Bild: 2024 Focus Features LLC. All Rights Reserved
Der 1897 veröffentlichte Roman “Dracula” von Bram Stoker gehört zweifelsohne neben “Frankenstein” von Mary Shelley (1818) und “Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde” von Robert Louis Stevenson (1886) zum Kanon der Schauerliteratur - kein Wunder, dass alle der Bücher auch mehrfach für die Leinwand adaptiert wurden, mal mehr, mal weniger erfolgreich.
Die erste Verfilmung von “Dracula” passierte bereits 1922 von Friedrich Wilhelm Murnau, unter dem Titel “Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens” und mit Max Schreck als Graf Orlok in der Hauptrolle. Orlok ist freilich eine direkte Adaption von Stokers Dracula, jedoch mit einigen Änderungen, um Urheberrechtsprobleme zu vermeiden - die Geschichte hält sich jedoch sehr nah an die literarischen Vorlage: Der Nosferatu Orlok ist ein Vampir aus den Karpaten, der seine Bleibe in die fiktive deutsche Stadt Wisborg verlegen möchte. Doch ihm hat es auch Ellen angetan, die junge Frau seines Maklers Thomas Hutter. Sie ist es auch, die schlussendlich - Spoiler! - den Grafen besiegt, indem sie sich ihm bis zum Morgengrauen hingibt, sodass er mit den ersten Sonnenstrahlen zu Rauch vergeht.
1979 drehte Werner Herzog unter dem Titel “Nosferatu - Phantom der Nacht” mit Klaus Kinski in der Rolle des Grafens eine Hommage an diesen Klassiker, jedoch mit einem noch pessimistischeren Ende - und nun kam zu Jahresanfang mit “Nosferatu - Der Untote” ein von Robert Eggers inszeniertes Remake mit Bill Skarsgård ("Es") und Lily-Rose Depp ("The Idol") in den Hauptollen in die Kinos.
Eggers, der bereits mit “The Witch” (2015), “Der Leuchtturm” (2019) und “The Northman” (2022) drei gefeierte Filme abgeliefert hat, brilliert auch mit “Nosferatu” - kein Wunder bei dem Cast, aber auch der Treue, die Eggers dem Original entgegenbringt: All die norddeutschen Orte, an denen der originale “Nosferatu” gedreht wurde, wurden vorab von Eggers besucht - Wismar (das als das fiktive Wisborg diente), Lübeck, Stralsund und Stade. Außerdem hat auch Eggers wie schon Murnau vor ihm den Film nicht expressionistisch angelegt, sondern hat Gemälde aus der Romantik als optische Inspiration für die historische Genauigkeit genutzt. Auch Folklore-Geschichten Transsilvaniens waren ihm eine große Hilfe, denn sein “Dracula” sollte mehr sein, als nur eine weitere Vampir-Geschichte. Ein gruseliges Detail am Rande: Die über 5.000 Ratten, die mit den Grafen Orlok die Pest nach Wisborg bringen, sind echt, denn: “Je echter die Details am Set sind, desto mehr überträgt sich die Authentizität”, wird Eggers zitiert.
Wenngleich das Publikum die langsame Erzählgeschwindigkeit von Eggers bekrittelt, so wird dafür die Düsternis und die Kälte, die er ausstrahlt, gelobt, und gerade Orlok als bestialisches Schattenwesen mit seinem mystischen Donnergrollen zieht in seinen Bann. Demnach stellt sich für uns die Frage: Wäre Graf Orlok Ellen nicht verfallen und hätte nicht nur das 19., sondern gleich auch das 20. Jahrhundert überlebt und wäre selbst im 21. Jahrhundert noch unentdeckt und unbeschadet unter uns geblieben - welche Platten würden wohl unter Tags, während er geschützt vor den Sonnenstrahlen gemütlich mit einem Gläschen Pinot Noir (oder eher Blut) in seinem Sarg chillt, so auf dem Plattenteller rotieren?
Natürlich bräuchte Graf Orlok auch “seinen” Soundtrack, den nach “The Northmann” wieder Robin Carolan verantwortet hat: Unter der Leitung von Daniel Pioro, einem der aufregendsten jungen klassischen Musiker Großbritanniens entstand ein eindringlicher, von Gothic geprägter, sehr fein nuancierter, eindringlicher Soundtrack, der sich bewusst bemüht, nicht zu modern zu klingen. So hören wir auch antike Hörner und Pfeifen, die die unheimliche Atmosphäre verstärken - eine Atmosphäre, die nicht selten auch an Béla Bartók erinnert. Dabei bewegt sich Carolan bewusst jenseits typischer Horrormusik und konzentriert sich darauf, die melancholischen und tragischen Elemente der Geschichte einzufangen und gleichzeitig einen Hauch von schräger Romantik einzuflechten.
Graf Orlok würde aber sicher auch Gefallen an einem anderen Genre finden, nämlich dem Black Metal: Keine andere Musik - außer der Klassik - schafft es dermaßen geschickt, einen dunklen, diabolischen Vibe mit Schönheit und Grausamkeit gleichermaßen aufzuladen und durch gruselige Kälte zu mäandern. Würde Graf Orlok also in meinen Plattenladen treten und mich um ein paar Empfehlungen für seine knospende Plattensammlung bitten, würde ich ihm folgende fünf Klassiker ans (fehlende) Herz legen:
Carpathian Forest ist eine Black-Metal-Band aus Norwegen und wurde 1990 von Nattefrost und Nordavind gegründet, 1995 erschien ihre EP “Through Chasm, Caves and Titan Woods”. Carpathian Forest - englisch für "Karpatischer Wald" - würde Graf Orlok ein Stück alte Heimat in seine neue bringen, und gerade die kalte und epische Atmosphäre, aber auch der rohe, primitive Ansatz dieser EP würden ihm gut zu Gesicht stehen. Wenn man die fünf Stücke der EP durch die kalten Gemäuer des Grafen tönen lässt, fühlt man sich sofort wohlig unwohl, und gerade die akustischen Gitarren und Synthesizer schaffen ein Flair von einem nächtlichen Waldesspaziergang.
Bleiben wir gleich in Transilvanien: Das vierte Album der Norweger Darkthrone erschien 1994 und bildet den Abschluss ihrer klassischen Trilogie, bestehend aus “A Blaze in the Northern Sky” (1992), “Under a Funeral Moon” (1993) und eben “Transilvanian Hunger”. Der Hass und die Raserei, die hierauf zu hören sind, würden Graf Orlok hervorragend in seinem Blutdurst begleiten - ein Blutdurst, der ihn in einem Taumel in die dunklen Abgründe des Todes und des Verderbens führt. Aber auch das Cover passt hervorragend in die Welt des Nosferatu: Wir sehen den wie eine Leiche bemalten Schlagzeuger Fenriz, sein Mund ist zu einem Schrei - sinnbildlich für den gequälten Gesang am Album - geöffnet, in seiner Hand hält er einen brennenden Kerzenleuchter.
Ich muss gestehen: Als ich Bill Skarsgård das erste Mal als Graf Orlok auf der Leinwand sah, musste ich sofort - optisch, aber auch stimmlich - an den Ungarn Attila Csihar denken, der unter anderem auf dem Album “De Mysteriis Dom Sathanas” der Norweger Mayhem zu hören ist. Es ist dies ihr erstes Album, das ebenfalls 1994 veröffentlicht wurde und heute als einer der größten Black-Metal-Klassiker gilt: Als besonders wird zuvörderst der Gesang von Csihar hervorgehoben - eine Mischung aus Kreischen, Röcheln und Flüstern verleiht dem Album eine bis dato noch nicht gekannte, oft als „bösartig“ und „fies“ bezeichnete Atmosphäre, Kritiker bezeichneten damals den Stil als eine “Operette eines Besessenen” - und mit “Funeral Fog” finden wir uns auch auf einem Friedhof in Transsylvanien wieder …
Wenn wir von Vampiren, aber insbesondere auch der makabren Schauerromantik sprechen, dürfen die Briten Cradle Of Filth freilich nicht fehlen - insbesondere ihr zweites und vielleicht bestes Album “Dusk… and Her Embrace” von 1996. Während die drei zuvor genannten Alben insbesondere auf die Herkunft, die Kälte und den todbringenden Blutdurst des Grafen Orlok abzielen, tauchen wir hier ein in die morbide Romantik, die den Nosferatu ebenfalls ausmacht - insbesondere, wenn wir an Bilder denken, wenn er genüsslich am Hals von Ellen nascht. Gerade die Klassiker “Beauty Slept in Sodom”, “A Gothic Romance (Red Roses For The Devil's Whore)" aber auch das Titelstück und “Heaven Torn Asunder” wären der perfekte Soundtrack für ein blutdurstiges Spiel zwischen den Bettlaken …
“Vampires of Black Imperial Blood” von 1995 ist das erste Album der französischen Black-Metal-Band Mütiilation, ein Album, das mit einer melancholischen, düsteren und depressiven Athomsphäre brilliert und explizit Vampirismus und dunkle Romantik behandelt. Gerade Songs wie „Magical Shadows of a Tragic Past“ und „Transylvania“ zeichnen ein morbides Bild der ewigen Verdammnis, der rohe, kalte und unheilvolle Soundtrack lässt eintauchen in eine okkulte Atmosphäre, bei der wir uns wiederholt Graf Orlok sinnierend am Kaminfeuer gut vorstellen können. Mal klingen die Gitarren langsam und gruselig, dann wieder intensiv und barbarisch - und viel besser könnte man einen noblen Schlächter wie Nosferatu auch nicht beschreiben, zumal auch hier der Gesang wieder zwischen jämmerlichen Jammerlauten, Flüstertönen, unheimlichem Grollen und gequälten Geschrei mäandert, sodass man nur von einer wahren, rasenden Besessenheit sprechen kann …