Bild: Nuclear Blast
Wenn sich das Jahr dem Ende zuneigt, hat jeder Mensch unterschiedliche Rituale, sich auf den nahenden Jahreswechsel einzustellen. Die einen starten mit der Black Week in den vorweihnachtlichen Shoppingwahn, die anderen wandern vom einen Punschstand zum nächsten, wieder andere backen Unmengen an Kekse, mit denen die Büros zwangsbeglückt werden ("Schmeckt viel besser als von meiner Oma, danke!"), wieder andere zappen sich durch die Weihnachtsfilme auf den Streaming Portalen ("Kevin"! "Schöne Bescherung!" "Terrifier"!) - und ich setze mich hin und plane die Metal-Festivals, die ich im kommenden Jahr besuchen möchte: Immerhin muss ja auch der Urlaub in der Firma beantragt werden.
Wird es 2025 das Party San in Deutschland? Gorgoroth (auch live am The Fall in Wien!), Napalm Death, Grave (mit old-school Line-up!) und der Quasi-Morbid-Angel-Nachfolger I Am Morbid sind gute Argumente. Alternativ sprechen auch viele gute Argumente (und nicht nur die Bierpreise) für das tschechische Brutal Assault: Auch hier spielen Grave im originalen Line-up, aber auch Avulsed, das Bathory-Tribute Blood Fire Death (das ich dieses Jahr am Beyond The Gates in Norwegen erleben durfte), Macabre, Malevolent Creation, Mayhem, Suffocation und viele mehr versprechen erneut ein Billing, das nur wenige Wünsche offen lässt. Oder doch lieber ein Flug in die Niederlande, wo am Stonehenge Autopsy, Dismember, Macabre und Nile neben anderen mein Bedürfnis nach Krach befriedigen? Alternativ könnte ich auch wieder ins norwegische Bergen auf das Beyond The Gates fliegen - King Diamond, Triptykon mit einem Celtic-Frost-Set und Destruction, die den 40. Geburtstag von "Infernal Overkill" zelebrieren werden, sprechen Bände. Die Qual der Wahl wird mich wohl noch einige Wochen beschäftigen.
Aber nicht nur im Ausland, auch innerhalb unserer österreichischen Landesgrenzen gibt es einige Festivals, die einen harten Sommer versprechen:
Eine Institution ist freilich das Kaltenbach Open Air am Semmering: Marduk, Inquisition, Horna, Archgoat, Vader, Severe Torture und noch viele mehr sprechen dafür, einen Ausflug dorthin zu wagen, wo sich ansonsten Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Ebenfalls bestens etabliert ist das Sick Midsummer am Bäckerberg Scharnstein: Bolzer, Dead Congregation, Hell Militia und Fleshcrawl sind hier einige der Namen, die danach trachten, den geneigten Besucher durch die drückende Hitze des Sommers zu peitschen. Oder doch lieber aufs steirische Area 53, um gemeinsam mit Blackie Lawless und W.A.S.P. "Fuck like a beast!" zu grölen? Ebenfalls mit einem Fragezeichen in meinem Kalender vermerkt ist das ebenfalls steirische Metal On The Hill - zwar ruft Power Metal im Normalfall bei mir eine nicht sonders wohlige Gänsehaut hervor, aber an den älteren Alben von Blind Guardian habe ich (neben Grave Digger) zumindest einen kleinen Narren gefressen. Und nicht zu guter Letzt ist da natürlich das Metal Fields im burgenländischen Wiesen, das dieses Jahr mehr als erfolgreich sein Revival gefeiert hat und sich anschickt, 2025 noch größer und noch besser zu werden ...
Das Festivalgelände im burgenländischen Wiesen spielte - neben der Arena und dem alten Planet Music in der Adalbert-Stifter-Straße - in meiner jugendlichen Metal-Sozialisation bereits früh eine große Rolle: 1998 spielten da Rammstein im Rahmen des Forestglade Festivals auf ihrer "Sehnsucht"-Tour. 1999, ebenfalls am Forestglade, Marilyn Manson auf seiner "Rock is Dead"-Tour. 2000, erneut am Forestglade, Nine Inch Nails, 2001 im Rahmen des Two Days A Week-Festivals Fear Factory, Fantomas (!) und erneut Marilyn Manson, im selben Jahr auch Judas Priest, Motörhead, Behemoth, Biohazard, Enslaved und noch viele mehr am Mind Over Matter. 2002 gab es am Two Days A Week etwa Pungent Stench, The Dillinger Escape Plan und Slipknot (!), 2003 Soulfly am Forestglade und Marilyn Manson auf seiner "Gorotesk Burlesk"-Tournee. Ich könnte die (in meinen Aufzeichnungen sicher auch nicht vollständige) Liste wohl noch länger weiter führen und in Erinnerungen schwelgen, aber ja: In den letzten Jahren ist es in Wiesen ruhiger, beinahe beschaulich zugegangen - bis eben dieses Jahr das Metal Fields mit u. a. Belphegor und Misery Index den Metal zwischen die Erdbeerfelder zurückbrachte.
War man dieses Jahr noch etwas vorsichtiger, setzte bevorzugt auf österreichische Bands und bespielte "nur" die Indoor-Bühne, wagt man sich am 25. und 26. Juli 2025 nicht nur auf die große Open-Air-Bühne, sondern lässt das Line-up auch internationaler, größer werden.
Allen voran steht da natürlich einer der beiden Headliner - die franko-kanadische Hyperblast-Maschine Kataklysm, die neben Death, Cannibal Corpse, Pungent Stench und Dismember tatsächlich eine der ersten wirklich harten Bands waren, mit denen ich aus meinem Jugendzimmer heraus meine Eltern nervte: Die Debüt-EP "The Mystical Gate of Reincarnation" und der erste Langspieler "Sorcery" zählen auch heute noch mit zu den besten Veröffentlichungen, die die Death-Metal-Szene jemals erbrochen hat. Zugegeben, mit dem Sängerwechsel 1998 sind Kataklysm etwas "sauberer" geworden, aber auch ihr aktuelles Album "Goliath" wird dem Titel mehr als gerecht.
Da kann man nur gespannt sein, welchen zweiten Headliner das Metal Fields - angeblich noch vor Weihnachten! - aus dem Hut zaubert.
Wirklich gut geraten ist auch der "Mittelbau" des Metal Fields: Die New Yorker Hardcore-Institution Pro-Pain vorzustellen, hieße, Eulen nach Athen zu tragen. Das Quartett rund um Gründungsmitglied Gary Meskil veröffentlicht seit 1992 eine Granate nach der anderen und hat selbst mich, damals noch engstirniger Metaller, bereits früh 1994 mit "The Truth Hurts" gefesselt - wer in Dampfwalzen-Musik sogar ein Saxophon-Solo einbauen kann, hat wirklich Eier.
Eier haben auch Demolition Hammer, ebenfalls aus New York. Neben der übergroßen Konkurrenz von Metallica, Slayer, Testament, Kreator und Exodus sind sie in den frühen Neunzigern zwar ein bisschen untergegangen, aber neben den französischen Massacra ("Enjoy the Violence"!) sind Demolition Hammer mit das Beste, was der Thrash Metal jemals herausgebracht hat: "Tortured Existence" und "Epidemic of Violence" sind Meilensteine der Thrash-Geschichte, die dermaßen durch die Botanik pflügen, dass selbst eine "Jumanji"-Stampede dagegen ein Lärcherl ist. Übrigens hätte ich eine gute Idee für ein Trinkspiel am Metal Fields: Kauft euch eine Flasche Schnaps und trinkt bei jedem "Fuck", "Motherfucker" oder "Fucking", das Steve Reynolds ins Mikro brüllt, ein Stamperl. Ich verspreche euch, den Rausch spürt ihr noch am Metal Fields 2026!
Ordentlich pflügen werden auch Midnight, die uns erst dieses Jahr mit "Hellish Expectations" ein Album vor den Latz geknallt haben, das sich zwar ungeniert bei Carnivore, Venom und Motörhead bedient, dabei aber nicht nur auf die sprichwörtliche 12 geht, sondern den Zeiger sogar noch ein gutes Stück darüber hinaus peitscht. So und nicht anders muss ein Bastard zwischen Speed Metal, Black Metal und Punk klingen - und gerade live gibt es nur wenige Bands, die es verstehen, den Bierdurst derart rasant in die Höhe zu treiben! Erst bei ihrem letzten Konzert im Viper Room fragte ich mich, ob sich Athenar samt Bandkollegen kurz vorm Auftritt noch geschwind ein Red Bull-/Koks-Gemisch direkt ins Herz gespritzt haben - so oder so: "Fucking Speed and Darkness" heißt nicht nur einer ihrer (besten) Songs, sondern ist zweifelsohne auch Programm.
Im krassen Gegensatz zum Speed steht das deutsche Funeral-Doom-Quartett Ahab, das - leitet sich der Bandname immerhin vom Walfang-Epos "Moby Dick" ab - wohl den Neusiedler See wieder zu einem vernünftigen Pegelstand verhelfen wird, sodass die tosende Gischt vielleicht gar die Pannonia Fields in Nickelsdorf stärker zwangsbewässern wird als die 150.000 Nova Rocker nur wenige Wochen davor. Einem Mahlstrom gleich ziehen Ahab mit extremer, bedrückender Schwere musikalisch gekonnt umgesetzt in die dunklen Abgründe der Tiefsee, so gewaltig wie die Ozeane selbst, entführen aber mit weitläufigen Melodien gleichzeitig auch in die schier weite Endlosigkeit der See - das klingt dann mal melancholisch, dann wieder kantig, mal dunkel, mal licht, aber stets mächtig.
Reisen Ahab in die Tiefen der Meere, entführen uns ihre Landskollegen The Spirit in den Kosmos - zum "Cosmic Terror" und "Galactic Structures", um zwei Albumtitel zu zitieren. Ohne Grabschändung begehen zu wollen: Möglicherweise würden Dissection heute nicht unähnlich zu The Spirit klingen, hätte Jon Nödtveidt nicht zu früh (2006) das Zeitliche gesegnet - aber die gekonnte Mixtur aus melodischem Death Metal und apokalyptischen Black Metal ist zweifelsohne von den Schweden ein Stück weit abgeschaut.
Emotional und fesselnd sind auch die Portugieser Gaerea, die nach einem Besetzungswechsel am Gesang heute noch mehr auf Extreme und Kontraste denn je zuvor setzen: Die ruhigen Stellen sind weicher geworden, die Härte wirkt dagegen umso unerbittlicher - im Grunde fahren sie ein ähnliches Programm wie Behemoth, nur besser. Das darf gern mal sperrig klingen, dann aber auch wieder eingängig, mal brachial, dann auch wieder einlullend - so bleiben die Spannungsbogen immer in Bewegung und die Klanglandschaft, in die uns Gaerea entführen, wird sich zweifelsohne herausragend in die sanften burgenländischen Hügellandschaften einfügen.
Neben den zahlreichen internationalen Gästen ist aber auch die heimische Szene am Metal Fields stark vertreten: Denn wenngleich Österreich nicht (mehr) in der absoluten Spitzenliga mitmischt, verstecken braucht sich der österreichische Metal auch nicht - und darf sich insbesondere ob seiner stilistischen Breite rühmen.
Das geht von Crossover-Thrash (Insanity Alert) bis hin zu sagenumwobenen Pagan/Folk (Perchta), von Ambient Black Metal (Ellende) bis hin zu Speed Metal Punk (Ewig Frost), von Snuff Goregrind (VxPxOxAxAxWxAxMxC) bis hin zu Epic Doom für Candlemass-Aficionados (Endonomos), von Depressive Black Metal (Weltenbrandt) bis hin zu Deathcore (Below Babylon) und zu Post Metal (Glare of the Sun).
Die vergünstigten Early-Bird-Tickets gibt es nur noch kurze Zeit, inkludiert sind Parken und Zelten. Wenige hundert Meter vom Festivalgelände entfernt befindet sich das Park- und Campingareal. Egal, ob im Kirschengarten, im Nusswäldchen oder auf der sogenannten Märchenwiese: Camping gehört zum Wiesen-Festivalfeeling einfach dazu. Ganz bewusst wurde dieser Bereich auch so naturnah wie möglich gestaltet beziehungsweise belassen. Solltet ihr mit einem Camper anreisen, benötigt ihr zusätzlich ein Caravan-Ticket, solltet ihr doch lieber ein Dach über dem Kopf bevorzugen, finden sich auf der Wiesen-Homepage einige umliegende Unterkünfte.
Auch wenn Wiesen nicht innerstädtisch zentral gelegen ist, man muss nicht zwangsweise mit dem Auto anreisen - auch die Bahn führt umweltfreundlich nach Wiesen. Wie ihr genau hinkommt, verrät euch ebenfalls die Wiesen-Website.