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Konzerte

Violet Grohl live in Berlin: Definitiv mehr als nur ein Nepo-Baby

24.08.2026 von Stefan Baumgartner

Violet Grohl war vergangene Woche das erste Mal live in Europa, in Berlin: Die Musik von Dave Grohls Tochter mag von der Nostalgie der Neunziger geprägt sein – aber mit einer eigenen musikalischen Identität. Somit bewies sie: Sie ist mehr als nur ein Nepo-Baby!

Vergangene Woche Mittwoch lud im heimeligen Frannz-Club in der Berliner Kulturbrauerei die Newcomerin Violet Grohl mit ihrem Debüt-Album “Be Sweet To Me” im Gepäck zu ihrem ersten Konzert in Europa überhaupt. Eigentlich hätte das Konzert in deutlich kleineren Rahmen, im Mikropol, stattfinden sollen, aber die Karten gingen weg wie die sprichwörtlich warmen Semmeln: Grund dafür war wohl auch ihr Nachname, ist Violet doch die 20-jährige Tochter des ehemaligen Nirvana-Schlagzeugers und Begründers der Foo Fighters, Dave Grohl. Demnach fand sich im Saal nicht nur wie erwartet ein vornehmlich jüngeres und vor allem weibliches Publikum ein, sondern auch zahlreiche ältere, in Foo-Merch gewandete Herren wollten sich nicht entgehen lassen herauszufinden, was das Fräulein Tochter ihres Idols so treibt.

Und tatsächlich fällt in der Familie Grohl der Apfel nicht weit vom Stamm, allerdings etabliert sich Violet Grohl mit ihrer Musik rasch von diesem Damokles-Schwert: Es ist Privileg und gleichzeitig Bürde, dass sie sich auch bei ihrem eigenen Publikum mit dem Namen ihres berühmten Vaters beweisen muss. Umso mehr, wenn sich die Lebensrealitäten einer jungen Frau im Publikum nicht durchgehend widerspiegeln: Die alten Rocker, mit Bier in der Hand, die “wegen Dave Grohl” gekommen sind, lauschen aber dennoch auf, denn die 90ies-Ästhetik, die Violet Grohl in ihren Liedern verinnerlicht hat, kennen sie – und dank TikTok catcht dieser Vintage-Hype auch die jüngere Generation, die Altersgrätsche geht also auf.

Doch dabei begeht Violet Grohl nicht den erwartbaren Fehler, den Vibe ihres Vaters zu doppeln oder einfach nur zu “verweiblichen”, vielmehr lässt sie zwischen Anleihen an PJ Harvey, Björk, Alice In Chains und Hole, sowohl Indie-Sounds als auch Dream-Pop-Elemente aufblitzen, die ihren Sound rasch sowohl von Nirvana wie auch von den Foo Fighters löst. Insbesondere mit fortschreitendem Set wird zunehmend klar, warum ihr selbst die härtesten Kritiker aller Nepotismus-Debatte zum Trotz echtes Talent bescheinigen: Songs wie “Sun Is Blind”, “Often Others” und “Plastic Couch” sind Kleinodien, bei denen die Funken sprühen. Und gerade in ruhigen Momenten wie dem sphärischen “Pool Of My Dreams” schimmert ihre Stimme durch die Flut der Gitarren hindurch, wie ein Sirenen-Gesang, der selbst Odysseus verlockt hätte. Grohl gibt sich weder körperlich noch stimmlich expressiv, viel mehr introspektiv: Beinah bewegungslos und stets sanft lächelnd umklammert sie ihr Mikrofon und umspielt mit ihrer Stimme zärtlich und zaghaft das Publikum. Dabei wähnt man sich in einer cineastischen Welt, die von David Lynch geborgt zu sein scheint, in Szenen im nebulösen Zwischenfeld zwischen Licht und Schatten.

Ihre Melodien und die Art zu erzählen ist roh und echt, aber gleichzeitig poetisch. Ihre Lieder sind, wie die vieler ihrer Altersgenossinnen, ein Ventil für Gefühle: allerdings unaufgeregt, ohne den großen Gesten des Stadion-Rocks, ohne Animations-Gesänge im Mittelteil. Kein Wunder, dass sich Violet selbst auch auf der Bühne nur als schmale Silhouette, die sich kaum aus dem dunkelblauen Blacklight schält, präsentiert: Man mag es als Schüchternheit interpretieren, oder gar als Unsicherheit – es wäre jedoch Fehl am Platz. Immerhin stand sie 2018 bei einigen Shows der Foos bereits auf der Bühne, spielte mit ihnen im Rahmen einiger Tribute-Konzerte für Taylor Hawkins 2022 und als sich die überlebenden Mitglieder von Nirvana – Dave, Krist Novoselic und Pat Smear – für ein Set mit vier Songs beim Fire Aid Benefizkonzert in Los Angeles wiedervereinigten, sang Violet den letzten Song “All Apologies”.

Zu ihrer eigenen Musik würde eine frontalere, forsche Präsenz jedoch kaum passen. Vielmehr nimmt sie sich, als Person, zurück und gibt ihren irrlichternden Liedern den Raum zum Atmen: “Ich lasse mich von der viktorianischen Epoche inspirieren, ich liebe Stummfilme und den Vibe der Alternative-Szene der Neunziger, wo man zuerst in sich selbst hineingehört hat, bevor man seinen Frust ausgesprochen hat”, erzählt sie nach Konzertende zwischen Tür und Angel beim Nightliner. Und diesen Ansatz drückt sie nicht nur mit ihrer Musik, sondern auch mit ihrer Präsenz punktgenau aus.

Aber sie drückt auch Mut aus: Selbstbewusst vereinnahmt sie die für sie nostalgischen Momente, die auch ihr Vater mitgeprägt hat – und interpretiert daraus ihre eigene musikalische Identität. Sie macht unmissverständlich klar, dass sie des Vaters Tochter, aber noch viel mehr als das ist: Ja, ihre Lieder wirken wie eine Hommage an eine Zeit, die ihrer Geburt vorausging, sie aber dennoch ausmachen. Gleichzeitig ist ihre Musik aber auch den Neunzigern entwachsen und zeigt die Stärke Violets, mit Eigenwilligkeit ihre ureigene emotionale Direktheit aus eigener Perspektive zu erzählen. Ähnlich wie Lexi Jones, Tochter von David Bowie, die erst dieses Jahr ihr nach “Xandri” zweites Album “Version II” veröffentlicht hat, tritt sie nicht in die Fußstapfen ihres Vaters, sondern als Prozess aus ihnen heraus, während sie das tiefschürfende Erbe gleichzeitig hochhält: “Caught your shadow in a shadow”, wie es in Grohls “Big Memory” so schön heißt.

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