Bild: 2010 Entertainment / Giganten Film
Ein perfektes Paar: Der Salzburger Filmemacher Adrian Goiginger („Die beste aller Welten“) und der Wiener Sänger und Geschichtenerzähler Voodoo Jürgens haben mit „Rickerl – Musik is höchstens a Hobby“ einen Austropop-Film über einen Songwriter zwischen Rausch und AMS gedreht. Ein Gespräch über Versagensangst, Triggerwarnungen, tiefe Beisln und Deutsche in Wien.
Adrian Goiginger: Nein, gar nicht. In Deutschland wird der Film mit Untertiteln gezeigt.
Voodoo Jürgens: Ohne würd’s nicht gehen.
Goiginger: Im südlichsten Teil von Bayern vielleicht. Aber in München wird’s schon schwierig.
Voodoo: Dabei spiele ich in Bayern mehr Konzerte als in Österreich. In München ist es immer witzig. Dort redet ja eigentlich kaum noch wer Dialekt. Aber sie verstehen das Wienerische meiner Erfahrung nach ganz gut.
Goiginger: Ich habe Voodoos erstes Album „Ansa Woar“ gehört und war beim Hören von der bildhaften Sprache begeistert. Ich hatte gleich Bilder zu den Liedern im Kopf. Als nächstes habe ich mir Videos und Liveausschnitte angesehen und bemerkt: Das ist einer, der gern performt und eine Bühnenpräsenz hat. Also habe ich ganz klassisch über sein Management angefragt, ob er Interesse hätte an einem Filmprojekt.
Goiginger: Gemeinsam. Ich kann im Nachhinein gar nicht mehr sagen, von wem welche Idee kam. Aber es war nicht leicht, die Geschichte zu finden. Wir haben einiges ausprobiert und wieder verworfen.
Goiginger: Ein Entwurf wäre mehr ins Kriminelle und in den Untergrund gegangen. Das hat Voodoo aber nicht so getaugt.
Voodoo: Ich wollte ursprünglich die Lieder des ersten Albums zu einem Film verknüpfen. Das hat sich aber als zu komplex herausgestellt.
Goiginger: Der kreative Durchbruch kam, als wir sagten: Es geht um die Figur Rickerl, die an Voodoo Jürgens angelehnt ist, und um sein erstes Album – beziehungsweise die Vorgeschichte dazu. Wir starten, bevor er berühmt wird. Als zweite Ebene gibt es eine gespiegelte Vater-Sohn-Geschichte. Rickerl hat einen Sohn und gleichzeitig ein schwieriges Verhältnis zu seinem eigenen Vater. Dadurch wird es emotional.
Voodoo: Es ist nicht so, dass ich mich in dem Film nur selber runterreiße. Die Figur Rickerl handelt ganz anders als ich. Es ist auch nicht mein Leben, das im Film erzählt wird. Ich habe mich schon erst reinfühlen müssen. Der Deal ist der: Ich borge ihm meine Lieder und wir tun so, als wären es seine. Natürlich gibt es ein paar Anleihen an meine Geschichte, der Film spielt damit: Ich war zum Beispiel nie Totengräber, habe aber mal als Friedhofsgärtner gearbeitet. Und mir wurde beim AMS auch mal ein Job als Hochzeitssänger nahegelegt. Aber ich habe abgelehnt.
Voodoo: Das stimmt. Ich habe vor Voodoo Jürgens 12 Jahre Banderfahrung mit Die Eternias gemacht. Das war schön und später frustrierend, weil nach und nach alle Kollegen abgesprungen sind. Wenn du nur 75 Euro für einen Auftritt bekommst, die du dir noch dazu unter fünf Leuten aufteilen musst, merkst du irgendwann, dass das keine Zukunft hat. Von dem her sind im Film viele Sachen drin, die ich kenne. Ich war auch einmal an dem Punkt, wo ich mich gefragt habe: Wie lange will ich mir noch einreden, dass es sich mit der Musik ausgeht?
Voodoo: Gut. Mich hat das eh schon länger interessiert. In ganz jungen Jahren habe ich Partys gemacht und aufgelegt, unterlegt von selbstgemachten Kurzfilmen. Für die hat ein Freund mich gefilmt. Später kamen die Musikvideos. Diese Hauptrolle ist natürlich die bisherige Krönung.
Voodoo: Ich kann mir schon vorstellen, weitere Sachen zu machen, wenn mir wer ein gutes Drehbuch hinlegt.
Goiginger: Das ist ein großes Privileg, das du hast. Wer im Hauptberuf Schauspieler ist, muss oft nehmen, was kommt, weil es sein Job ist.
Goiginger: Ich glaube, er hat einfach Versagensangst. Die hat ihm sein Vater als Kind eingepflanzt und bis ins Erwachsenenalter am Leben gehalten. Der Vater hätte gern ge-sehen, dass Rickerl Fußballer wird. Er glaubt nicht an seine Musik. Daran hat der Sohn zu kiefeln.
Voodoo: Er hat Angst vor dem letzten Schritt. Lieber überarbeitet er die Lieder zum x-ten Mal.
Goiginger: Solang er nur mit dem Gitarrenkoffer rumläuft, wo seine ganzen Texte drin sind, bleibt alles in Schwebe. Wenn Rickerl nichts veröffentlicht, muss er sich auch nicht der Kritik stellen. Das kann ich als Regisseur total nachvollziehen. Manche Kollegen schneiden jahrelang an ihren Filmen. Ich glaube, sie haben einfach Angst sie herzuzeigen.
Goiginger: Die Figur kommt von mir. Ich hatte eh Angst, sie könnte ein bissl flach sein. Aber die Leute, die den Film bereits gesehen haben, hauen sich über ihn extrem ab. Eigentlich ist er ein lustiger und auch sympathischer Kerl. Und die Deutschen sind nun mal die größte Ausländergruppe in Wien. Logisch, dass sie im Film repräsentiert werden.
Voodoo: Sie sind am Aussterben, aber noch nicht ganz verschwunden. Wir fangen das letzte Zipferl davon ein. Einige Hütten gibt es noch, wir haben sie nicht extra für den Film so eingerichtet.
Voodoo: Naja, man muss das Medium Film schon nutzen. Ich war sehr dankbar, dass wir uns die Freiheit nehmen konnten zu rauchen. Das haben wir zugegeben auf die Spitze getrieben. Andererseits ist es noch gar nicht so lange her, dass an ganz vielen Orten geraucht wurde. Rickerl verweigert halt das Rauchergesetz und raucht weiter.
Goiginger: Schon eine Menge. Es ist reizvoll, nostalgisch zu leben. Das geht mir auch so, obwohl ich erst 32 bin. Nach dem Motto: Früher, noch vor Social Media, war es so gemütlich.
Voodoo: Viele Leute sagen, dass sie eigentlich von dem ganzen Handyzeug überfordert sind und zu viel Zeit damit verbringen. Dafür spricht auch die Sehnsucht nach so Sachen wie Vintage und Vinyl. Trotzdem wollen wir, dass alles immer schneller wird. Ein komplexes Thema.
Goiginger: Das war nicht meine Idee. In den letzten paar Jahren ist man einfach extrem sensibel geworden bei diesen Dingen. Teilweise gibt es schon Triggerwarnungen vor Filmen. Im Abspann finde ich das noch okay.
Voodoo: Im Normalfall wird durch so einen Hinweis ein Film für die, die ihn noch nicht anschauen sollten, nur noch interessanter.
Voodoo: Der klassische Schmäh wäre, dass alle auflaufen, die man kennt. Da waren wir uns schnell einig, dass wir das nicht wollen.
Goiginger: Ich habe eigentlich nur Leute besetzt, die nicht so ganz bekannt sind. Es wäre so leicht gegangen, wahrscheinlich hätten die großen Namen auch mitgemacht. Aber das wäre ein anderer Film gewesen. Wir wollten lieber frische Gesichter. Viele kamen auf Empfehlung von Voodoo, eigentlich könnte er ein Castingbüro aufmachen.
Goiginger: Ben haben wir bei einem klassischen Kindercasting gefunden. 200 haben sich gemeldet. Sie mussten auch kurz ein Austropoplied ansingen. Ben ist herausgestochen, weil er die Rapid-Fanhymne gesungen hat. Die ganzen Rapid-Sachen im Film sind von ihm gekommen. Obwohl du auch Fan bist, oder?
Voodoo: So stark ist mein Fantum nicht. Ich hätte auch einen Austrianer gespielt.
„Rickerl” läuft am 19. Jänner in den heimischen Kinos an.
Voodoo Jürgens spielt dieses Jahr wieder mehrfach in ganz Österreich, darunter geht es auch auf intime Clubtour durch Wien. Tickets gibt es bei oeticket.