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Konzerte

Song for the Dead: Queens Of The Stone Age spielen unter Toten

18.12.2025 von Stefan Baumgartner

Grob 30 Meter unter den stark befahrenen Straßen von Paris liegen 8 Millionen Menschen bestattet: Die “Katakomben von Paris” sind ein Tourismusmagnet, über zwei Kilometer kann man sich durch das unterirdische Beinhaus gruseln. Im Sommer 2024 haben Queens Of The Stone Age - ja, die mit “Song for the Dead” - als erste Band dort ein Konzert gegeben: Ihr Publikum war totenstill.

Wenn man, wie ich, ständig in der Weltgeschichte herumreist, entwickelt man zu gewissen Städten über die Jahre eine gewisse Nahebeziehung und hat gewisse Anlaufpunkte, die bei jedem neuen Besuch stets angesteuert werden müssen: In Prag ist dies bei mir zum Beispiel das Musoleum von David Cerny, in Kopenhagen der Plattenladen Extremely Rotten, und in Paris nicht nur meine Lieblingsweinbar La Quincave und mein Lieblingsrestaurant Amagat, sondern auch die Pariser Katakomben.

Natürlich war ich auch schon im Beinhaus im Hallstatt, das die sterblichen Überreste der Gefallenen der Französischen Revolution zeigt. Eindrucksvoller ist jedoch das Beinhaus im tschechischen Kutná Hora, im Untergeschoss der Allerheiligenkirche mit rund 40.000 menschlichen Skeletten, wovon die Knochen von etwa 10.000 Menschen künstlerisch verarbeitet wurden. Mehr noch das Beinhaus bei der St. Jakobs Kirche im ebenfalls tschechischen Brünn, nach den Pariser Katakomben das zweitgrößte Beinhaus in Europa mit über 50.000 Bestatteten.

Doch die Pariser Katakomben sind dann noch einmal ein anderes Kaliber: Über fast 150 Stufen steigt man da inmitten der pulsierenden Stadt hinab in das Reich der Toten, wandert über zwei Kilometer vorbei an den Überresten von schätzungsweise 8 Millionen Menschen. Die Gebeine stammen hauptsächlich von Schließungen und Umstrukturierungen von Friedhöfen wie zum Beispiel Les Innocents im 18. Jahrhundert, da die Friedhöfe zu voll wurden. Unter den Millionen befinden sich auch die Überreste bekannter Persönlichkeiten wie der Renaissance-Schriftsteller François Rabelais und der Märchen-Schriftsteller Charles Perrault. Bereits mehrfach habe ich den Ort der Stille genossen - und die Vergänglichkeit hautnah atmen können.

Aufnahmen aus den Pariser Katakomben. Bilder: Stefan Baumgartner

Ähnlich bewegt von dem “Ort der Stille, an dem einen die Geschichte anbrüllt”, war wohl Josh Homme, der Chef von Queens Of The Stone Age. Er hat die Pariser Katakomben bereits ebenfalls mehrfach besucht, das erste Mal vor 20 Jahren. Schon lange träumte er von einem Konzert im Beinhaus, doch wiederholte Anfragen wurden von der Stadtverwaltung stets abgelehnt: 18 Jahre hatte Homme angeklopft, doch die Bürokratie hat ihm stets Steine - oder Knochen - in den Weg gelegt. Bis letztes Jahr: Im Juni 2024 durften Queens Of The Stone Age als erste Band überhaupt zwischen all den Gebeinen ein intimes, akustisches Konzert geben - ihr Publikum war naturgemäß totenstill, denn ein lebendes Publikum war bei diesem einzigartigen Ereignis nicht zugelassen, jedoch wurden Aufnahmen für die Nachwelt gemacht.

Im Infotext zeigt sich die Verwalterin der Katakomben, Hélène Furminieux, beeindruckt vom Resultat: “In die Tiefe zu steigen und dort mit Gedanken an den Tod konfrontiert zu sein, kann eine äußerst intensive Erfahrung sein. Josh Homme scheint das mit Körper und Seele erfasst zu haben. Die Aufnahmen resonieren perfekt mit dem Mysterium, der Geschichte und der Innerlichkeit des Ortes, was vor allem durch die subtile Nutzung der Stille der Katakomben spürbar ist.”

Und tatsächlich: Queens Of The Stone Age haben ihre Performance in der Tat nicht als morbide Geisterbahnfahrt angelegt, vielmehr merkt man dem immer wieder professionell wie auch privat arg gebeutelten (und beutelnden!) Homme seine Verbundenheit mit dem Ort und seiner Bestimmung an. Tatsächlich absolvierte er das Konzert in den Katakomben sogar fiebernd: Seine Klagestimme war schon immer eines der prägendsten Elemente von QOTSA, bei “Alive In The Catacombs” kommt sie nun vollends zur Entfaltung.

Troy Van Leeuwen, Michael Shuman, Dean Fertita und Jon Theodore spielen auf Akustikinstrumenten, mit Ausnahme des Keyboards, das improvisiert mit einer Autobatterie betrieben wird. Ketten und andere Improv-Instrumente werden da Teil der Performance, Unterstützung kommt zudem von Streichern - und nicht zuletzt von den Katakomben selbst: Wer schon einmal da war, weiß, dass in dem Gemäuer absolute Stille herrscht. Doch in manchen Stellen suchen Wassertropfen einen Weg in die Tiefe und Zugluft sorgt für ein konstantes Heulen: In “Alive In The Catacombs” werden diese Geräusche Teil der Performance.

Das Dokument für die Nachwelt

Diesen Sommer erschienen die Aufnahmen dann endlich auf Vinyl, die limitierte Deluxe-Edition war natürlich in Windeseile ausverkauft. Mittlerweile ist eine limitierte Standard-Version im Plattenladen des Vertrauens verfügbar. Im Herbst stellten Queens Of The Stone Age das reduzierte Klangprogramm in Amerika und Europa in kleinen Theatern und in einem speziellen Setting vor: Ich durfte am 18. Oktober diesem Happening im Teatro Lirico Giorgio Gaber in Mailand beiwohnen.

Queens Of The Stone Age im Teatro Lirico Giorgio Gaber, Mailand. Bilder: Andreas Neumann

Nun erscheint auch noch kostenfrei auf YouTube der Konzertfilm: Für die Aufnahmen war das Team der La Blogothèque unter der Regie von Thomas Rames zuständig. Die Produzenten haben sich in den Nullerjahren mit ihrer Videoserie “Concerts á emporter” einen Namen gemacht: Hierfür filmten sie Kurzkonzerte von Bands wie The Kooks, Of Monsters And Men, The National oder Arcade Fire, die allesamt an ungewöhnlichen Orten aufgenommen wurden. 

Und nun QOTSA in den Katakomben: Das knapp 30-minütige “Alive In The Catacombs” beginnt an der Oberfläche, auf den Straßen von Paris. Dann fährt die Kamera mit uns in die Tiefe, Lichter flackern, Schädel und Knochenformationen rücken ins Bild. Josh Homme liegt auf einem Altar und stimmt die ersten Zeilen von “Running Joke” aus “Era Vulgaris” (2007) an: “When I was a little boy I looked under the stairs …” Die insgesamt sechs Songs umfassen mehrere Schaffensperioden, rücken aber viele eher unbekannte Lieder wie “Kalopsia” aus “Like Clockwork” (2013) oder “Villains of Circumstance” aus “Villains” (2017) in den Vordergrund. Im Abspann hört man dann noch das bis dato unveröffentlichte Stück “Insignificant Other” - ob das bereits ein Teaser für ein neues Album ist, ist aktuell noch unbekannt.

Die großen Hits mögen fehlen, aber sie gehen nicht ab: So eindringlich, wie die Stücke gespielt werden, entführen sie den geneigten Hörer unweigerlich in einen Dialog mit der Endlichkeit. Insbesondere, wenn man noch eine geschichtliche Perspektive mitbedenkt: Es war die Band The Eagles Of Death Metal, in der Homme gemeinsam mit Jesse Hughes spielt, die auf der Bühne stand, als islamistische Terroristen im November 2015 den Anschlag auf das Pariser Bataclan mit fast 100 Toten verübten - darunter enge Freunde. Homme war damals nur deshalb nicht anwesend, weil die Geburt seines dritten Kindes unmittelbar bevorstand.

“Alive In The Catacombs” mag kurz und knapp geraten sein, aber außergewöhnlich und dringlich. Bloß geklatscht hat naturgemäß niemand. Neben dem Konzertmitschnitt selbst hat man zudem die begleitende Dokumentation “Alive In Paris And Before” veröffentlicht. Der Film von Regisseur Andreas Neumann nimmt Fans nicht nur mit hinter die Kulissen der einmaligen Performance, sondern gibt auch Einblicke, wie das Konzert zustande kam.


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Queens Of The Stone Age

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Infos auf dem Stand vom 18.12.2025  

Ticketalarm Queens Of The Stone Age
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