Bild: Hanna Fasching
Ein Samstag, Mitte Februar. Am Vortag war das selbstbetitelte Solo-Debüt von Sophie Lindinger veröffentlicht worden – 10 Songs, die in den letzten drei Jahren entstanden sind und eine Tour de Force durch Sophies Seelenleben abbilden. An diesem Samstag lädt Sophie ins Plateau in der Wiener Sechsschimmelgasse 10, eine rohe Räumlichkeit unweit vom WUK. An den Wänden hängen Acryl-Zeichnungen, die sie während der Schaffensperiode des Albums angefertigt hat, sie selbst nimmt im Schneidersitz auf einem Teppich am Boden Platz, mit der Gitarre und dem Verstärker, mit denen sie auch daheim ihre Songs geschrieben hat. Und sie spielt. Spielt beinahe das komplette Album, nicht ganz chronologisch – teils unter Tränen. Die Stücke gehen ihr nah, und auch das zahlreich erschienene Publikum fühlt mit ihr: Mehr noch als bei Leyya oder My Ugly Clementine lässt Sophie Urgewalten an Emotionen ausbrechen, Emotionen, die unter die Haut gehen. Und während die fragilen Klänge an den gesichtslosen Frauenkörpern, die von der Wand starren, zerstieben, geht im grauen Wien doch zumindest hier, als Trabant von Sophie, die Sonne auf, denn: In ihrer Zerbrechlichkeit liegt eine ungemeine Kraft.
Das Artwork stammt von Barbara Moura. Ich habe sie damals wegen des Covers kontaktiert, mittlerweile sind wir gute Freundinnen geworden. Ich finde ihre Arbeit, wie sie malt, sehr toll – sie hat mich von Anfang an fasziniert. Mir war klar, dass es für mich zu viel gewesen wäre, auch das Albumcover zu zeichnen. Da waren zu viele Bilder in meinem Kopf, dass ich das nicht sammeln konnte. Es war schlüssig zu sagen, ich lagere das aus – Barbara hörte sich mein Album an und malte dann mein Portrait. Ich habe ihr da voll vertraut, weil ich ihre Arbeiten bereits kannte.
Genau. Die sind in derselben Zeit entstanden. Ich finde, das ist eine gute Kombination, weil man mit Bildern die musikalische Geschichte gut anreichern kann.
Das weiß ich noch nicht. Ich hatte schon Überlegungen dahingehend, aber das Thema ist noch zu neu für mich.
Dass ich ausstelle, ja. Aber ich male schon seit ich klein bin.
Ich weiß nicht, ob ich das dingfest machen kann. Ich glaube, meine Musik und meine Bilder sind irgendwie so etwas wie Geschwister. Sie erzählen irgendwo eine ähnliche Geschichte, aber vielleicht aus einem anderen Blickwinkel. Man kann sie getrennt voneinander genau so konsumieren und man wird, vielleicht, eine ähnliche Geschichte erfahren. Oder vielleicht auch nicht.
Nein. Manchmal fühle ich einen Drang, einen Song zu schreiben, dann wieder, ein Bild zu malen. Aber dadurch, dass alles in derselben Phase entstand, wo ich mit denselben Themen zu kämpfen hatte, fließt es trotzdem irgendwie ineinander.
Das ist mir sehr wichtig. Ich male zwar mit Acryl, aber ich verwende Acryl wie Öl. Ich verwässere das Acryl sehr, damit ich es schön verblenden kann. Acryl ist eher dick und bleibt auch dick auf der Leinwand, Öl hingegen trägt man sehr wenig auf und man kann es dann sehr leicht verschwimmen lassen, weil es immer noch nass bleibt. Dadurch, dass ich das Acryl verwässere, trocknet es auch extrem schnell, was lustig ist, weil ich dann oft gestruggelt habe, das so hinzubekommen, wie ich will. Aber ich habe nicht umsteigen wollen (lacht). Der Struggle hat einfach sein müssen, weil ich genau diese Konsistenz der Farbe haben wollte. Mich nervt beim Öl, dass das so lange trocknen muss, außerdem musst du immer lüften, weil der Geruch sehr intensiv ist. Malen mit Öl ist dedication, aber die Muße habe ich nicht (lacht). Ich male, wie ich musiziere: spontan. Wenn ich auf etwas warten muss, dann verliere ich relativ rasch die Lust daran.
Es geht mir eigentlich um den nackten Körper generell, dadurch, dass ich den weiblichen besser kenne beziehungsweise meinen im Spiegel betrachten kann, ist mit der aber näher. Dass die Figuren keine Gesichter haben, ist damit begründet, weil man bei Fotos, Bildern oder auch im real life immer zuerst ins Gesicht schaut – mir geht’s aber um die Geschichte der Person und ich denke, man kann im Gesicht viel faken. Man kann, auch wenn man schlecht gelaunt oder depressiv ist, trotzdem ein Lächeln aufsetzen – der Körper kann aber nicht verdecken, wie es dir gerade geht. Der verspannt sich, hat Narben oder spricht durch Gestiken so viel mehr und ehrlicher als das Gesicht, wo man oft eine Maske trägt. Diese Maske wollte ich in den Bildern wieder wegnehmen.
Ich bin auch ein absoluter Gesichtsmensch, aber ich glaube, dass ich auch sehr sensibel auf die Körpersprache von einem Menschen reagiere. Ich merke da oft minikleinste Regungen, die andere gar nicht so mitbekommen. Gerade, wenn Gesicht und Körper nicht gleich sprechen, lese ich das sofort raus.
Nein, aber ich mag Kontraste, weil man mit Kontrasten Sachen gut hervorheben kann.
Voll, „Salt“ ist da ein gutes Beispiel dafür.
Die fließt hinein. Das Bild heißt „I Drank Too Much“, der Kopf wird zum Glas, die Flüssigkeit vernebelt den Geist. Es erzählt von Kontrollverlust, dass man sich nicht mehr konzentrieren kann und du dich irgendwie wie in einer anderen Welt fühlst – so ging es mir damals gerade. Es gibt von Leyya einen Song, „Am I Even Real?“, der drückt das Gefühl, dass irgendwas in meinen Kopf rinnt, das ich dann nicht mehr kontrollieren kann, auch aus.
Weil jeder Song eine Geschichte erzählt und das Album mehrere Geschichten versammelt und es in meinen Augen keinen Satz oder Namen gibt, der das alles treffend zusammenfassen könnte. Für mich hat es Sinn gemacht, dass meine Geschichten ganz einfach nur meinen Namen tragen. Das Album bin ich, das ist das tiefste Innere von mir.
Das war die ersten ein, zwei Jahre für mich ganz schlimm, aber man lernt, damit umzugehen. Früher habe ich mich sehr unwohl damit gefühlt, so persönliche Texte zu singen, ja, ich habe es richtiggehend gehasst. Aber mit der Zeit lernt man, dass es einem nicht jedes Mal so nahe geht. Es ist wie eine geschlossene Box mit all deinen Geschichten und Gefühlen darin – auf der Bühne mache ich dann die Box auf, nehme raus, was ich erzählen möchte, die Emotion, die ich für die Performance brauche, aber den Rest lasse ich in dieser Box. Mit den Dingen, die ich bewusst rausgenommen habe, kann ich arbeiten. Natürlich gibt es Tage und Phasen, wo mir das schwerer fällt, dann bleibt die Box einen Spalt offen und es strömt mehr hinaus, als ich eigentlich wollte, weil meine Geschichten natürlich immer tiefgehen und Teil von mir sind, aber der schöne Gedanke ist, dass die Leute, die dir zuhören, daraus dann ihre eigenen Geschichten bauen. Dieses Wissen, dass sich meine Geschichten dann auch irgendwie verfremden, ist für mich auch eine Möglichkeit, damit umzugehen.
Es gibt Songs, die diese Nähe nie verlieren, da bin ich jedes Mal wieder emotional so tief drinnen, dass es weh tut. Bei anderen verflüssigt sich diese Nähe, aber wenn ich sie mir wieder bewusst anhöre, wächst sie wieder. Es ist wie ein Geruch von früher, der verschwindet, aber sobald du ihn wieder riechst, sofort Erinnerungen weckt und dich wieder triggert.
Voll. Beim Geruch musste ich jetzt an den Labello Wassermelone denken, den ich früher geliebt habe, den es aber leider nicht mehr gibt. Irgendwann habe ich dann eine Box gefunden, wo auch einer dieser alten, leeren Labellos drinnen war und noch immer danach gerochen hat – das hat mich dann gleich zurückversetzt (lacht).
Das ist für mich eigentlich das Schönste, was passieren kann. Das ist vielleicht sogar der Grund, warum ich Musik mache – weil ich von Menschen angesprochen werde, dass ihnen meine Musik zum Beispiel durch schwierige Zeiten geholfen hat oder allein, wenn sie merken, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind, und es auch okay ist, so wie ich darüber zu sprechen. Da bekomme ich schon manchmal eine Gänsehaut, weil das schon ein krasses Gefühl ist, wenn man jemanden so berühren kann. Das ist für mich die beste Belohnung, auch wenn ich dann manchmal auch so ein Impostor Syndrom bekomme, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ich solche Emotionen auslösen kann …
Diese Angst habe ich glaube ich nicht. Man kann mir mein subjektives Empfinden nicht absprechen. Themen, die ich gestern oder heute angesprochen habe, sind Themen, wie ich sie zum jeweiligen Zeitpunkt empfunden habe – in fünf Jahren sind es vielleicht andere Themen oder andere Perspektiven. Aber sie sind immer Ich. Es muss sich niemand damit identifizieren können, das ist der Lauf des Lebens, dass man nie immer alle abholen kann. Ich denke da auch nie an andere, wenn ich texte.
Genau.
Es ist auf jeden Fall kein Sommer-Album (lacht), es passt zur kalten Jahreszeit – das hatte ich schon im Gefühl. Aber im Grunde bin ich spontan, oft sogar so spontan, dass alle anderen, die mit mir arbeiten müssen, auch einmal durchdrehen (lacht). Ich darf nicht zu viel über etwas nachdenken, weil dann ist es nicht mehr so, wie es sein soll.
Genau. Aber nicht, weil ich die Liebe dazu verliere, sondern weil ich weiß, dass es das Beste ist, was ich zu dem Zeitpunkt aussagen habe können. Wenn ich in drei Monaten anders empfinde, ist es trotzdem zum damaligen Zeitpunkt genau so und nicht anders richtig gewesen.
Die Grundsätze werden sich nicht verändern. Im Ablauf bastele ich vielleicht ein bisschen herum, spiele einen Teil länger oder kürzer oder gar nicht. Auch einen Text würde ich nicht umschreiben, außer ich komme drauf, dass ich eine Aussage getätigt habe, die heute zum Beispiel politisch inkorrekt ist, oder ein Wort verwendet habe, das negativ konnotiert ist, ich es aber damals nicht besser gewusst habe – das ist mir aber noch nicht passiert.
Es werden sich alle Abende irgendwie unterscheiden. In der Roten Bar spiele ich mit kompletter Band und das Konzert wird somit dem am Album am nächsten sein. Der heutige Abend ist genau so wie ich das Album geschrieben habe, allein am Boden mit Gitarre sitzend. Mehr Intimität geht für mich gar nicht (lacht). Beim Abend mit Mira spielen wir Songs von ihr, wo ich mitspiele – und umgekehrt. Das wird eine schöne Kollaboration mit unseren Songs. Das wird auch etwas Besonderes, weil wir beide sehr perfektionistische Musikerinnen sind, die ein besonderes, dabei aber ureigenes Gespür für Musik haben. Wir harmonieren, glaube ich, gut miteinander und das wird ein Abend mit sehr speziellen Versionen von unseren gemeinsamen Songs – und nicht nur für uns, sondern gerade auch für die ZuhörerInnen eine ganz besondere Erfahrung.
Wie wir singen, das ist ganz unterschiedlich. In der Art, wie wir performen, wahrscheinlich auch. Aber ich habe das Gefühl, wir sind sehr ähnlich im Verpacken und Verarbeiten von Themen, die uns bewegen. Wir haben beide einen ähnlichen Geschmack, sind beide offen und fragil, aber ich mag die Roughness und Imperfektion mehr, während Mira durchgeplant ist – da sitzt jeder Ton, jeder Griff. Das finde ich auch sehr bewundernswert.
Unterschiedlich. Wie ich mich gerade fühle und wie der Rahmen des Konzertes es verlangt.
Sophie Lindinger spielt am 24. Februar gemeinsam mit Mira Lu Kovacs im Wiener Konzerthaus, am 15. März im Linzer Posthof, am 16. März im Grazer Orpheum und am 5. April in der Roten Bar des Wiener Volkstheaters. Tickets gibt es bei oeticket.com.
Ihre Bilder sind noch bis 15. Februar im Plateau Wien, in der Sechschimmelgasse 10 im 9. Bezirk ausgestellt. Das Plateau ist zwischen 13 und 18 Uhr geöffnet.