftigkeit, mit der ich Musik mache, ist fließend gekommen.

Leben kannst du von der Musik aber – noch – nicht: Arbeitest du neben dem Musizieren, oder musizierst du neben dem Arbeiten?

Ganz klar: Ich arbeite neben dem Musizieren. Ich arbeite, damit ich mir meine Musikkarriere leisten kann – beziehungsweise überhaupt leben kann. Aber sowohl zeitlich wie auch emotional fließt die meiste meiner Energie in die Musik.

Was bedeutet Musik für dich – ist sie Ausdruck, Zuflucht, Beruf, Therapie?

Seit meiner Kindheit ist Musik wie eine Therapie für mich. Immer, wenn ich schlechte Erfahrungen verarbeiten musste, habe ich mich ans Klavier gesetzt. Meinen ersten Song habe ich mit 12 Jahren geschrieben. Mir hat das immer irrsinnig geholfen, Musik zu schreiben hat mir meine traurigen Gefühle genommen. Das ist wie ein Tagebuch zu führen.

Ist der Tanz noch präsent in deinem Leben?

Ich habe 10 Jahre lang Ballett getanzt und auch die Idee gehabt, mich am Hip-Hop zu versuchen. Aber aktuell fokussiere ich mich mehr auf Bewegung, denn auf Tanz.

Du hast deine Musik einmal als Musik “für Menschen, die traurig sind und eine Umarmung brauchen” umschrieben. Denkst du beim Schreiben konkret an einen Adressaten, an ein Publikum?

Ich schreibe meine Lieber über Personen, denen ich im Leben begegne, im Schreibeprozess schreibe ich aber für mich. Aber mein Ziel ist es schon, Texte zu schreiben, in denen sich meine Zuhörer*innen wiederfinden – insbesondere, wenn sie “eine Umarmung brauchen” (lacht). Auch wenn ich meine Lieblingskünstlerinnen höre – Madison Beer und Taylor Swift zum Beispiel –, dann finde ich da so viele Metaphern, die mir nahegehen. Solche riddles versuche ich auch in meiner Musik einzubauen: Ich mag komplizierte Texte, wo man die Bedeutung erst herausfinden muss. Bei “Ready To Leave” haben einige Leute zwar gemeint, der Text sei simpel – dabei gibt es so viele versteckte Sachen darin: Auf Reddit hat eine Hörerin den Song komplett zerpflückt und wirklich verstanden, worum es mir dabei geht.

Was macht das mit dir als Künstlerin, wenn deine persönlichen Gedanken öffentlich zerpflückt werden, du analysiert wirst?

Bei “Ready To Leave” ist es das erste Mal, dass ich auch wirklich Hate abbekomme. Ich würde lügen, wenn ich sage, das tut nicht weh. Natürlich tut es das! Aber ich bekomme so viel mehr Liebe als Hass, dass es letztlich egal ist. Geschmäcker sind einfach unterschiedlich – und auch wenn man glaubt, Musik für alle machen zu können: Sowas geht einfach nicht. Das zu erfahren, war ein Lerneffekt für mich.

Welche Zeile aus deinem “musikalischen Tagebuch” steht dermaßen programmatisch für dich, dass du sie dir sogar tätowieren lassen würdest?

Bei “The End” geht mir “I tell the ambulance to go slower, so at the end of this there is nothing they can do” sehr nahe – ich finde, das ist unglaublich deep. Auch der Anfang von “Hers Too”, “I’d say you deserve this, can’t control the way I curse you”, ist eine meiner Lieblingszeilen. Ich liebe das Wort “curse” (lacht)! Und “Knock & Run”, also die Idee von Klingelstreichen, finde ich ganz generell einfach super.

Du hast bereits Erfahrung mit Casting-Formaten: Verstehst du sie als Karrieresprungbrett, Lernprozess oder einfach nur eine Bühne wie jede andere auch?

Es ist schon eine Gelegenheit, sich einem größeren Publikum zu präsentieren. Aber letztlich ist alles eine Bühne wie jede andere auch. Mir macht es einfach Spaß, zu singen – ich denke nur wenig über die Reichweite nach. Wenn ich auf der Bühne stehe, vergesse ich alles andere um mich herum.

Du bist im Gegensatz zu mir in einer Zeit des Musiküberangebots aufgewachsen: Wodurch hebst du dich ab – und wie sehr orientierst du dich an Vorbildern wie etwa Madison Beer?

Ich hadere schon länger mit dem Gedanken, wie ich aus dem Meer voller Fische herausstechen kann. Noch habe ich darauf keine Antwort gefunden, letztlich ist es auch meinen Hörer*innen überlassen, wie sie mich sehen. Ich habe schon gehört, manche mögen es, wie mysteriös ich bin. Ich glaube, ich befinde mich erst im Prozess, mir ein Image zu erarbeiten – aktuell könnte man mich beispielsweise mit Madison Beer, Sabrina Carpenter oder Olivia Rodrigo vergleichen. Aber ähnlich wie sie zu sein, finde ich nicht schlimm – das sind alles super Künstlerinnen! Letztlich versuche ich, so authentisch wie möglich zu bleiben. Was ich mir aber definitiv abgeschaut habe: Eine Verbindung zu Fans aufbauen. Das macht Madison Beer sehr gut, kommentiert etwa auf TikTok – und das ist auch mir wichtig, mit meinen Fans in einen Austausch zu treten.

Madison Beer, Sabrina Carpenter, Olivia Rodrigo, Taylor Swift: Tatsächlich ist die Popmusik der letzten Jahre auffällig stark von Frauen geprägt. Verschiebt sich dadurch, für dich als ebenfalls weibliche Künstlerin, das oft angesprochene Ungleichgewicht der Geschlechter?

Ich finde es schön zu sehen, dass viele weibliche Künstlerinnen jetzt in den Vordergrund gerückt werden. Aber die Musikindustrie ist immer noch männerdominiert – und ich habe, zumindest in Österreich, nicht das Gefühl, dass weibliche Künstlerin ähnliche Unterstützung erfahren wie ihre männlichen Kollegen. Und wenn man als Frau auch freizügiger auf der Bühne steht, kommt mir vor, dass man nicht so ernst genommen wird.

Wobei aber in der Popmusik der Körper – geschlechtsunabhängig – durchaus Teil einer Show sein kann, wie auch Lichteffekte, Konfettikanonen oder andere Gimmicks.

Klar, Tate McRae steht auch fast nackt auf der Bühne – aber mir als Frau fällt nicht ein, sie als Objekt zu sehen. Ich sehe sie als Gesamtpaket, sie hat einen wunderschönen Körper, aber auch eine wunderschöne Stimme – sie ist extrem talentiert. Natürlich weiß ich nicht, wie sich ein Mann dabei fühlt.

Eine Objektifizierung muss ja nicht zwingend sein – ein Körper, seine Bewegung, das kann eine zusätzliche Effektebene sein. Wie empfindest du, als Frau, bei männlichen Sängern?

Man merkt schon, ob es ein Gesamtprodukt ist, oder ob jemand nur seinen Körper verkaufen möchte. Wenn Weeknd sich ausziehen würde, wäre mir das egal – weil ich ihn ohnehin talentiert finde. “Sex sells” allein, das finde ich lächerlich. Aber seinen Körper zeigen, das darf natürlich jede*r: Ein Körper ist letztlich auch nur ein Körper – und alle Körper sind voll in Ordnung (lacht).

Wenn du auf der Bühne, im Rampenlicht stehst: Fühlst du dich wohler oder unwohler, je nachdem ob du Mitmusiker auf der Bühne hast, dich hinter einem Mikrofonständer oder einem Klavier “verstecken” kannst – und so keinem gaze ausgeliefert bist?

Wenn ich auf die Bühne gehe, ist da erstmal ein Unwohlgefühl – weil man exposed ist. Das ist ein komisches Gefühl. Aber sobald ich mich ans Umfeld gewöhnt habe, fühle ich mich extrem selbstbewusst – ganz egal ob hinter einem Klavier oder nur mit Mikrofon in der Hand. Im Vorfeld denkt man vielleicht darüber nach, dass man lieber auch andere Menschen um sich herum hätte oder sich auch einmal “verstecken” möchte – aber auf der Bühne, da kommen mir solche Gedanken nicht: Dort fühle ich mich einfach nur frei.

Performst du dann auf der Bühne auch in erster Linie für dich selbst, so wie du deine Lieder in erster Linie auch für dich schreibst?

Je länger ich auf der Bühne steht, umso mehr verlasse ich meinen eigenen Tunnel – gerade durch Augenkontakt und Interaktion wird da im Laufe des Konzerts eine Verbindung mit dem Publikum aufgebaut. Aber das merke ich nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen Künstlerinnen, dass da ein Prozess stattfindet. Das ist ein schönes Gefühl.

Ist das unterschiedlich, je nachdem ob da in der ersten Reihe neue, unbekannte Gesichter stehen – oder Freunde und Familie?

Solche Gedanken gehen einem auch immer nur im Vorfeld durch den Kopf – was, wenn meine Oma im Publikum ist oder jemand, den ich süß finde? Dann darf mir ja nichts Peinliches passieren, ich darf ja nichts verkacken! Aber auf der Bühne ist der Druck, dieser Perfektionsgedanke dann weg – man ist, wie man ist. Alles andere würde den Moment ruinieren, man muss die Gedanken abschalten, um authentisch und emotional zu sein.

Gibt es vor einem Auftritt Rituale, oder einen Glücksbringer, der am Bühnenrand platziert wird?

Außer, dass ich meine Stimme aufwärme, habe ich kein Ritual – aber ich hätte gerne eins! Ich werde kurz vor meinem Auftritt immer nur sehr emotional und will alle Personen um mich herum umarmen, und ihnen sagen, wie sehr ich sie liebe.

Um große, intensive Emotionen geht es natürlich auch beim ESC: Wie lang begleitet dich der Eurovision Song Contest schon privat?

Ich bin zwar kein Superfan, aber ich habe den ESC sehr wohl jedes Jahr gemeinsam mit meiner Mama geschaut. “Soldi” von Mahmood und Zelmerlöws “Heroes” sind zwei meiner absoluten Lieblingssongs! Ich fand das immer sehr schön, dass da, für einen Moment, die ganzen Kulturen auf einen Fleck zusammenkommen – insbesondere, wenn man bei Backstage-Aufnahmen etwa auch gesehen hat, wie sich JJ mit den anderen Künstler*innen angefreundet hat. Ich sehe den ESC weniger als Wettbewerb, sondern als gemeinsames Festival – man feiert Pride, die Kulturen, die Musik, den Frieden …

Wobei: Nur Frieden spielt es beim ESC leider nicht.

Ja, zu Israel und die Boykottierungen werden wir Teilnehmer*innen von den finnischen Medien natürlich auch gelöchert. Dabei wollen wir eigentlich nur Musik machen! Gewiss sind wir nicht naiv und ignorieren auch nicht, was in der Welt passiert – aber als Künstlerin oder Künstler das Weltgeschehen kommentieren zu müssen, ist schwer.

Schließlich bist du Musikerin und keine Politikwissenschaftlerin.

Eben! Aber wenn man dann sagt, man kennt sich nicht gut genug für ein Urteil aus, dann wird rasch Ignoranz unterstellt – dabei will ich tatsächlich vieles gar nicht wissen, weil ich so empathisch bin, dass ich sonst jeden Tag weinen müsste, wenn ich in die Welt schaue.

Wie wichtig ist es dir wiederum als Fan, dass deine musikalischen Vorbilder Position beziehen?

Jeder kann, aber muss nicht. Ich finde, über vieles, was auf der Welt passiert, ist es schwer öffentlich zu reden – man will nichts Falsches sagen, kann aber auch nichts Richtiges sagen. Als Künstlerin steht man da unter enormen Druck – und man kann sich mit nur einer unbedachten Äußerung die Karriere ruinieren. Andererseits unterstütze ich es, wenn sich eine Künstlerin von sich aus politisch äußern möchte – das beeindruckt mich, als Fan, dann schon!

Zurück zur musikalischen Seite des ESC: Wann kam dann der Gedanke auf, dich für den ESC zu bewerben?

Vor drei Jahren. Davor wäre ich auch noch zu jung dafür gewesen. Allerdings habe nicht ich mich auf den ESC fokussiert, sondern meine Mama meinte, dass ich damals schon das Demo von “Hers Too” für den UMK einreichen könnte. Auch mit dem Demo bin ich schon sehr weit gekommen – bis in die Top-20, glaube ich. Und im Folgejahr haben wir dann die fertige Version eingereicht, da hat es “Hers Too” schon in die Top-10 geschafft. Von da an habe auch ich selbst den ESC ernstgenommen – aber eigentlich eher gedacht, es erst in ein paar Jahren wieder zu versuchen. Mein Produzent hat mich jedoch dann überzeugt, es schon mit “Ready To Leave” wieder anzugehen (lacht).

Wodurch unterscheidet sich “Ready To Leave” von “Hers Too”?

“Hers Too” ist nicht explizit für den ESC geschrieben worden, bei “Ready To Leave” war zumindest der UMK sehr wohl ein Hintergedanke, obwohl wir den Song innerhalb von nur drei Tagen geschrieben haben – was mir vorher noch nie gelungen ist (lacht). Gefühlt brauche ich immer drei Jahre, bis ein Song fertig ist.

Gab es da letztes Jahr Feedback, das du bei “Ready To Leave” verarbeiten konntest?

Nein, ein Feedback gibt es beim UMK nicht – aber ich schätze, dass der Chorus von “Hers Too” zu wenig Text hatte. Und vielleicht haben sie sich auch an den Schimpfwörtern gestört (lacht).

Unterscheidest du generell zwischen konstruktiver Kritik von Branchenvertretern und Feedback aus dem Publikum?

Das ist für mich auf einer Ebene. Ich kann nur nichts damit anfangen, wenn jemand “Fad!” kommentiert. Aber für konstruktives Feedback bin ich immer sehr offen.

Du arbeitest seit Jahren mit deinem Vertrauensproduzenten Flo Spies, dein Management verantwortet deine Mutter. Beim ESC sprechen nun viel mehr Menschen mit. Inwieweit musstest du da deine persönliche Komfortzone verlassen?

Komplett. Die ganze Experience ist so verrückt für mich, die überfordert anfangs schon! Ich habe plötzlich jemanden für PR und es reden plötzlich viel mehr Leute als je zuvor mit, auch beim Musikvideo, bei den Fotos und beim Performance-Training sind da zwanzig Leute mit dir im Raum! Es ist viel auf einmal, aber es macht auch extrem viel Spaß!

Wie gehst du psychisch mit diesem Druck um?

Die Leute in meinem Team sind die nettesten Menschen der Welt und so unfassbar professionell, dass es mir nicht schwerfällt, aus einem Panikloch auch rasch wieder rauszukommen. Sie haben immer ein offenes Ohr, wenn man Redebedarf hat – und es fühlt sich trotz der Teamgröße immer noch sehr familiär an. Es ist aber auch eine Sache des eigenen Mindsets, man muss sich einfach nur bewusstmachen, dass jetzt vieles neu ist und schnell geht, und manchmal eben auch viel auf einmal ist. Vermutlich haben die Leute um mich herum sogar noch mehr zu tun als ich!

Der ESC ist natürlich nicht nur dein Song, sondern zudem auch ein visuelles Ereignis: Mit welchem Anspruch gehst du – gerade mit deinem tänzerischen Background – an die Performance heran?

Staging, Stage-Design und Choreografie kommen nicht von mir, sondern von meinem Team. Da habe ich fast gar nichts mitgesprochen und ihnen völlig vertraut. Der Song ist so intim, da braucht es auch nicht viel drumherum, damit er gut in Szene gesetzt wird – und genau dafür haben sie so ein Gefühl bewiesen, dass ich jetzt am Endergebnis auch nichts auszusetzen hatte (lacht).

Es ist zwar – leider – keine Vorgabe in den Statuten des ESC, aber du singst nicht nur auf Englisch, sondern auch in der Landessprache, auf Finnisch: Was kann eine dermaßen komplexe Sprache klanglich und emotional?

In der ursprünglichen Version von “Ready To Leave” waren diese beiden Textzeilen noch auf Englisch, aber es hat sich für mich einfach nicht richtig angefühlt. Dann habe ich sie auf Finnisch übersetzt, was zuerst irgendwie cringe war, aber mir ist dann die tiefere Bedeutung aufgefallen: Im Song geht es ja darum, dass man sich schwertut, eine Beziehung hinter sich zu lassen. “Ja kaikki aina alkaa alusta” bedeutet “alles beginnt von Neu”. Und weil ich mir diesen Schritt aus einer Beziehung nicht eingestehen wollte, ist dieser Satz in einer Sprache, die nicht jeder versteht.

Also eines deiner zuvor angesprochenen Metaphern, ein riddle, beziehungsweise im Duktus von Taylor Swift: „Easter Egg“.

Genau. Es ist zum Beispiel auch bei mir selbst so, dass wenn ich einen spanischsprachigen Song höre, spüre, welche Emotion dahintersteckt – auch wenn ich den Text nicht verstehe. Ich glaube, man muss nicht immer alles verstehen, um es zu fühlen. Allerdings kann ich, um auf deine Frage zurückzukommen, nicht beantworten, ob das Finnische besonders musikalisch ist – Finnisch ist zumindest für Nicht-Muttersprachler vielleicht ein bisschen weird.

Wie ist die Musikszene in Finnland eigentlich? Hierzulande verbindet man mit Finnland tatsächlich primär das Sonderbare wie etwa die ESC-Sieger Lordi, oder auch das Gefühlsbetonte – ich denke da etwa an HIM oder Nightwish.

Für mich klingt die finnische Popmusik vom Vibe, aber auch von der Produktion her, nicht unähnlich zur deutschen – nur eben auf Finnisch (lacht). Im Finnischen gibt es halt sprachlich sehr viele Wege, wie man lyrisch bestimmte Sachen ausdrückt – das finde ich, wenn man die Sprache versteht, interessant. Was in Finnland aber definitiv besonders ist: Hier gibt es viel mehr Support für finnische Künstlerinnen und Künstler, insbesondere aber für Künstlerinnen. Im Radio spielt es auch kaum englischsprachige Musik, sondern fast ausschließlich heimische – dabei ist das nicht einmal gesetzlich verankert.

Weg von Finnland, zurück nach Österreich: Wie ist dein Eindruck von “unseren” ESC-Kandidat*innen?

Ich finde es erstmal sehr spannend, dass in Österreich das erste Mal seit 10 Jahren wieder so ein Vorentscheid stattfindet! In Finnland ist der UMK ja wirklich ein großes Ereignis. Ich kenne die Lena Schaur, die Anna-Sophie und den Philip Piller – das sind allesamt sehr talentierte Menschen! Aber ich bin schon sehr gespannt auf alle Songs, ich habe keine Ahnung, was mich da erwartet (lacht).

Solltest du den diesjährigen ESC nicht auf der Bühne, sondern von der Couch aus verfolgen: Drückst du Österreich oder Finnland die Daumen – oder gar einem gänzlich anderen Land?

Das kommt auf die jeweiligen Songs an – bei mir steht nicht ein Patriotismus, sondern die Musik im Vordergrund. Allerdings sind alle Songs vom UMK wirklich gut: Da würde ich jedem den Gewinn gönnen! Aber am Ende könnte es sein, dass meine Stimme irgendwohin geht – vielleicht nach Malta (lacht). Übrigens, auch wenn ich schon immer den ESC verfolge – meine Stimme habe ich letztes Jahr zum ersten Mal abgegeben, und zwar für “Ich komme” von Erika Vikman aus Finnland!

Am 28. Februar geht dann der UMK in Tampere über die Bühne: Wie im vergangenen Jahr werden nach den Auftritten der sieben Kandidat*innen zunächst die internationalen Juror*innen abstimmen, ihr Votum macht 25 % der Gesamtpunkte aus. Mehr Gewicht haben die Stimmen des finnischen Publikums: Entscheiden müssen sie sich zwischen Sinikka Montes “Ready To Leave”, “Million Dollar Smile” von Etta, “Liekinheitin” von Linda Lampenius und Pete Parkkonen, “Lululai" von Komiat, “Takatukka” von Antti Paalanen", “Cherry Cake” von CHACHI und “Rakkaudenkipee” von KIKI. 

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