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Blue is Green

01.07.2024 von Sebastian Fasthuber & Stefan Baumgartner

Billie Eilish setzt bei ihrer kommenden Tournee und bei der Produktion von ihrem neuen Album „Hit Me Hard And Soft” auf ökologische Nachhaltigkeit. Als Sprachrohr soll der Superstar dazu beitragen, Musikfans für das Klimathema zu begeistern. Wie kann es gelingen, dass die Branche etwa weniger Energie verbraucht und bei Festivals nicht so viel Müll produziert wird? Wir haben uns mit hiesigen Aktivisten und Expertinnen unterhalten.

Zugegeben: Sehr sexy oder aufregend klingt das Ganze noch nicht: Vor Billie Eilishs „Hit Me Hard And Soft“-Tour (die kommendes Jahr auch in Wien gastiert aber bereits ausverkauft ist) wies der Veranstalter Live Nation in einer Aussendung auf das Engagement der Sängerin fürs Klima hin. Die Rede ist von „Nachhaltigkeitsbemühungen“, „Verringerung des Einwegplastikmülls“ und „Unterstützung von Klimaschutzmaßnahmen“. An dieser Stelle könnte man kurz innehalten und sich fragen: Was ist nur mit dem guten alten Rock’n’Roll passiert? Seit wann hört er sich an wie ein Proseminar, wie eine Parlamentsdebatte?

Die Sache selbst ist ohne Zweifel freilich wichtig. Eilish selbst gelingt es auch, das Thema „Klima” irgendwie cool zu verkaufen. Vor Jahren schon trug sie bei einer Preisverleihung ein Shirt mit der Aufschrift „No Music On A Dead Planet“. Der Spruch stammt von der Initiative Music Declares Emergency, einer Community von KünstlerInnen und VertreterInnen der Musikbranche, die sich für eine gemeinschaftliche Reaktion auf den Klimanotstand einsetzt. Seit 2022 gibt es auch einen Ableger in Österreich. Begründet haben ihn Andi Jantsch vom Indielabel Las Vegas Records und Hanna Simons, stellvertretende CEO bei WWF Österreich.

Simons sagt: „Ich bin hauptberuflich Umweltschützerin, aber auch leidenschaftliche Musikhörerin. Ich gehe viel auf Konzerte, kaufe Vinyl und streame fleißig. Mit der Zeit habe ich mich immer mehr gefragt, welche Auswirkungen meine Leidenschaft für Musik auf den Planeten hat.“ Diese sind unbestritten nicht nur positiv. Bei der konventionellen Vinylproduktion wird nach wie vor Erdöl verwendet. Streaming verbraucht eine Menge Energie. Und zu Festivals auf der grünen Wiese irgendwo in der Pampa reisen Tausende Menschen meist mit dem eigenen Pkw an – nicht zuletzt, weil die Orte mit öffentlichen Verkehrsmitteln praktisch nicht zu erreichen sind (oder weil man seinen ganzen Kram, den man auf den Acker mitnimmt, schlichtweg keinen Meter schleppen will). Wieder andere fliegen durch die Weltgeschichte, weil ihre Lieblingsband nicht irgendwo in Österreich, sondern irgendwo zwischen Barcelona, Oslo, Berlin oder London gastiert.

Music Declares Emergency will weder MusikerInnen noch KonsumentInnen ein schlechtes Gewissen machen oder sie gar als KlimasünderInnen an den Pranger stellen. Im Gegenteil geht es um Inspiration und Vorbildwirkung, wie Simons erklärt. „Klimaschutz ist oft zu kompliziert und zu technisch. Der Fokus war sehr lang auf den Klimaklebern. Es gibt aber auch andere Formen von Aktivismus mit einem positiven Vibe. Es geht darum, die Menschen aufzurütteln, aber auch mitzunehmen.“ Sie selbst fährt heuer mit dem Zug nach London, um ein Konzert von Richard Ashcroft zu besuchen – obwohl die Anreise mit dem Flieger nicht nur wesentlich schneller, sondern auch günstiger wäre. (Und zweitgenanntem Irrsinn, dem sollte sich die Politik einmal schleunigst zuwenden.)

Was das Thema braucht, sind prominente Aushängeschilder. In der Geschichte der Protestbewegungen spielte Musik stets eine wichtige Rolle und diese wäre auch gut fürs Klimathema. Leider agieren viele Artists jedoch zurückhaltend, da sie sich in ihrem Job immer wieder umweltschädlich verhalten müssen und daher ein schlechtes Gewissen haben. Simons sagt: „Zu Unrecht. Es kann nicht die Aufgabe des Einzelnen sein, in einem System, in dem vieles falsch läuft, immer das Richtige zu tun. Aber man kann sich trotzdem engagieren und für Veränderung einsetzen.“

In Österreich ist Ina Regen das Klima ein ehrliches Anliegen, sie spricht das Thema immer wieder auf ihren Social Media-Kanälen an. Auch die Indiepopband Hearts Hearts ist aktiv. Und sogar der hedonistische Hip-Popper Bibiza hat ein Herz fürs Klima. Manu Delago, Tiroler Musiker von Weltrang und langjähriges Bandmitglied von Björk, wiederum absolvierte bereits zwei Tourneen mit dem Fahrrad, um auf die Klimaproblematik hinzuweisen. Zusätzlich montierte er samt Entourage Solarpaneele auf ihre Lastenanhänger, um Bühnenstrom zu erzeugen.

Global sind Billie Eilish und Coldplay wichtige Testimonials. Auf den ersten Blick könnte man es als Heuchelei missverstehen, wenn schwerreiche Superstars auf Klimaschützer machen. Aber sie sehen es als ihre Verantwortung an – und vielleicht öffnen sie einigen Fans die Augen. Zudem geben sie einen Teil vom Gewinn ihrer Tourneen an Klimaprojekte ab. Eilish setzt neuerdings auch bei der Vinyl-, CD- und Kassetten-Produktion auf Nachhaltigkeit. Die CD-Version ihres neuen, in meerestiefe Dunkelblau-Töne getauchten Albums „Hit Me Hard And Soft“ wird nicht in Plastik-Jewelcases gepackt, sondern in Softpaks mit FSC-zertifiziertem Material, die Kassettenhüllen bestehen aus recycelten Muschelteilen (passend zum Coverfoto, das unter Wasser aufgenommen wurde). Und die Platten schließlich werden aus recyceltem schwarzem Vinyl hergestellt, die färbigen Varianten aus recyceltem Bio-Vinyl, für das u. a. altes Küchenöl verwendet wird – ähnlich wie bei Wanda, deren neue Platte „Ende nie” ebenfalls in Frittierfett-BioVinyl-Version erscheint.

Auch kleine Dinge können etwas bewirken: Um Plastikmüll zu vermeiden, ruft Billie ihre Fans auf, zu (nicht nur ihren) Konzerten leere, wiederverwendbare Trinkflaschen mitzubringen. Bei ihren Konzerten gibt es vor Ort kostenlose Wasserstationen und Eco-Villages der Umweltorganisation Reverb, wo Fans „sich mit gemeinnützigen Organisationen verbinden und sinnvolle Aktionen für Menschen und den Planeten durchführen können“, wie es in der Aussendung heißt.

Eilish müsste das alles nicht tun, wie Negativbeispiele in der Branche beweisen. So wird für die einmalige und in Europa einzigartige München-Residency von Megastimme Adele im August eine gigantische Pop-up-Arena aus dem Boden gestampft. Hunderttausende Fans aus ganz Europa werden anreisen. Keine gute Ökobilanz.

Damit sind wir bei einem wichtigen Thema angelangt. Der Großteil des ökologischen Fußabdrucks bei Konzerten und Festivals entsteht nicht etwa durch die Reisen von Bands (sogar wenn sie gewisse Strecken nicht mit Linienflügen, sondern mit privaten Jets überbrücken), sondern durch die BesucherInnen. Eigentlich logisch: Wenn Bilderbuch auf der Burg Clam auftreten, kommt die Band, ihre Entourage mit dem Tourbus – und 5.000 Fans reisen individuell mit dem Auto an. Hier liege es an der Politik, für große Open-Air-Events Rahmenbedingungen zu schaffen und Öffi-Konzepte zu entwickeln (die auch funktionieren).

Dazu erreicht uns aus dem Bundesministerium für Klimaschutz folgendes zukunftsorientiertes, wenngleich nicht vollends greifbares Statement: „Wir wollen Österreich bis 2040 klimaneutral machen und unterstützen daher auch den Eventbereich, um Nachhaltigkeit auf Veranstaltungen zu fördern. Mit dem Netzwerk Green Events Austria, das von Klimaschutzministerium und Ländern gemeinsam getragen wird, bieten wir allen Veranstaltungen die Möglichkeit einer Zertifizierung als Green Event, dazu stellen wir auch umfassende Guidance zur Verfügung. Jede Veranstaltung, unabhängig von Größe und Typ, kann abfallarm, klimafreundlich, sozial fair geplant und durchgeführt werden. Mobilität ist für diese Zertifizierung ein entscheidender Faktor, beispielsweise wird bei vielen Veranstaltungstickets ein Fahrschein für die öffentliche An- und Abreise inkludiert. Die enge Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Projektpartner:innen ermöglicht einen guten Erfahrungsaustausch und gemeinsame Kommunikationsmaßnahmen, um die Eventbranche möglichst gut zu unterstützen und Klimaschutz auch in diesem Bereich voranzutreiben.“ Guidance schön und gut, aber an den Rahmenbedingungen ließe sich noch schrauben.

Wie wirkt sich aber Musikkonsum konkret aus? Für Festivals lässt sich das recht gut beziffern. „Jeder Besucher eines Open-Air-Festivals emittiert ungefähr 25 Kilogramm CO2“, rechnet Andi Jantsch von Music Declares Emergency vor. „Man kommt individuell oder in Kleingruppen mit dem Auto und übernachtet in einem billigen Pavillon, der oft gerne auch mal vor Ort liegen bleibt. Eine gute Alternative sind City Festivals wie das LIDO SOUNDS in Linz. 95 Prozent der Besucher reist dazu öffentlich an, es gibt kein Camping und man braucht auch keine Dieselgeneratoren, weil die Infrastruktur schon vor Ort ist.“
 
Der kleine Indiebereich habe seine eigenen Probleme, erzählt Jantsch. Hier sei die Bereitschaft der Artists, mit dem Zug zu Konzerten anzureisen, zwar besonders hoch – der Isländer Svavar Knutur durchreiste etwa gerade eben im Frühjahr Österreich (Graz, Oslip, Innsbruck und Wien), Deutschland und Dänemark per Bahn. Und selbst Max Raabe betourt mitsamt seinem Palastorchester seiner Prominent zum Trotz Europa gerne und so weit als möglich mit der Bahn, „leider auch mit der DB”, scherzt er.

Problematisch wird es nur dann, wenn in Clubs keine Backline, zu der Verstärker, Lautsprecherboxen und das Schlagzeug zählen, vorhanden ist: „Wer seine eigene Backline mitschleppen muss, ist natürlich auf einen Van angewiesen.“ Laut Jantsch befindet sich die Live-Branche jedoch gerade in einer Übergangsphase. Wie sieht seine Vision für die Zukunft aus? „In zehn Jahren können Bands ganz gemütlich und ohne Autopanne öffentlich zu ihren Gigs anreisen. Sie kommen entspannt im Club an. Und im Idealfall kommt das auch noch deutlich günstiger.“

Momentan klingt das noch ein bisschen wie das Happy End im Märchen, wenn alle auf und vor der Bühne nachhaltig genießen können. Noch geht es darum, die Weichen zu stellen und die Zukunft der Veranstaltungsbranche zu gestalten. Positiv gestimmt, aber zukunftsfokussiert zeigt sich auch Ursula Berner, grüne Gemeinderätin für Kultur in Wien. Sie stimmt den AktivistInnen zu, dass Verbote nicht der richtige Weg sind. Vielmehr sollte positives, klimafreundliches Verhalten gefördert werden. „Wir dürfen bei Konzerten nicht den Verzichtsfaktor hervorheben“, sagt Berner. „Ja, es geht darum, dass wir in Zukunft weniger Energie verbrauchen und weniger Müll produzieren – nicht aber weniger Spaß haben.“

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