Remassuri, die „ungewöhnliche Reise“ in die Vielfalt wienerischer Musik, wächst über die Landesgrenze hinaus und im Rahmen von “Remassuri Contemporary” in die Gegenwart hinein.
Vor geraumer Zeit hatte der große österreichische Poet André Heller wie auch schon vor gut 10 Jahren, als er nahe Marrakesch den im wahrsten Wortsinn fantastischen „ANIMA“-Garten anlegen ließ, eine „gute Idee“: Nicht unähnlich zu seinem Anliegen im Jahre 2018, das renommierte Wiener Urania-Puppentheater „Kasperl & Pezi“ zu übernehmen und so den Fortbestand des wichtiges Wiener Kulturguts zu sichern, reanimierte er dieses Jahr nun mit seiner neuen Produktion „Remassuri“ wieder den Spielbetrieb im nicht minder prestigeträchtigen stadtTheater Walfischgasse im 1. Wiener Gemeindebezirk, einem Haus mit lediglich 270 angenehmen Sitzen, das bereits Ende der Fünfziger vom legendären Musiker und Kabarettist Gerhard Bronner eröffnet wurde und seitdem eine gleichermaßen glanzvolle wie rege Geschichte durchlief.
Das Wort „Remassuri“ bedeutet im Wiener Dialekt ein „lustiges Lärmen“ oder auch eine „tolle Geschichte“ – umgesetzt auf den kongenialen künstlerischen Ansatz von André Heller ist sein Remassuri nun eine „ungewöhnliche Reise in die Vielfalt wienerischer Musik“ geworden: Gemeinsam mit der Schauspielerin Ursula Strauss und dem Liedermacher Ernst Molden schuf er eine etwa 75 minütige Revue, die mit Musik und Gesang sowie Schauspiel eine Zeitreise durch die lange Geschichte des traditionsreichen Wienerlieds vollzieht.
Dabei ist dies freilich kein Einstand von André Heller mit dem Wienerlied: Bereits in den Siebzigern besang er in seinem „Wienlied“ das „unheilige Wunder um dieses Wien“ und zerlegte gemeinsam mit Helmut Qualtinger unter dem Titel „Heurige und gestrige Lieder“ das „goldene Wiener Herz“, in den Achtzigern spielte er von Werner Schneyder ins Wienerische übersetzte Chansons von Jacques Brel.
Über fünfzig Jahre später gelangte nun, im März dieses Jahres, sein Remassuri-Schatz zur Uraufführung, ein „kleines Sehnsuchtsprojekt“ von Heller, wie er erzählt: „Es ist eigentlich ein kleines Sehnsuchtsprojekt von mir, einmal in einem spielerischen Umgang mit der wienerischen Musik eine Art Revue zu machen, in der Junge und Alte, Ausländer und Inländer einen Schimmer davon bekommen, wie unterhaltsam, manchmal auch herzzerreißend, abseitig, inseitig und inspirierend dieses wienerische Komponieren und Singen sein kann.“
Bei Remassuri im kuscheligen stadtTheater Walfischgasse führen die legendären Neuen Wiener Concert Schrammeln durch einen glamourös inszenierten Abend, an dem nicht nur so großartige Sängerinnen wie Tini Kainrath und Maria Stippich „dudeln“ – also: „jodeln“ – und auch singen. Auch Kasperl und Pezi sorgen in bekannter und geliebter Krawuzikapuzi-Manier für Wirbel, und Mummenschanz eröffnen mit ihrem zeitgenössischen Maskentheater eine grenzenlose, dabei dennoch vertraute Welt der Fantasie – und dies sind nur einige wenige der künstlerischen Grundpfeiler, die in Remassuri über Lieder aus dem Talon von Franz Schubert über die „Popmusik“ der 1870er, Operettenhits, Liedern aus der Nachkriegszeit bis hin zu modernen Klassikern von etwa Ambros und Molden berühren und staunen machen.
„Berühren und staunen“, das ist auch der programmatische Ansatz von Remassuri: Die Reise, die André Heller, Ursula Strauss und Ernst Molden (die übrigens nicht auf der Bühne stehen!) da vollziehen, ist keine Geschichtsstunde, kein szenischer Wikipedia-Artikel, sondern vielmehr eine stimmungsvolle, emotionale Bedeutungsebene für Wiener und Nicht-Wiener, um die diverse Stadt und ihre Menschen nicht nur zu verstehen, sondern zu fühlen. Remassuri, das ist wie ein musikalischer Stadtplan, der auch abseits von den Wiener Sehenswürdigkeiten in enge, schöne und spannende Gässchen führt. Remassuri, das ist das Minimundus Wiens, mit einer Seele eines „Maximundus“!
Der fantastische, einfühlsame und gelebte Ansatz von Remassuri geht auf: Seit der Eröffnung strömen Heimische wie Gäste gleichermaßen in das Stück, um dem virtuos-exzentrischen Schauspiel beizuwohnen - über 10.000 Menschen haben die wundersame Reise bereits in höchster Euphorie begangen!
Grund genug für das Kreativ-Trio Heller, Strauss und Molden, Remassuri auch zumindest für einen Moment über die Landesgrenze hinaus zu schicken: Nur zwischen 1. und 3. Dezember erklingt Wien auch in der Münchner FAT CAT Blackbox. So wird André Heller erneut zu einem der bekanntesten Botschafter der Donau-Metropole und zeigt unserem großen deutschen Nachbarn, dass wir ihm zumindest kulturell einiges voraushaben?
Doch auch im Stammhaus, dem stadtTheater Walfischgasse, wagt ab Herbst das Remassuri noch einen Schritt weiter hinein in die Vielfalt der wienerischen Musik: Unter dem Titel „Remassuri Contemporary“ wird das musikalische Erbe Wiens in die Gegenwart getragen. Die neue Reihe umfasst vorerst lediglich vier exklusive Konzerte im Theater, wohlfeil kuratiert von Ernst Molden – immerhin einem der zentralen Erneuerer der Wiener Liedkultur.
Jede der vier Veranstaltungen bringt herausragende Künstler*innen auf die Bühne, die jeweils ein eigenes, speziell für Remassuri entwickeltes Programm präsentieren und so einen Schritt Richtung Gegenwart wagen und zeigen, was man heute aus dem großen musikalischen Erbe Wiens gemacht hat.
Am 28. September laden Ernst Molden und seine Co-Kuratorin Ursula Strauss zu ersten Einblicken in ihren gerade entstehenden dritten Liederzyklus „Nochdvegl“ – es ist dies also zudem auch eine überaus rare Gelegenheit, zwei Koryphäen der österreichischen Musiklandschaft in ihrem kreativen Prozess ein Stück zu begleiten! [weitere Konzertempfehlungen mit Ernst Molden findet ihr HIER, mit Ursula Strauss HIER]
Am 12. Oktober zeigt die „Dudel-Diva“ Agnes Palmisano, vielgerühmte Interpretin, ihre Kunst erstmals in einem exklusiven Programm in der Walfischgasse. Ein kleiner Geheimtipp am Rande: Palmisano ist mit Matthias Hengl, dem Betreiber des Grinzinger Weinguts und Buschenschank Hengl-Haselbrunner, verheiratet – deswegen gibt es dort jeden Dienstag ebenfalls Konzerte mit großartigen Interpreten des Wienerlieds! [nähere Informationen zu den Konzerten am Weingut findet ihr HIER]
Am 2. November widmet das legendäre Trio Kollegium Kalksburg dem höchsten Feiertag der Wiener, dem Allerseelentag, ein eigenes und mich Sicherheit Herz und Zwerchfell zerreißendes Programm, während am 23. November der wohl poetischste Liedermacher seiner Generation, Der Nino aus Wien, auf eine für ihn völlig neue Weise im Stadttheater auf der Bühne stehen wird: Wird’s a Bahöl? A Gaudi? Hat’s an Schan? Sowohl Molden als auch Nino halten sich da noch bedeckt, was da auf der Bühne passieren wird, des is a Gheim, wie der Wiener sagen würde … Deswegen – um einen anderen großen Wiener, Karl Farkas zu zitieren: „Schau’n Sie sich das an!“ [weitere Konzertempfehlungen mit Der Nino aus Wien findet ihr HIER]