Hosea Ratschiller präsentiert in ORF1 („Pratersterne“) den heimischen Kabarettnachwuchs, beantwortet seit 15 Jahren als FM4 Ombudsmann sämtliche Fragen und wird 2020 mit dem Österreichischen Kabarettpreis für das beste Programm des Jahres ausgezeichnet. Der gebürtige Kärntner, der 2017 in „Harri Pinter, Drecksau“ sein Leinwanddebüt gegeben hat, verpackt in seinem aktuellen Programm „Ein neuer Mensch“ philosophische Blicke auf das tägliche Leben in Geschichten, die ebenso zum Lachen wie zum Nachdenken anregen.
Aber anders als ich hat die Figur einen recht leichtfüßigen Umgang mit Fakten. Dafür bin ich im wirklichen Leben weniger rastlos. Die größte Gemeinsamkeit ist: Wir stellen uns beide die Grundsatzfrage: Ist die Ordnung, die man selbst lebt, tragfähig genug, um sie den Kindern weiter geben zu können? Das war ausgelöst durch das Greta-Thunberg-Phänomen: Mich hat gewundert, wie man so einen Hass gegen so ein kleines Mädchen entwickeln kann. Meine Erklärung dafür ist, dass man sich einfach ertappt fühlt – in seiner Untätigkeit und im Sich-Abfinden.
Die Figur ist ganz neu. In den bisherigen Programmen war ich der Entertainer im Anzug, der eine große Show hinlegen will und an diesem Vorhaben katastrophal scheitert. Das war lustig. Aber der Neue ist netter und offenherziger. Der kommt von Anfang an ins Erzählen, der will nix nehmen, sondern was geben. Die Figur ist deutlich näher an mir als alles, was ich bisher im Kabarett gemacht habe. Ich bin privat nicht so jähzornig wie sie, aber was wir gemeinsam haben, ist unsere große Feigheit.
Im Leben abseits des Rampenlichts bin ich ein feiger Mensch. Ich bin zum Beispiel niemand, der sich Gewalt entgegenstellen würde. Ich habe Angst vor Gewalt. Und wenn jemand autoritär auftritt, habe ich dem wenig entgegen zu setzen. Aber auf der Bühne traue ich mich viel. Bevor ich den Applaus für mich entdeckt hatte, war mein Leben nicht besonders toll. Die Bühne ist der sicherste Ort, den es für mich gibt. Dass ich mich da hinstelle, hat weniger mit Mut zu tun als mit Sehnsucht. Gelassenheit und Souveränität gibt es für mich nur im Spiel.
Humoristische Kunst kann ganz schön viel leisten: Das Scheitern wird ganz offen gezeigt. Und Scheitern ist etwas sehr Lebendiges, denn Leben ist immer Scheitern. Wir scheitern, mal besser und mal schlechter – aber dass wir scheitern, davon kann man ausgehen. Humor nimmt die Angst davor. Damit stehen wir Komiker im Gegensatz zu diesen autoritären Figuren, die gerade überall auftauchen. Die schüren die Angst vor dem Scheitern. Und dann müssen sie die ganze Zeit so tun, als wären sie unfehlbar. Diese Simulationen von Unfehlbarkeit enden im schlechtesten Fall im Führerbunker. Komik hingegen kann das Scheitern ganz offen zeigen und wirkt dadurch eventuell sogar demokratisch: Man muss nicht immer hundertprozentig recht haben! Es gibt keine endgültigen Lösungen. Wir leben mit Problemen, mit schönen und schirchen. Und das lässt sich mit Humor besser aushalten.
Das ist jedenfalls eine Aufgabe, der sich einige Kollegen bewusst stellen. Und Polemik ist auch eine würdige Disziplin. Aber mich interessiert Komik mehr. Mich fasziniert, wenn jemand sich hinstellt und zeigt, dass man sich auch irren kann, dass man manchmal gegen die Wand rennt. Der Clown hat ja eine rote Nase, weil er sie sich dauernd irgendwo anhaut. Ich mache Komik, weil sie diesen Aspekt des Scheiterns nicht ausklammert, sondern der Unvermeidlichkeit ins Gesicht lacht. Komik zeigt, dass es einen Moment gibt, nach dem Verlust der Souveränität. Und der kann sehr schön sein.
Ja, sehr. Aber auf der Bühne möchte ich Geschichten erzählen. Meinungsmache ist nicht mein Antrieb. Ich möchte, dass die Zuschauer einen vergnüglichen Abend haben. Dass Politisches in meinen Geschichten anklingt, das liegt daran, dass ich mich selbst dafür interessiere, wie wir unser Zusammenleben organisieren können. Ich finde es aber immer ein bisschen schwierig, wenn Tagespolitik und Komik vermischt werden. Eine Pointe ist ja eine Zuspitzung. Das finde ich selten sinnvoll, wenn es um politische Gedanken geht. Sowas poste ich lieber auf Facebook, wo niemand Eintritt zahlen muss. Oder, wenn mich jemand ausdrücklich darum bittet. Dann bin ich geschmeichelt und schreibe mit heißen Ohren einen Artikel. Im Theater mag ich lieber spielen und nicht recht haben.
Ja, ich bin ein offener Befürworter. Es wird auf der Welt immer Folter, Ungerechtigkeit und Krieg geben. Aber es gibt keine andere Staatsform, in der Veränderung möglich bleibt. Immer! Ich bin ein Fan der Demokratie und sehe es überhaupt nicht ein, wenn man schlampig mit ihr umgeht.
Ja!
Tagespolitik spielt bei mir auf der Bühne keine Rolle. Oder zumindest nur ganz selten.
Ja, politische Strömungen schon. An einem Soloprogramm schreibe ich gut eineinhalb Jahre. Ich muss mich von der Tagespolitik befreien und Themen finden, die mich so sehr interessieren, dass ich sie dann lange Zeit erzählen möchte. So ein Stück spiele ich ja drei, vielleicht sogar vier Jahre lang. Es fließt bei mir sehr viel Arbeit in den Text und in die Proben, ich arbeite mit sehr viel Leidenschaft. Mein Ziel sind Geschichten, die einen Anfang, ein Ende und dazwischen eine überraschende Entwicklung haben. Es interessiert mich nicht, bestehende Meinungen zu bestätigen oder um einen Millimeter zu verschieben. Ich will, dass auf der Bühne wirklich etwas passiert.
Der Grundgedanke dieser Nummer war: Wenn man an einer Stelle seinen Lebensstandard erhöht, muss alles andere nachziehen, sonst wird es gefährlich. Denn wenn man nur das bessere Brot kauft, dann liegt das zu Hause in einer Umgebung, in die es nicht hineinpasst. Wir leben ja in einer Welt, in der so Vieles möglich scheint – aber man kann sich trotzdem immer nur für Eines entscheiden. Wenn man die Auswahl aus zehn Möglichkeiten hat, ist das okay. Aber wenn man zehntausend Möglichkeiten sieht und sich trotzdem nur für eine entscheiden kann, dann erzeugt das großen Frust. Noch dazu, wenn man dann bemerkt, dass der eigene Spielraum durch den sozialen Status stark eingeschränkt ist. Da wird man dann wütend. Um diesen Frust geht es in der Brot-Nummer. Ich habe dafür natürlich in verschiedenen Edel-Geschäften recherchiert – es gibt tatsächlich diese Figuren, die völlig ungeniert an der Warteschlange vorbeigehen und sagen: Ich war zuerst da, ich bin jetzt dran! Das ist echte Autorität. Und die wird von den anderen Menschen in diesen Geschäften akzeptiert.
Im Gegenteil. Ich bin eher jemand, der dazu neigt, sich noch weiter hinten anzustellen. Erstens kennt mich an so Edel-Orten niemand, weil diesen Menschen das, was ich mache, völlig wurscht ist. Und andererseits trage ich dieses Gefühl, privilegiert zu sein, nicht in mir. Dieses Gefühl muss, glaube ich, über Generationen wachsen.
Überhaupt nicht. Null. Ich weiß, dass ich keine bin. Ich wohne in einer Gegend von Wien, wo nicht sehr viele Menschen „Pratersterne“ im Fernsehen anschauen, geschweige denn FM4 oder Ö1 hören. Aber wenn ich aus irgendeinem Grund in den 6. oder 7. Bezirk oder auf den Yppenplatz muss, dann werde ich schon beobachtet. Kommt mir zumindest so vor. Vielleicht ist das aber nur eitle Paranoia.
Ich genieße schon sehr, dass nach zehn Jahren, in denen ich den Beruf des Solo-Kabarettisten ausübe, die Leute langsam wirklich wegen mir in die Vorstellung kommen und nicht mehr nur, weil sie einfach irgendein Kabarett sehen wollen. Das war ein weiter Weg. Und ich bin sehr dankbar, dass es jetzt so ist. Aber ich habe überhaupt kein Bedürfnis danach, auf der Straße angesprochen zu werden.
Ich empfinde mich als am unteren Rand der Mittelschicht angesiedelt. Ich habe nie etwas geerbt und ich lebe, seit ich 18 bin, von dem, was ich selbst verdiene. Dass ich es hinkriege, von den Dingen, die ich mache, zu leben, macht mich stolz. Das gebe ich gerne zu. Ich bin aber tatsächlich in einer Einkommenskategorie, in dem kein Geld über das hinaus übrigbleibt, was ich im Monat brauche. Das heißt: Wenn ich krank werde, bekomme ich echt ein Problem. Und Corona ist auch nicht hilfreich.
Als ich am Anfang gesagt habe, dass ich künstlerisch arbeiten möchte, hat das nicht direkt Jubel ausgelöst. Wobei, bei meinen Eltern war es nicht so schlimm. Sie wollten zwar auch, dass ich studiere, aber bei den Großeltern habe ich sorgenvolle, mitleidige Blicke geerntet.
Hosea ist der Name eines biblischen Propheten und sein zentraler Satz lautet: „Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten." Das ist, wie ich finde, ein guter Slogan, auch für einen Kabarettisten. Der Pfarrer hat sich damals übrigens geweigert, mich auf diesen hebräischen Namen zu taufen, deshalb steht im Taufschein Andreas. Aber in allen amtlichen Dokumenten heiße ich Hosea. Meinen Eltern hat der Namen einerseits einfach gut gefallen und andererseits heißt der Sohn von Rudi Dutschke (Anm.: ein ehemaliger deutscher Studentenführer und Politaktivist der 68er-Generation) Hosea Che. Das Che ist mir erspart geblieben und dafür bin ich bis heute dankbar.
Programmtipp: Am 8. Dezember wird Hosea Ratschiller beim Österreichischen Kabarettpreis der Programmpreis verliehen werden - die Ausstrahlung ist am 18. Dezember um 23:10 auf ORF 1 zu sehen! Live spielt Hosea Ratschiller "Ein neuer Mensch" laufend in ganz Österreich - darunter im Dezember/Jänner im Kabarett Niedermair, im Linzer Posthof, im Februar un der Arge Kultur Salzburg und im März und April wieder im Niedermair sowie im Kleines Theater Salzburg. Tickets gibt es bei oeticket.com.