Bild: Björn Franck
Bands, die Mythen, Folklore, Sagen und Traditionen leben, haben längst den Mainstream erobert. Anhand der Tiroler Perchta, der Norweger Wardruna und der gesamtnordischen Heilung begeben wir uns auf die Suche nach alten Göttern und Geistern – und wie sich die Konzepte mit der Gegenwart verknüpfen lassen.
Vorm Auftritt von Perchta beim diesjährigen The Fall-Festival in der Wiener Szene darf ich als Begleiter des Fotografen Mäuschen spielen: Frau Percht und ihre gestandenen Musiker stimmen sich ein, die Frontfrau schminkt sich in aller Ruhe, während sich die Herren in ihre Lederhosen quetschen, mit Bier auf die bevorstehende Show anstoßen und im breitesten Tiroler Dialekt zur Motivation aufrufen. Als Symbol der Verbundenheit drückt die Chefin ihren Musikern einen schwarzen Handabdruck ins Gesicht, zum internen Ritual gehört natürlich auch ein „Mander s’isch Zeit!“-Ruf, bevor es endlich losgeht.
Auf der Bühne nimmt dann das Visuelle genauso viel Raum ein wie das Akustische: Die Bühnendekoration besteht aus Ästen, Knochenfragmenten von Wildkadavern und Familienerbstücken. Frau Percht steckt in einem „Kasettl“ aka „Röcklgwand“, eine Tracht, die nur im Tiroler Unterinnental zu finden ist. Der Mikrofon-Hexenbesen, die Trommel, die Teufelsgeige und der Ranzen wurden nach ihren Vorgaben von Schmieden, Schneiderinnen und Instrumentenbauerinnen aus der unmittelbaren Umgebung angefertigt. Selbst bei den Perchten – also den Musikern – wird nichts dem Zufall überlassen. „Für mich ist die Verbindung zu meinen Ahnen über diese Reliquien äußerst wichtig“, erzählt uns Frau Percht im Gespräch, „nahezu alles Visuelle ist handgemacht und besteht aus Naturmaterialien.“
Sie gründete das Projekt ursprünglich solo 2017, seit dem Ende der Corona-Pandemie ist Perchta als vollständige Band live auf Bühnen zu sehen. Das neue Album „D’Muata“ steht unter dem Banner „Schuiterschluss da Schwestanschåft“ und animiert zu mehr Verbundenheit unter Frauen. „Die Texte sind stark von meinem eigenen Leben als Hebamme, Mutter und Frau inspiriert. Ich betrachte Perchta gerne als Gesamtkunstwerk, denn für uns ist das Konzept hinter der Band und den Alben mindestens genauso wichtig wie die Musik, die wir schreiben. Vollgepackt mit Symbolik und Anspielungen auf das aktuelle Weltgeschehen gibt es hinter dem folkloristischen und rustikalen Mantel viel zu entdecken. Sei es etwa der Naturschutz in ,Erdn‘ oder das präsente Thema der häuslichen Gewalt gegen Frauen in ,Ois wås ma san‘. Wir zeigen gerne mit den scharfen Klauen der Perchta auf gesellschaftliche Probleme und regen somit zum Nachdenken an.“
Der Rückbezug auf Traditionen, Folklore, Sagen und Mythen feiert auch abseits des Tiroler Berglands große Erfolge. Vor exakt zehn Jahren gründete sich das deutsch/dänisch/norwegische Kollektiv Heilung als Nordic-Ritual-Folk-Band, um ihre Musik basierend auf originalen Artefakten und überlieferten Texten aus der Eisen- und Wikingerzeit mit den Hörern zu teilen. Man möchte mit den urig-metallenen Sounds laut Eigenbekunden Meditations- und Trancezustände hervorrufen, die den Kontakt mit dem inneren und heilen Selbst herstellen sollen. Auch bei Heilung werden absurd anmutende Behelfsmittel wie Knochen und Speere zum Instrumentarium gerechnet, die Gesangswelt variiert – je nach Bandmitglied – zwischen Kehlkopfgesang, keifendem Flüstern oder die auch von der Band The Hu bekannt gewordene tibetisch-mongolische Gesangsweise. In den teils altnordischen Texten geht es um Sexualmagie, Götter und Geister. Mit ihrer Musik stießen Heilung in ein neuheidnisches Trend-Wespennest, dessen Ursprünge im westnorwegischen Bergen zu verorten sind.
Dort sorgt Einar Selvik mit seinem Lebensprojekt Wardruna seit mehr als 20 Jahren dafür, dass nordische Spiritualität und Weisheit einem Publikum in der postmodernen Kapitalismusgesellschaft nähergebracht werden. Als Grundlage dient ihm die nordische Runenkunde und seine Liebe zu Originalinstrumenten aus längst vergangenen Tagen, die Selvik mit Gitarre, Schlagzeug und einer modernen Produktion verknüpft. „Das Sammeln dieser alten Instrumente ist eine Beschäftigung, die eigentlich nie endet“, erklärt er uns im Gespräch, „an meinem ersten Album habe ich sieben Jahre gearbeitet, weil ich nicht nur die Instrumente oder Werkzeuge dafür finden, sondern mir auch die Fertigkeiten draufschaffen musste, um sie zu spielen.“ Die Beharrlichkeit zahlte sich bei Selvik aus. Sein aktuelles Album „Kvitravn“ (2021) landete auf Platz eins der österreichischen Albumcharts – ganze zehn Positionen höher als in seiner norwegischen Heimat. Die Sehnsucht nach dem Alten und Traditionellen ist für ihn absolut nachvollziehbar.
„Wir moderne Menschen haben in der heutigen Zivilisation den Kontakt zur Natur verloren – die Menschen waren früher viel direkter mit ihr verwachsen. Die Faszination heute liegt darin, dass man sich gerne von diesen Zeiten inspirieren lässt, sie romantisiert, studiert und gerne in sie hineinversetzt. Dieses Romantisieren der Vergangenheit und der Eskapismus sind für viele Menschen unheimlich wichtig, weil sie meditativ wirken und das brutale Tempo der Gegenwart für eine gewisse Zeit einbremsen. Ich sehe meine Musik als eine Brücke von heute in diese Vergangenheit und lade alle ein, den Weg mit mir zu beschreiten.“
Wenn man musikalisch oder literarisch in die Sagenwelt von früher reist, dann kreuzen sich alpenländische Folklore und nordische Mythologie immer wieder. Das ist ein Mitgrund, warum neben den Tirolern Perchta auch die Nordländer Heilung und Wardruna bei uns so erfolgreich sind. „Wir sind alle eins und haben den gleichen Ursprung. Ich liebe diesen verbindenden Gedanken“, führt Frau Percht aus, „das erste Album von Wardruna gehört zu meinen persönlichen Top-10-Werken überhaupt. Ich habe die Band nachher nicht mehr so genau verfolgt, zehre aber immer noch davon. In erster Linie freue ich mich aber darüber, dass in Teilen der Gesellschaft ein Sinneswandel stattzufinden scheint. Dieser musikalische Trend geht meiner Ansicht nach Hand in Hand mit dem bewussteren Leben vieler Menschen einher, das sich in einer veganen Ernährung, der Müllreduktion oder einem Klimabewusstsein widerspiegelt. In einer Welt des Überflusses mit einer konsumgesteuerten Gesellschaft tut es gut, sich auf Beständigkeit, Echtheit und Vertrautheit zu besinnen.”
Die auditive wie auch visuelle Authentizität, die alle Projekte mit sich tragen, erfordert auch eine gewisse Form der inhaltlichen Akkuratesse. „Wenn ich diesen Traditionen und Mythen aus der Vergangenheit eine Stimme gebe, dann will ich das mit der größtmöglichen Wahrheit und Nachvollziehbarkeit machen“, so Selvik, „hoffentlich kann ich dabei einige Stereotype aufklären und die Menschen mit der korrekten Geschichte erreichen.“ Frau Percht sieht ihr Projekt vor allem als Angebot. „Wir möchten nicht missionarisch tätig sein, indem wir den Leuten unsere Glaubensgrundsätze eintrichtern. Die uns umgebenden Wunder der Natur, sowie die liebevollen und detailverliebten Traditionen unserer alpenländischen Kultur mit all ihrer Symbolkraft ergeben durch alle Jahreszeiten hindurch einen unstillbaren Fluss an Inspiration ohne stupiden patriotischen Hintergedanken.“ So beruft sich Selvik auf die Details der nordischen Mythologie, während uns Perchta in die weitläufige Sagenwelt der Tiroler Seitentäler entführt. Neoliberalismus und Leistungsgedanken haben hier keinen Platz.
Alle drei Projekte sind nicht nur von einer besonderen Leidenschaft, sondern auch von einer stringenten Perfektion durchzogen. Weder optisch, noch akustisch wird etwas dem Zufall überlassen. Wer Sagen, Mythen und Legenden der alten Tage in die Jetztzeit transferiert, hat naturgemäß wenig Spielraum für den Zufallsfaktor. Die musikalischen Protagonisten spielen ihre Projekte nicht nur, sie leben sie. „Die Einstellung und Philosophie von Perchta spiegelt sich in meinem Alltagsleben wider“, erklärt Frau Percht, „in der heutigen Zeit ist es wichtiger denn je, mit sich selbst und der Umgebung im Einklang zu leben. Mir ist es wichtig, mich auf jene Dinge zu besinnen, die das Leben einzigartig und wertvoll machen. Dazu gehören keine materiellen Errungenschaften, Aktienspekulationen oder eine Mainstream-Anerkennung.“ Selvik ergänzt: „Für die meisten war die Ruhe während Corona nur eine temporäre Wahrnehmung, aber sehr viele haben gesehen, dass man sich für eine lebenswerte Zukunft anders auf dieser Welt bewegen muss. Ein bisschen mehr so wie früher.“