Und selbiges Königreich ist tatsächlich keine B-Ware, mit der man nach Abebben etwaiger Tantiemen verzweifelt versucht, noch an etwas Geld zu kommen – „Smut Kingdom“ fügt sich tadellos in das Spätwerk ein, rangiert ob der etwas knackigeren, forscheren Produktion vielleicht sogar ein gutes Stück über dem vormaligen Letztling und hat mit „Aztec Holiday“ und „Devil’s Work“ sogar zwei herausragenden Hits vertreten: Erster ein testosterongestählter, hemdsärmeliger Stampfer, der in den Neunzigern, als im WWF das Hormon noch wie der Schweiß floss, auch durchaus als Einmarschmusik von Randy Savage herhalten und trotz zwischentoniger Grungenote durchaus auch auf „Been Caught Buttering“ stehen hätte können; Zweiter eine nonchalante Nummer, die zumindest musikalisch spielerisch ihren Platz auf „Club Mondo Bizarre“ finden hätte können und in ihrem holprigen Galopp selige Erinnerungen an „True Life“ weckt: Martins forsch gebelltes „Uh!“ hat selbst im fortgeschrittenen Alter noch mehr Eier als das Hetfieldsche „Yeah!“, und zwar die eines brünstigen Südkapers. Auch der Titeltrack ist – wie so oft bei Stench – nicht von ungefähr titelgebend für die Platte: „King of Smut“ ist ein abgehacktes, forsches und unmanierliches Züngeln in den Po-Delta, ein gierig in Speichelfäden sich ereifernder Rimjob. Ja, ob der gravitätischen Brillanz gleißt gar die eine Szene aus Disneys „Der König der Löwen“, in der Mufasa seinem Sohn Simba am Königsfelsen thronend die Sache mit dem Herrschaftswechsel erklärt, in leicht abgewandelter Form vor dem inneren Auge auf – nur dass dem Herrscher über den „Smut Kingdom“ nicht all das, was das Licht berührt, gehört, sondern eben das blank glänzende Tal, in dem die Sonne nie scheint.
„Smut Kingdom“ hat jedoch auch ein Alleinstellungsmerkmal, das zwar nicht vermag, selbiges nahtlos an die gerühmten Frühwerke anschließen zu lassen, jedoch über die bloß akzeptablen Spätwerke zu stellen: El Gore am Bass ist in seinem Spiel näher an Jacek Perkowski dran, als es Reverend Mausna und insbesondere Fabio Testi je waren. Und gerade das Bassspiel war die größte Krux auf der bisslosen, ja beinahe seriösen „Masters of Moral … Servants of Sin“ und der experimentierfreudigeren, doch gelungenen „Ampeauty“: Wie bereits einleitend angedeutet lebt Pungent Stench nicht von einer ausgefeilten Technik oder überbordendem Filigran, vielmehr von der ur-wienerischen Eigenart, sich in der Sonne der Imperfektion zu suhlen. Der Wiener ist grantig, blad und schiach – aber trotz der Fuseln nun einmal Nabel der Welt. Und so tut es partout Not, dass gerade die Rhythmusfraktion nicht zwangsweise stringenten Linien folgt: Mike G. Mayhem, der aktuell für das Schlagzeug verantwortlich zeichnet, ist eine gut geölte, stählerne Maschine: exakt, punktgenau, im Stechschritt Marsch. Doch vermag er es nicht wie Alex Wank, der Ehemalige und somit ehrwürdige Rector Stench, mit einem räudigen Holterdiepolter querbeet zu stieben – jeder, der während (!) der Öffnungszeiten vor verschlossenen Türen Wanks‘ Totem Records stand und darauf wartete, bis selbiger endlich gemächlich ein Extrawurstsemmerl kauend daher geschlendert kam, weiß ob des Laissez-Faire seines Bewegungsapparates. Und eben diese, nur bedingt Normen folgende und manchmal bewusst schlampig zappelnde Extravaganz war eines der elementarsten Fundamente von Pungent Stench – eine Schrulligkeit, wenn man so mag, die sich ebenso an den Bassläufen dingfest machen ließ. Und hierin fand man letztlich in El Gore wohl den einzig möglichen, den einzig akzeptablen, ja: vermutlich den einzig trefflichen Nachfolger zum verhinderten Jacek – sein Spiel ist ein in schwedischen Fuzztönen wütendes bewusstes Understatement, eine pointierte Schlampigkeit, für die sich seine beiden Vorgänger zu gut oder zu unbeholfen zeigten – jedoch sein Nachfolger Danny Vacuum, das muss man eingestehen, akzeptabel nachzuahmen weiß.
Auf „Smut Kingdom“ klingen somit Stench
endlich wieder nach Stench – und das ohne selige Verklärung der Vergangenheit, ist das Album wenngleich jungfräulich unbefleckt ja nun doch schon ein Jahrzehnt alt – immerhin doch noch ein paar Jährchen vom Schutzalter entfernt. Ja, der ganz derbe, räudige Zacken in der Krone wird auch auf „Smut Kingdom“ vermisst – doch die Entwicklung von Stench läuft nun einmal analog zu jener von Entombed: Werden die Nasenhaare länger, wird der Groove schwerfälliger, das Gebolze weniger. „Naturgemäß“, würde Thomas Bernhard sinnieren – und sich gemeinsam mit Pungent Stench wie eine räudige Sau in einer zwiderwurzigen Übellaunigkeit suhlen. Tot ist der König noch lange nicht, er mieft nur ein bissi.
Pungent Stench präsentieren in ihrer aktuellen Besetzung Schirenc/Mayhem/Vacuum „Smut Kingdom“ am 11. Mai im Rahmen der Pre-Party zum Vienna Metal Meeting im Viper Room. Tickets gibt es bei oeticket.com.