Bild: Astrid Knie
Wien ist nicht laut, aber bestimmt. Nicht euphorisch, aber intensiv. Grantig, aber herzlich. Wien ist Hochkultur und Gegenkultur gleichermaßen: Da kann in einem Theater, wie dem Volkstheater, schon auch einmal laut musiziert werden, oder im Stadttheater Walfischgasse André Heller bei seinem Remassuri eine Zeitreise durch das Wienerlied kredenzen, das einzigartige Heurigengefühl auf eine Theaterbühne holen. Die Popkultur der Stadt lebt von Zwischentönen, lakonischem Humor und dem Gefühl, dass Schönheit und Weltschmerz durchaus koexistieren dürfen – nicht trotz, sondern wegen einander. Man lebt mit den Brüchen – und macht Kunst daraus. Die Wiener Popkultur hat keine Eile: Sie ist reflektierend und nur in Zwischentönen eskalierend. Sie atmet Kaffeehaus, Beisl, Parkbank - slow motion mit Seele. Man weiß, dass alles irgendwann den Bach runtergeht – aber mit Stil bitte, und am besten mit einer Dose Ottakringer oder einem Spritzer-Glaserl Gemischter Satz.
Spirituelle Mitte dieses urbanen Mindsets ist irgendwie die Wiener Arena, auch wenn sie am Stadtrand liegt: Die Arena ist ein Ort, an dem Indie und Haltung, Punk und Kunst, Subkultur und politische Aussagen seit Jahrzehnten friedlich koexistieren. Die Arena ist ein gewachsener Mythos, der nie museal wirkt, weil er ständig neu aufgeladen wird - mit DIY-Spirit, Konzerten und Kollektivgefühl - und ja, auch einem Becher Bier oder Wein.
Zugegeben, es ist bei mir erst selten vorgekommen, dass ich bei einem Besuch in der Arena nur fünf Achterl getrunken habe - aber trotzdem passt es wie die Faust aufs Auge, wenn das Wiener Kollektiv 5/8erl in Ehr'n kommenden Spätsommer (also: 2026!) die 20 Jahre, in denen sie nun bereits ihren “Wiener Soul” zelebrieren, in der Arena begießen wollen.
Wie kaum eine andere Band aus Österreich mäandert das Quintett zwischen dem musikalischen Zeitgeist der Stadt, verankert im Soul, Jazz, Blues, Groove und dem urigen Gefühl des Wienerlieds, ohne dabei aufgesetzt wie ein touristisches Mitbringsel für unsere deutschen, amerikanischen oder asiatischen Besucher zu wirken: Seit zwei Jahrzehnten reisen sie mit uns tief in die wienerische Seele, mit Liedern, die das alltägliche Leben und das ureigene Wiener Lebensgefühl aufgreifen, insbesondere aber auch das Gemeinschaftsgefühl propagieren. Dass man sich dabei das eine oder andere Achterl gönnt, ist für die 5/8erl in Ehr'n ebenso wie für den typischen Wiener (und die Wienerin!) natürlich selbstverständlich - nirgendwo sonst ist das Hockenbleiben bei einem leicht alkoholischen Getränk derartige Selbstverständlichkeit, der Spaß am Leben allen Widrigkeiten zum Trotz zentrales Element in der Existenzverständlichkeit.
Bei 5/8erl in Ehr'n wird noch geraucht ("Siasse Tschick"), dem Wiener Badespaß ("Badeschluss") und der Kaffeehauskultur ("Cafe Laternderl") gehuldigt und der Bobo mit einem Augenzwinkern belächelt ("Geh bitte Bobo"). Aber auch, wie am neuen Album “Burn On!”, das dieses Frühjahr erschien, dem Alltagsstress gegengesteuert und eben der Wiener Gemütlichkeit einen Raum gegeben: „Ruhe macht Panik“, „Arbeit 2.0“ und „Am Ende des Tages“ drehen sich da etwa um den Stress des Alltags, die permanente Getriebenheit durch die Macht des Kapitals, dem Outlook-Terminkalender, Microsoft Teams und der ständig schwelenden Illusion, sich dieser Welt irgendwie entziehen zu müssen, um auch einmal durchatmen zu können - eine Illusion, die in der Zauberzwischenwelt der Arena tatsächlich zumindest für einen Moment Wirklichkeit werden kann, wenn der grausliche Alltag plötzlich abgebeutelt wird, sobald man die Tore der Arena durchschreitet und sich bei der Zapfanlage ums erste Achterl oder die erste Halbe von vielen anstellt …
Doch nicht erst in anderthalb Jahren, wenn 5/8erl in Ehr'n Mitte September 2026 in die Wiener Arena laden, ist das wunderschöne, urige Areal in St. Marx einer der besten sommerlichen Rückzugsorte in unserer pulsierenden Großstadt. Bereits in Kürze startet nämlich die diesjährige Open-Air-Saison unter dem imposanten Schornstein des ehemaligen Schlachthofs und liefert Abend für Abend ein Erlebnis, das vielleicht nicht viel besser ist, als die Seele an einem griechischen Strand baumeln zu lassen, aber tausendmal besser als das schnöde Balkonien.
Wir haben euch einige der zahlreichen Highlights in der Open-Air-Arena zusammengetragen, Abende, an dem es nur aufgelegt ist, sich mit ein, zwei kühlen Kaltgetränken gemütlich auf die Wiese zu chillen und zur untergehenden Sonne der besten Musik, die die Stadt zu bieten hat, zu lauschen:
Bereits am 3. Mai ruft die Arena den Sommeranfang aus, also gut anderthalb Monate vor dem offiziellen Saisonbeginn: Turbobier laden gemeinsam mit Dritte Wahl und Montreal zum Turbofest und haben sich mit ihrem trinkfreudigen Punkrock-Inferno auf die (Bier-)fahne geschrieben, dass man Feste feiern soll, wie sie fallen. Aber auch beim Erdberger Stadtentwicklungsfest mit WIZO (16. Mai), Pennywise (21. Mai) und Madsen (30. Mai) stehen die knackigen Gitarren im Fokus, während für den 24. Mai die wunderbaren und wundervollen Cari Cari Schmetterlinge und Sonnenstrahlen für Erdberg vorbestellt haben.
Nicht erst 2026, sondern bereits diesen Sommer laden die 5/8erl in Ehr'n auch schon in die Arena, versammelt am 25. Juni doch das Integrationshaus unter dem Motto “Be a Mensch” neben ihnen doch auch so Hochkaräter wie Christopher Seiler, Der Nino aus Wien, Ernst Molden, Skero und Schiffkowitz. Außerdem werden am 18. Juni My Ugly Clementine ihre große Sause nachholen, die vergangenen Sommer buchstäblich ins Wasser gefallen ist. Apropos Wasser: Bereits am 4. Juni kommen Feine Sahne Fischfilet “in Frieden” in die Arena - und das ist gut so! Sommerfeeling kommt allerdings auch aus dem fernen Ecuador und der etwas weniger fernen Schweiz, wenn Hermanos Gutierrez am 22. Juni das Open-Air-Areal in ein Potpourri aus Wüste und Küste, angetrieben von Sonnenuntergängen und Sonnenaufgängen verwandeln …
Nicht Ecuador, dafür Jamaika steht im Juli am Programm der Open-Air-Arena: Am 15. Juli bringt uns Shaggy eine ordentliche Portion Reggae- und Dancehall und wird so für eine ausgelassene Partystimmung sorgen - wie auch Jan Delay mit seiner Disko No. 1 am 22. und 23. Juli ein Fest irgendwo zwischen Groove und Schweiß kredenzen wird: Das finden wir wunderwunderwunderschön! Da die Arena aber nicht nur für Party, sondern vor allem auch für die Liebe einsteht, darf natürlich auch nicht auf Max Herre & Joy Denalane vergessen werden, die am 20. Juli nicht nur Soul, sondern vor allem ganz, ganz viel Liebe im Gepäck haben!
Mehr “Balkonien” als im August in der Arena geht nicht, denn Provinz bringen uns sogar den “Pazifik” am 1. August direkt vor die Haustüre! Wer da keine Lust auf den Sommer bekommt, bei dem spielt es eindeutig Granada - die übrigens am 16. August mit viel Bussibussi den Puls ordentlich nach oben pfeffern werden. Aber da es auch im Sommer besondere Ausreißer braucht, freuen wir uns insbesondere auch auf den Afrojazzfunk von GOAT, die am 27. August mit Graveyard und Arabrot einen transzendenten Abend in Erdberg ausrufen werden, einen Abend, aus dem man geläutert hervorgehen wird!
Vom “Tanzen bei der Arbeit” singt Josh. - wer, wenn nicht er, passt also perfekt in die Welt der Arena, wo der Arbeitsalltag abgebeutelt wird? Nach seiner umjubelten Stadthallen-Show, die kürzlich auch auf Vinyl veröffentlicht wurde, wird er am 24. und 25. September mit uns gemeinsam den Sommerausklang in der Arena begehen. Bevor wir uns vorerst vorm Sommer verabschieden müssen, darf aber auch noch bei HVOB am 11. September (mit beeindruckender Lichtshow!), Buntspecht (20. September) und der Antilopen Gang (12. September) ebenfalls getanzt werden, während am 7. September Der Nino aus Wien auch wieder mehr als nur einen guten Grund im Gepäck hat, sich ein Achterl oder mehr in der Arena zu gönnen.
Ich weiß, das Leben ist kein Wunschkonzert. Aber wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, dass 5/8erl in Ehr'n ihre 20 Jahre Bandgeschichte kommenden Sommer nicht nur mit besonderen Gästen und Weggefährt*innen feiern wird, sondern der Abend auch von einer anderen ur-wienerischen Band eröffnet wird, die mir in den letzten Wochen besonders ans Herz gewachsen ist, weil auch sie den Wiener Charme, die Wiener Lebensfreude und die Wiener Gemütlichkeit in absoluter Perfektion zelebriert: Lusterboden.
Im zarten Alter von 13 Jahren haben sich die beiden Lustenbodener Florian Klingler und Merlin Miglinci beim Erich-Kästner-Stück „Pünktchen und Anton“ auf der Probe-Bühne im Dachgeschoss des Burgtheaters, dem sogenannten Lusterboden, kennengelernt. Seitdem ist nicht nur viel Wasser die Donau hinabgeflossen, sondern auch ein paar Weiße Spritzer die Kehlen der jungen Wiener, die mittlerweile Anfang 20 sind und vergangenes Jahr dem Lusterboden auch ein musikalisches Gewand verpasst haben: 2024 erschien ihr erstes gemeinsames Musikalbum „Sturz auf Wien“ – ihrer Generation zum Trotz ganz im Geiste des archaischen Wienerlieds.
Dabei klingt Lusterboden nicht nur ur-wienerisch, sondern atmet auch tatsächlich den ureigenen Charme - kein Wunder, ist den beiden jungen Herren doch das Lebensgefühl in die Wiege gelegt worden: Merlin ist Ur-Ur-Ur-Enkel von Johann Schrammel, während Florian mit Georg Kreisler („Tauben vergiften“, „Der Tod, das muss ein Wiener sein“, „Wien ohne Wiener“) auf der elterlichen Couch aufgewachsen ist, weil er der beste Freund seines Opas war – seinen Einfluss hört man vielleicht am deutlichsten am Meisterstück „Der Guckguck“ auf „Sturz auf Wien“.
Lusterboden erzählt uns Geschichten vom Tretbootfahren auf der Donau, von Meidlinger Romanzen, von der gefühlt immer kurzgeführten U4 und natürlich dem Weltuntergang, der als Damoklesschwert seit jeher drohender über Wien schwebt als selbst im nahen St. Pölten. Dabei changiert das Duo gekonnt zwischen dem melancholischen Charme von Voodoo Jürgens und der euphorisierenden Keckheit von Die Ärzte und lässt „Sturz auf Wien“ so zu einem kurzweiligen Stück kontemporärer Musikgeschichte gereichen, das es wie kaum ein anderes modernes Album versteht, die enervierende Hektik der Moderne für einen Moment auszublenden und stattdessen bei einer weiteren Runde Weißer Spritzer in der flauschigen Melancholie des Einst Erdung und Revitalisierung gleichermaßen zu finden: Wer, als ihr “Glühwürmchen Walzer” wäre also eine bessere Eröffnung dafür, an einem Abend in der Arena fünf Achterl oder mehr in allen Ehr'n zu genießen?