Bild: Stereolab
Stereolab, das ist eine englisch-französische Indie-Post-Rock-Band, 1990 gegründet. Seit Anbeginn gut gepflegte Schubladen wie „Avantgarde“, „Post Rock“, „Kraut Rock“ oder „Retro Futurismus“ lassen Stereolab nerdiger klingen, als sie eigentlich sind: Denn die Briten sind Popmusik im eigentlichen – und besten – Sinne und somit nicht nur für jene Nischen-Connaisseure von Interesse, die zwischen Komplettismus und Querverweisen ihre Musikleidenschaft pflegen.
Das Kollektiv besteht im Kern aus Lætitia Sadier (Gesang, Keyboard, Gitarre) und Tim Gane (Gitarre, Keyboard), die Mitmusiker*innen wechselten im Laufe der Bandgeschichte häufig. Ihr Debütalbum „Peng!“ erschien 1992, ihr aktuellstes (und zehntes) Album “Not Music” hat mittlerweile 15 Jahre am Buckel: Seitdem haben sich Gane und Sadier bevorzugt auf andere Projekte konzentriert und erst seit 2019 wieder vermehrt von Stereolab hören lassen.
In den Neunzigern galt Stereolab als einer der innovativsten Acts: In ihrem gleichsam melodischen wie sperrigen Avantgarde-Pop kombinierten Sadier und Gane eine Vielzahl an Einflüssen, die von Krautrock und Jazz über Lounge und Funk bis hin zu Bossa Nova gereichen. Inspiriert von Bewegungen wie dem Surrealismus verarbeitete Sadier in ihren teils englischen, teils französischen Lyrics politische Sujets wie Krieg und Repression - ihr drittes Album “Emperor Tomato Ketchup” (1996) entlieh sich den Titel etwa vom gleichnamigen japanischen Film aus dem Jahre 1971, in dem es um Kinder, die das Gesellschaftssystem stürzen und die Erwachsenen entmachten, geht.
2019, nach ihrer selbsterwählten Pause, las man den Namen Stereolab erstmals seit langer Zeit wieder auf einem Festivalbilling - selbstverständlich am spanischen Primavera. Stereolab stand da zwischen Namen wie Interpol, FKA Twigs, Charli XCX, Tame Impala, Cardi B, Róisín Murphy und vielen mehr - und weder las sich, noch klang Stereolab am Festival selbst wie ein Fremdkörper: Zwar ist die Musik von Stereolab mit elektronisch experimentellen Frickeleien durchzogen und mit avantgardistisch anmutenden Endlosloops immer etwas sonderbar und eigenwillig, behält sich aber den poppigen Easy-Listening-Grundsound stets bei. Stereolab sind aller Experimente zum Trotz in erster Linie immer noch eine Pop-Band, bei der man gelegentlich eine Melodie auch mal mitstampfen kann: Man kann sich also durchaus frei dafür entscheiden, ob man als (alter, zumeist männlicher) Musik-Nerd ständig über den Klang nachdenken möchte, oder ob man als (jüngerer, weniger verkopfter) Genießer im breiten, großartigen und immer noch frischen Sounduniversum von Stereolab einfach aufgehen möchte.
Die zwei Eckpunkte von Stereolab sind Jazz und Pop - und von beiden Extremen zieht Stereolab das Beste heraus: So klingt Stereolab cool, aber elegant-stilvoll und nicht platt und pendelt dabei gekonnt zwischen einem einlullenden Ohrwurm-Sound, der sowohl bei Indie- als auch Elektro-Hörer*innen Zuspruch findet, als auch einem repetitiv-schwebenden, hypnotischen Rhythmus, der gerade live mit seinem analogen Touch für ein fast tranceartiges Konzertgefühl sorgt; Stereolab knüpft fein ziselierte Sound-Teppiche, auf die man sich legen und darin einwickeln lassen, daraufhin die Augen schließen und sich verlieren möchte.
Aber hört euch einfach den Tomatenkaiser von Anfang bis Ende an – dann versteht ihr, was ich meine. Wer sich irgendwo zwischen David Bowie und Sonic Youth, Placebo und Radiohead zuhause fühlt oder bei Daft Punk durch die Decke geht, wird Stereolab lieben, am 16. Juni im WUK einen Bonjourtropfen vergießen – und sich danach fragen, warum er dieses grandiose Sounderlebnis nicht schon viel früher für sich entdeckt hat.