Bild: Hendrik Otremba
Es begann alles vor 15 Jahren: Die drei Wahl-Berliner mit den tierischen Künstlernamen Tiger (Schlagzeug), Lupus (Gesang/Gitarre) und Mammut (Bass) - letzter gar ein Kärntner! - eint die Liebe zu Retro-Klängen von Black Sabbath über Pentagram bis hin zu Hawkwind, sowie ein Faible für Gewand aus Second-Hand-Läden. Aus dieser gemeinsamen Liebe entsteht Kadavar – eine Band, die perfekt in den damaligen Zeitgeist passt: ein Mix aus Krautrock, Psychedelic Rock und Stoner Rock, eingängig und zugleich obskur. Kein Wunder, dass da das selbstbetitelte Debütalbum (2012) bereits vor Erscheinen vergriffen ist. Heute ist es als aufwändig gestaltetes Boxset mit zahlreichen Extras neu erhältlich.
Ihr zweites Album “Abra Kadavar” (2013) - das erste mit dem neuen Bassisten Dragon - bleibt der Erfolgsformel treu und steigt sogar in die deutschen Charts ein, doch es ist gleichzeitig auch ein Ende einer Ära, findet man sich immerhin daran abgearbeitet, ständig als Hommage an Black Sabbath verstanden zu werden.
So gerät das hierauf folgende "Berlin” (2015) deutlich eingängiger. Am Gelände des ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof eingespielt, versteht es sich gewissermaßen auch als Liebeserklärung an die gemeinsame Wahlheimat: “Die Geschichte der Stadt, das Schnelllebige der letzten zwanzig Jahre, bringt eine Energie hervor, die inspirierend ist,” erklärte Lupus damals. Auf “Berlin” wird also nicht nur die Mannigfaltigkeit der Stadt eingefangen, sondern es wird auch deutlich, dass Kadavar mehr als nur einer der städtischen Kieze ist, sie gleichzeitig dreckig, aber auch poppig klingen können. Der Erfolg gibt ihnen Recht: Das Album beschert ihnen nicht nur daheim, sondern auch in der Schweiz und in Österreich Chartplatzierungen.
“Rough Times” (2017) und “For the Dead Travel Fast” (2019) festigen den positiven Ruf von Kadavar. Gerade letzteres präsentiert die Band mit einer unglaublichen, nochmals verdichteten Fülle an Hits: Inspiriert von Horrorfilmen der Siebziger - speziell “Nosferatu - Phantom der Nacht” von Werner Herzog und mit Klaus Kinski in der Hauptrolle - klotzt es mit spacigen Ohrwurm-Hooks und zeugt von der beeindruckenden, dabei zwanglosen Entwicklung, die Kadavar seit ihren erdigen Anfängen durchlaufen haben.
Eine Entwicklung, die zuletzt im COVID-Album “The Isolation Tapes” (2020) ein vorläufiges Ende findet: In der sonderbaren Welt, die die Pandemie eröffnet hat, ist plötzlich kein Platz mehr für laute Gitarren, die Inspirationsquelle Black Sabbath findet sich der Endzeitstimmung zum Trotz vollends aufgelöst in Klängen inspiriert von den Beatles über Pink Floyd bis hin zu Bee Gees. Und nun, fünf Jahre später, geht man mit dem neuen Album “I Just Want To Be A Sound” den Weg konsequent und ein gutes Stück weiter.
In Berlin sagt man: “Mach neu!” Genau dies tun Kadavar nun mit ihrem siebten Studioalbum, katapultieren sie den auf “Isolation Tapes” eingeschlagenen Sound doch in taufrische Dimensionen ohne Schubladen: Der Titel “I Just Want To Be A Sound” ist ein Manifest für Freiheit, Transformation und radikale Präsenz.
Mittlerweile ist Band zu viert, verstärkt mit Gitarrist Jascha Kreft von Odd Couple - deren neues Album “Rush-Hour des Lebens” erwarten wir wiederum im April, bereits Ende März gastieren sie im Wiener Transponder. Unterstützt von Produzent Max Rieger (Die Nerven; live im April in Salzburg und Wien) hat Kadavar nun ein Album geschaffen, das virtuos zwischen Rockhymnen, Balladen und Popsongs pendelt. Mal klingt man erhaben und verwegen, mal verletzlich, dann wieder kraftvoll. So setzen sich Kadavar über die Black-Sabbath-Schwere ihrer Anfänge hinweg und schaffen einen epischen, leichtfüßigen Soundtrack, der die Gegensätze der Gegenwart einfängt, ohne sie aufzulösen und danach strebt, das ständige Grundrauschen, das uns zu jedem Moment umgibt, entsprechend einzufangen und auch zu spüren. So gerät “I Just Want To Be A Sound” zur euphorische Liebeserklärung an das Jetzt als Ort unaufhaltsamer Wiedergeburt und Regeneration - eine Liebeserklärung, die freilich die Fans von früher verstört zurücklassen wird, sich dafür aber einer neuen Zielgruppe öffnet, die im breiten Spannungsfeld von Muse über U2 bis Coldplay nur zu gern in erquicklichen Klängen badet.
Während wir freilich gespannt sind, wie sich live die neuen Stücke mit dem bisherigen Oeuvre von Kadavar vertragen, wie Kadavar gekonnt den Bogen von "Black Sabbath zu den Beatles" spannen, ist auch das Tour-Vorprogramm nicht zu verachten:
Slomosa bezeichnen ihren Stil als “Tundra Rock” - was nicht nur cool klingt, sondern auch überaus treffend ist: Eine Tundra ist bekanntlich eine Kältesteppe, eine Vegetationszone, in der keine Bäume wachsen, hingegen Flechten, Moose, Gräser und Zwergsträucher dominieren. Diese einnehmende Tristesse findet sich im Stilmix des norwegischen Quartetts wieder, wenn Stoner Rock auf Grunge und Punk trifft. Erst vergangenen Herbst ist ihr zweites Album “Tundra Rock” erschienen - ein Album, das von Tool's Adam Jones bis hin zu Brant Bjork und Nick Oliveri (Kyuss) Zuspruch gefunden hat.
Den Abend eröffnet das australische Quartett ORB, das vergangenen Sommer am selben Label, auf dem auch King Gizzard & the Wizard Lizard eine Heimat gefunden haben, ihr aktuelles (viertes) Album “Tailem Bend” veröffentlicht hat: Wir hören einen funky Siebziger-Jahre-Sound, gespickt mit Flöten- und Congasklängen. Selten hat musikalische Hypnose so gut funktioniert wie hier, wenn sich der genretypische Fuzz in sanfte Traumlandschaften schlängelt!