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„Kill ´em All“ (1983), „Ride the Lightning“ (1984), „Master of Puppets” (1986) – es gibt wohl kaum Metaller, die sich nicht darauf verständigen können, dass die ersten drei Alben von Metallica als Blaupause des Heavy Metals heranzuziehen sind, als logische Fortsetzung dessen, was Black Sabbath begründet und Iron Maiden weitergedacht haben. Ganz gleich, ob man letztlich Megadeth, die Band vom - übrigens heute vor 40 Jahren! - geschassten Ex-Gitarristen Dave Mustaine vorzieht, ganz gleich, ob man dann doch den noch wilderen Klängen von etwa Sepultura, Cannibal Corpse oder Mayhem verfallen ist, und ebenso ganz gleich, ob man erst später, nach den glorreichen Achtzigern und Neunzigern, zur Szene dazu stieß und vielleicht Bands wie Lamb of God, Bring Me the Horizon oder Parkway Drive die Einschulung vollzogen: Metallica sind seit Jahrzeiten zum Deonym für ein ganzes Musikgenre geworden – wie Tempo, Nutella, Tupperware, Uhu, Edding oder Labello in ihren respektiven Bereichen. Es ist freilich eine mordsmäßige Leistung, wenn ein Markenname zum Synonym seiner Gattung geworden ist, es spricht von Innovation, vom Alleinstellungsmerkmal, fürderhin von daraus resultierender Bekanntheit und letztlich auch von einer zugrundeliegenden starken Marketingstrategie. Doch birgt dies auch eine große Bürde: Mehr noch als bei den Mitstreitern, die um die Gunst der Stunde eifern, wird der Vorreiter stets an seinem Fundament, das ihm dereinst die Popularität verschuf, gemessen werden.
Und so kommt es nicht von ungefähr, dass sämtliche Alben von Metallica nach dieser heiligen Trias – und da lassen wir die artifizielle Kooperation mit Lou Reed, „Lulu“, bewusst außen vor – auch starken Widerworten ausgesetzt waren. Bei „… And Justice for All“, dem ersten Album mit Jason Newsted am Bass, störte man sich nicht nur an den überlangen Songs, sondern auch an der klinischen, klaustrophobischen Produktion, die daraus resultierte, dass man genau den Bass derart in den Hintergrund mischte, dass er kaum noch zu hören war. Das hierauf folgende schwarze Album hievte Metallica in die Liga der Stadionbands, einher gingen radiotaugliche Hausfrauen-Songs wie „Nothing Else Matters“ und „The Unforgiven“. Mehr noch beim darauffolgenden Doppel „Load“ und „Reload“, für die nicht nur die ehemals langen Haare fielen, sondern auf denen auch die Härte nochmals um ein ordentliches Eck zurückgeschraubt wurde und man im Fahrwasser von Country und Blues tümpelte. Hierauf folgte „St. Anger“, ein Werk, das im Gegenteil nun versuchte, die Härte von „Kill ´em All“ zu doppeln, indem man Nu-Metal-Gewänder überstreifte und den Stücken eine Produktion vom Schrottplatz verpasste. Auch mit „Death Magnetic“ schickte man sich an, die wilden Anfangstage zu doppeln und drehte alle Regler auf möglichst laut, vergaß dabei aber auf Inhalte – einzig „Cyanide“ war vielleicht ein Song, der seiner Schwäche zum Trotz noch irgendwie catchy und nicht nur dröhnend war. Und schließlich „Hardwired… to Self-Destruct“, das zwar mit „Atlas, Rise!“, „Moth Into Flame“ und „Spit Out the Bone” drei starke Nummern zu verzeichnen wusste, ansonsten aber überaus generisch geriet – eine Krux, unter der – Spoiler! – auch „72 Seasons“ laboriert.
Meines Alters zum Trotz gehöre ich nun nicht zu den Puristen, die Metallica seit „Master of Puppets“ abgeschrieben haben, „Justice“ ist ein Album, das mich durch die tristen Wintermonate trägt und dabei wohlig wie ein flackernd-knisterndes Kaminfeuer beflügelt; Das schwarze Album war: ja, berechnend und vorhersehbar, dabei aber perfekt exerziert. Und „Load“ und „Reload“ sind, zumindest in weiten Teilen, perfekte Rotwein-Begleiter zu Kerzenschein – Düsterromantik, Schauergeschichten. Alle zuvor genannten Kritikpunkte dieser Alben in Ehren, aber Metallica verstanden bis dahin immer noch, Songs zu schreiben – Stücke, die von labyrinthischer Diversität, Ideenreichtum, Dynamik und Akzentuierung nur so strotzten. Eine Fähigkeit, die ihnen hierauf verlustig ging – seit Ende der Neunziger plätschern die Alben zum überwiegenden Gros beiläufig vor sich hin, ganz gleich ob in Rigorosität oder Sanftmut. Damit ging ihnen eines ihrer wichtigsten Alleinstellungsmerkmale flöten, nämlich wie ein Hase – der Vergleich ist vielleicht dem vergangenen Osterfest geschuldet – unvorhersehbare Haken zu schlagen.
Metallica sind, mit „72 Seasons“, mehr denn bisher seit „St. Anger“, zur eigenen „Künstlichen Intelligenz“ verkommen – ein Schlagwort, das heute in aller Munde ist. Wie auch die Künstliche Intelligenz mittlerweile Bilder und Texte erschaffen kann, die täuschend echt und täuschend korrekt sind, dabei aber Kreativität und daraus resultierende Tiefe missen lassen, klingt Metallica heute so, als hätte man einer künstlich intelligenten „Band“ aufgetragen, Metallica-Songs zu schreiben. Das klingt nicht nur gewöhnlich – das hätte eine gewisse Hörerschaft ja schon befriedigt –, sondern einfach nur: langweilig generisch.
Ja, James Hetfield taucht mit seinen Texten tiefschürfend in seine zerrüttete Psyche ab – man denke da etwa an „Dyers Eve“ von „Justice“. „72 Seasons“ ist Trauma- und Vergangenheitsbewältigung, mal kryptisch, mal eindeutig – und es kommt nicht von ungefähr, dass sich die meisten Rezensionen zu „72 Seasons“ an den Texten aufhängen, die zu den persönlichsten seiner Karriere zu zählen sind. Doch alles, was darüber hinausgeht, wirkt entmenschlicht und künstlich – vom knalligen Cover, das in der warnenden Gelb-Schwarz-Kombination schrill kläfft, über die zwar perfekt austarierte Produktion, die hart, aber nicht knackig klingt, bis hin zur Musik selbst, die auf zahlreiche Charakteristika Metallicas zurückgreift, ohne sie tatsächlich zu beherrschen:
Metallica haben zum Beispiel schon immer überlange Songs geschrieben, aber selbst die ausufernden Momente auf „Justice“ hatten in ihrem Aufbau, mit pointiert gesetzten Repetitionen und überraschenden Brüchen, einen beinah schon poststrukturellen Spannungsbogen, der fordernd, dabei aber schlüssig war. Auf „72 Seasons“ haben die langen Songs – und erst recht das überlange „Inamorata“ – einfach nur: Längen, sie öden über weite Strecken an, weil sie sich entweder verzetteln oder Überflüssiges exponieren. „72 Seasons“ wirkt wie eine Proseminar-Arbeit, bei der man in seiner lieben Not die Zeilenabstände vergrößert, um auf die geforderte Seitenzahl zu kommen.
Metallica liegt auch naturgemäß eine Härte zugrunde – und selbst vergleichsweise breitenwirksame Nummern wie „Until It Sleeps“ oder „The Memory Remains“ konnten eine Wucht, ein Grollen, eine schwelende Düsternis verzeichnen. „72 Seasons“ hingegen ist so hart wie Volbeat – die Dänen in allen Ehren, ihr Publikum wird ja auch bestens bedient, aber Elvis unter Strom setzen ist für Metallica, die sich stets im hauchdünnen Luftraum zwischen Hammer und Amboss bewegten, einfach zu wenig. Die größte Krux liegt wohl darin begraben, dass Metallica gleichförmig geworden sind – und wahre Härte, eine unheilschwangere Vehemenz erbricht nur durch Gegensätze. Man denke etwa an den Klassiker „One“, der zurückhaltend, beinahe zephirisch beginnt und sich schließlich zu einer brachialen Granate aufbäumt, die im Grande Finale pflügt, dass hierauf kein Gänseblümchen mehr steht. „72 Seasons“ wirkt wie ein hochgedopter Bodybuilder, dessen Hoden im breitbeinigen Schritt auf Stecknadelgröße geschrumpft sind.
Bleiben wir bei den Gegensätzen: Das größte Geschick in Metallicas Vergangenheit war es, das Gaspedal durchzudrücken und nicht erst bei einer Ampel oder Zebrastreifen ausrollen zu lassen, sondern unvorbereitet die Handbremse anzureißen. Auf „72 Seasons“ ist das Tempo – bis auf den Ausreißer „Lux Aeterna“ – gleichförmig, man ist zwar kein Sonntagsfahrer mit Wackeldackel und Hut, aber auch kein donnernder Bolide, der „fullspeed or nothing“ aufs Heck gepappt hat. Hetfield, das wissen Fans, legt sein Geld mittlerweile in einem Fuhrpark an – und wie auch dieser, der zuvörderst aus Custom Oldtimern wie einem 1932er Ford Roadster Black Jack, einem 1953er Buick Skylark Skyscraper oder auch einem 1937er Lincoln Zephyr VooDoo Priest besteht, cruist „72 Seasons“ bullig und eindrucksvoll durch die Gegend, brummt allerdings kraftlos allein um des Klotzens willen, lässt selten Motoren aufheulen. Positiv anzumerken ist, dass man sich wenigstens drauf verständigt hat, diese gleichförmige Bulligkeit nicht mit einem vierten Teil von „The Unforgiven“ zu stören – vielleicht haben Metallica und/oder ihre Einflüsterer zumindest verstanden, dass ihnen die spitze Empathie für Balladen spätestens seit dem ersten Teil dieser Trilogie abhandengekommen ist.
Solos. Metallica waren immer groß darin, zu solieren. Auf „St. Anger“ hat man damals komplett darauf verzichtet, das ließ die Platte mit auch so sonderbar wirken – und so kamen hierauf die Soli wieder, allerdings als: Solo. Erst kürzlich hat Gitarrist Kirk Hammett zu Protokoll gegeben, dass ihm das Solo in „Master of Puppets“ tierisch auf die Senkel geht – und zwar nicht, weil er es schon abertausend Male gespielt hat, sondern weil das Solo kein Solo, sondern integraler Bestandteil des Musikstückes ist – eine Eigenart, auf die allerdings alle großen Klassiker von Metallica bauen können, sei es (beispielsweise) „Wherever I May Roam“, „Battery“ oder „Creeping Death“. Bei all diesen Stücken waren die Soli technischer Natur Soli, ja, aber vielmehr ein Ausatmen des Songs und demnach ebenso elementar wie Bridge, Chorus, Verse – das Fundament, das Einatmen, um im biologischen Korrelat zu bleiben. Seit „Death Magnetic“ wirken die (zugegeben: versierten, und auch pointiert gesetzten) Soli zumeist – „Lux Aeterna“ ist hier eine rare Ausnahme – wie zwanghaft eingefügt, wie ein Puzzleteil, das nicht passen will, mit Gewalt aber passend gemacht wird.
Und letztlich, die Texte. Ich habe es bereits angesprochen, dass „72 Seasons“ als das Album verkauft wird, in dem Hetfield so intensiv und persönlich wie nie textet – und das, obwohl Metallica spätestens nach den textlich infantilen Frühwerken („Whiplash“, „Motorbreath“) immer schon große Geschichtenerzähler waren – egal, ob tatsächlich Geschichten wiedererzählt wurden („For Whom The Bell Tolls“), Geschichtsunterricht betrieben wurde („Creeping Death“, „One“), oder versucht wurde, seine eigene Geschichte aufzuarbeiten („Dyers Eve“). Doch Metallica – James Hetfield – war immer schon mehr als ein guter Erzähler von Kurzgeschichten, denn im Gegensatz zu stringenten Erzählungen, zum gelesenen Wort, braucht ein Song auch catchy Hooks, die sich nicht nur in die Gehörgänge, sondern auch in die Gehirnwindungen fräsen und spätestens bei Livekonzerten Hetfield aus abertausend Mündern entgegengebrüllt werden. Man denke an die „Master! Master!“-Rufe, man denke an „Searching, Seek and Destroy“-Duette, an das repetitive Gegröle von „Battery” oder auch an chorale Brachial-Passagen wie „Back to the front / You will do what I say, when I say / Back to the front“ oder „So let it be written / So let it be done / I’m sent here by the chosen one”. „72 Seasons” hingegen erzählt in 12 Teilen intensive Geschichten, zu großen Teilen vermutlich autobiographisch aus den ersten 18 Lebensjahren von James Hetfield – schneidet dabei auch so wichtige Tabuthemen wie Suizid an – hängen bleiben Passagen aber nicht.
Kann man also die 77 Minuten, die „72 Seasons“ braucht, um sich vom Anfang bis zum Ende zu erzählen, in die Tonne treten? Eine Frage, die so eindeutig nicht zu beantworten ist. Das engstirnige Klientel aus den Anfangstagen hat man ohnehin bereits seit Jahrzehnten verloren und wird es mit „72 Season“ nicht wiedergewinnen. Aufgeschlossene Fans werden wohl nicht zu Unrecht ein Ohr riskieren und so wie auf jedem Album einzelne Versatzstücke finden, die aufhorchen lassen – etwa „Lux Aeterna“ in voller Länge, Momente vom Titelstück, das Basssolo (!) von „Sleepwalk My Life Away“ und hier und da vereinzelt nette Ideen. Die-Hard-Lunatics werden „72 Seasons“ selbstredend und unhinterfragt abfeiern. Und die breite Masse derjenigen, die zwischen Volbeat und Alter Bridge „wahre Härte“ erkennen, werden kurzzeitig mit „72 Seasons“ in seiner Unauffälligkeit, Nebensächlichkeit, Banalität auch bestens bedient. Denn das macht Künstliche Intelligenz bereits jetzt, in ihrem Frühstadium, erstaunlich gut: die breite Masse befriedigen, indem wie bei Kleinkindern Ecken und Kanten geschliffen werden, wie im Populismus jedwede Tiefe glattgebügelt wird - klinisch versucht wird, Theorie zu vitalisieren.
"72 Seasons" von Metallica erscheint am 14. April bei Universal Music und ist bereits vorbestellbar. Bereits am Tag davor ist "72 Seasons" in ausgewählten Kinos, darunter in Cineplexx-Kinos und im Wiener Filmcasino, zu hören.
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