Bild: Slashley Photography
Nun gut, galaktischer Größenwahn ist in der Pop- und Rockgeschichte jetzt per se keine Neuigkeit: David Bowie flüchtete gerne in ferne Sphären, das Sun Ra Arkestra sowieso und Tangerine Dream rund um den 2015 verstorbenen Wahl-Wiener Edgar Froese haben sich mit ihrer bahnbrechenden Elektronik ohnehin stets im „outer space“ befunden. Tieferschnüffelnde Trüffelschweine im metallischen Sektor erinnern sich vielleicht an das schwedische Black-Metal-Projekt Vondur, das zeit seines sehr kurzen Bestehens eine reine Hommage an „Star Wars“ war. In doch merkbar kommerziellere Sphären katapultieren die britischen Pop-Superstars Coldplay das Franchise von George Lucas. Ihr millionenfach verkauftes, immer noch aktuelles Album „Music Of The Spheres“ wurde laut Frontmann Chris Martin direkt von dort inspiriert. Als er es sich daheim auf der Couch gemütlich machte und den Streaming-Anbieter seines Vertrauens anwarf, überlegte Martin, wie Musiker im restlichen Universum wohl drauf wären und legte damit den Grundstein für die derzeit wohl größte Tour der Welt.
Hitsongs wie „My Universe“ oder „Higher Power“, die wenig mit den Indie-Coldplay der Millenniumsjahre und mehr mit EDM-DJs der Neuzeit zu tun haben, greifen bewusst in ferne Weiten, um den demütigen Fans möglichst viel Gigantismus zu servieren. Das Wiener Happel-Stadion hat Coldplay bereits jetzt für August 2024 ausverkauft – und zwar ganze viermal am Stück, was selbst Taylor Swift, immerhin größter Popstar der Gegenwart, zur Vergleichsstatistin degradiert. Der Autor dieser Zeilen überzeugte sich schon diesen Sommer in Amsterdam von dem, was in einem knappen Jahr auch auf uns zurollt: ein orbitales Bühnensetting, durch das Stadion fliegende Planetenbälle und das ständige Gefühl, Martin und Co. würden kurz vor dem Raketenstart ins Unbekannte stehen. Das Großspurige und Austrabende lieben Coldplay genauso wie das Science-Fiction-Nerdtum der „Star Wars“-Reihe. Auch ihre Konzerte pendeln irgendwo zwischen zuckerlbuntem Fiebertraum und extraterrestrischer Planeteneroberung. Hauptsache grell, Hauptsache schrill.
Schwieriger wird es, wenn die Opulenz des Drumherums mit einer zur Schau gestellten Bescheidenheit der handelnden Personen einhergeht. Martin verschwendet schon geraumer Zeit keine Sekunde daran, sich vom Nimbus des „jungen Bono Vox“ abzukapseln und ist längst zum Prediger einer ganzen Generation geworden. Irgendwo zwischen „wir haben uns alle lieb“ und „ernährt euch bitte vegan“ mäandern seine Botschaften, von tagespolitischen Ereignissen lässt er (meist noch) die Finger. Das ist per se nicht negativ und entspricht auch dem Zeitgeist, doch wie weit geht sich das Bemühen für Nachhaltigkeit im Kontext seines Status als Frontmann einer der weltgrößten Bands aus? Schon 2019, nach dem Ende ihrer letzten fulminanten Stadiontour, pochte Martin felsenfest darauf, nur mehr dann auf Tour zu gehen, wenn diese möglichst nachhaltig wäre. Nun ist mit vollen Hosen leicht stinken, aber man muss der Band zugutehalten, dass sie zumindest nichts unversucht lässt, um mit Vorbildwirkung eine allgemeine Trendwende herbeizuführen.
In der Praxis ein gar nicht so einfach umzusetzendes Vorhaben. Vor allem dann nicht, wenn wuchtige Laser den Nachthimmel durchbrechen, gefühlt alle fünf Songs ein Feuerwerk in den Orbit schießt und man mit den Lichteffekten eine mittlere Kleinstadt erhellen könnte. Doch Coldplay und eine Runde von Experten nützten die Pandemie nicht nur zum Musikschreiben, sondern auch für reifliche Umweltschutzüberlegungen. Der Crew-Jet ist mit Biokerosin unterwegs, bei den Konzerten setzt man auf Ökostrom und auf einer kinetischen Tanzfläche erzeugt das Publikum allabendlich selbst Elektrizität. Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe, denn man tut damit auch der eigenen Fitness etwas Gutes. Dem Bündnis „Music Declares Emergency“ haben sich viele Künstler angeschlossen. Auch Acts wie Billie Eilish, Massive Attack oder das deutsche Trio Die Ärzte, Die Toten Hosen und Deichkind überlegen sich vor jeder neuen Reise, wie man sich möglichst emissionsfrei durch die brüchige Gegenwart bewegt.
Coldplays persönliches Ziel war es von Anfang an, die Emissionen der aktuellen „Music Of The Spheres“-Tour im Vergleich zur letzten großen Stadionrutsche um rund 50 Prozent zu senken. Wer sich übrigens über die bunten Plastikleuchtbänder der Band aufregt, und ich gehörte anfangs selbst dazu, der irrt. Die LED-Armbänder wurden aus pflanzlichen und kompostierbaren Materialien hergestellt, sind also keine Gefahr für die Weltmeere, die Martin und Co. als Allererstes schützen möchten. Dass man für jedes verkaufte Ticket auch einen Baum pflanzen möchte ist ebenso löblich wie die Tatsache, zehn Prozent der Einnahmen in einen Fonds für umwelt- und sozialbewusste Zwecke zu stecken. Die Zwischenbilanz ist durchaus achtbar. Vom Tourstart im März 2022 bis Ende Juni 2023 habe man die CO2-Emissionen laut einer abgegebenen Erklärung tatsächlich um 47 Prozent gesenkt. Die von bekannten Unternehmen wie DHL, BMW oder Energy Floors mitentwickelten Maßnahmen hätten sich bislang ausgezahlt.
Doch trotz aller Bemühungen und Ambitionen müssen sich die Briten immer wieder den Vorwürfen des Greenwashings erwehren. Etwa als man vor geraumer Zeit eine Partnerschaft mit dem finnischen Mineralölunternehmen Neste einging, das für den umweltfreundlichen Biokraftstoff sorgt. Einer Studie von „Friends Of The Earth“ zufolge hätten Nestes Palmöllieferanten zwischen 2019 und 2020 aber rund 10.000 Hektar Wald in Ländern wie Indonesien oder Malaysia gerodet. Auch die tiefe Zusammenarbeit mit dem Automobilkonzern BMW wird von der Öffentlichkeit nicht kritiklos begleitet. Ob all die Vorhaben nur ein „Head Full Of Dreams“ sind oder man federführend tatsächlich einen nachhaltigen Wandel im Entertainmentbusiness anstoßen kann, diese Antwort wird die Zukunft bringen. Coldplay mögen Fantasten und Träumer sein, doch sie versuchen auch aktiv, die Dinge zum Besseren zu verändern und Dinge zu bewegen. Dazu tragen 2024 nicht zuletzt knapp 200.000 Konzertbesucher in Wien bei.
Coldplay gastieren am 21., 22., 24. und 25. August im Ernst-Happel-Stadion.
Die Konzerte sind ausverkauft, sehen Sie aber bitte davon ab, Tickets über Zweitmarkt-Plattformen abzukaufen! Tickets vieler großen Stars (zum Beispiel Taylor Swift) sind auf den originalen Käufer personalisiert oder nur über dessen oeticket App als Pass abrufbar, und somit erhalten Sie als Käufer über eine Zweitmarkt-Plattform KEINEN Zugang zum Konzert! Außerdem kann es sein, dass Sie dort weit überhöhte Preise bezahlen. Einzig die Plattform fansale.at bietet Ihnen absolute Sicherheit: Hier können Sie sicher Tickets, die vom originalen Käufer nicht mehr benötigt werden, erwerben, und das ohne erhöhte Preise und mit der Garantie, dass Sie (und nur Sie!) Zugang zum Konzert erhalten. Coldplay-Tickets können ab einem späteren Zeitpunkt auf Fansale angeboten werden.