Bild: Sophie Löw Bild: Sophie Löw
Made in Austria

Culk & die Generation Maximum

03.11.2023 von Markus Dietl

Nach dem feministischen und aufwühlenden Werk „Zerstreuen über Euch“ widmet sich die Wiener Post-Punk-Formation Culk auf ihrem neuen Album der „Generation Maximum“. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Porträt einer Generation, die sich ihren Weg durch eine stetig komplizierter werdende und krisenhaftere Welt bahnt.

Auf der Suche nach allem. Auf der Suche nach nichts: Es ist eine widersprüchliche Welt, in der junge Menschen heute aufwachsen. Die Möglichkeiten sind vermeintlich unbegrenzt, das Ausmaß an Krisen war allerdings selten so stark spürbar. Die Anforderungen einer Leistungs-, Konsum- und Vergleichsgesellschaft sind nur ein beiläufiges Scrollen von Weltuntergangsszenarien entfernt. Und inmitten dieser Spannungszustände ist da noch der menschliche Drang, einfach mal jung und unbeschwert sein zu dürfen. Wir haben mit Sängerin Sophie Löw über diese Konflikte gesprochen, die sich allesamt auf Culks neuem Album „Generation Maximum“ wiederfinden.

Euer neues Album trägt den Titel „Generation Maximum“. Ich finde, der ruft direkt so einige Assoziationen hervor – seien es die Krisen, mit denen junge Menschen die letzten Jahre über konfrontiert waren oder Protestbewegungen wie die Letzte Generation. Was bedeutet der Titel für euch?

Wir wollten auf jeden Fall einen konkreten Titel und ich glaube, jüngere Menschen checken sofort, was man damit für Gefühle transportieren will. Es ist diese maximale Auslastung und Überforderung. In den letzten Jahrzehnten wurde das gefühlt immer mehr – einerseits was man leisten soll und andererseits der Druck durch die Gesellschaft. Ich glaube, durch die politischen Ereignisse und Zustände wie die Klimakrise, die Wirtschaftskrise usw. hat unsere Generation das Gefühl, dass sich jetzt etwas ändern muss und es so nicht weitergehen kann. Es fühlt sich einfach gerade so an, als wäre das Maximum erreicht. Und was ist danach? Das wissen wir nicht.

Für mich ist es generell ein Album der Widersprüche und der Kontraste. Unsere Generation wächst in erheblich größerem Wohlstand auf als vorherige Generationen, aber ist zugleich auch verstärkt mit Krisen, mit Leistungs- und Vergleichsdruck konfrontiert.

Diese Widersprüche sind natürlich total wichtig, weil sonst würde man ja auch einen großen Aspekt auslassen. Ich glaube, der größte Unterschied zwischen den heutigen und früheren Generationen ist der psychische Aspekt. Den merke ich aktuell extrem in meinem Umfeld und es kann einfach kein Zufall mehr sein. Ich glaube, dass diese Widersprüche, diese Zerrissenheit dabei eine große Rolle spielen. Weil theoretisch, für uns zumindest, die hier leben dürfen, alles möglich und verfügbar wäre. Das ist aber, glaube ich, auch ein Grund, der für die Psyche so belastend ist. Ich habe zum Beispiel darüber schon oft mit meinen Eltern gesprochen. Ich wollte wissen, wie es ihnen in ihrer Jugend ging, ob sie auch einen so starken Druck verspürt haben. Ich glaube, dass die Erwartungen an unsere Generation höher sind, weil wir theoretisch alles zur Verfügung haben.

Diese Kontraste finden sich auch manchmal in der Musik wieder. Etwa bei „Ihre Welt“: Da gibt es einen starken, lauten Ausbruch der Instrumente und im Kontrast dazu diesen fast apathischen Sprechgesang. Wie wichtig war es euch beim Schreibprozess, dass die Musik auch die Themen des Albums ein Stück weit aufgreift?

Ja, das ist uns auf jeden Fall ein großes Anliegen. Gerade bei „Ihre Welt“ hatten wir verschiedene Versionen von dem Vocalpart. Bei manchen habe ich versucht, ganz still und zerbrechlich zu klingen. Dann gab es auch eine Version, die aggressiver war und mit der Musik mitgegangen ist. Wir dachten dann, eigentlich wäre es bei dem Song voll cool, wenn ich ganz straight klinge. Meine Stimme haben wir uns dabei wie in der Mitte eines Sturms vorgestellt.

Wie schaut denn generell der Entstehungsprozess aus? Schreibst du, Sophie, die Texte für dich allein? Oder entstehen sie organisch während den Proben? Wie viel habt ihr bei dem jetzigen Album etwa als Band über die Themen gesprochen und was ihr wie adressieren wollt?

Wir haben am Anfang ein, zwei Lieder gemeinsam geschrieben. Der Song „Willkommen in der Hedonie“ war der erste, den wir für das Album gemacht haben. Der ist hauptsächlich im Proberaum entstanden, auch der Text. Ich habe dann aber sehr schnell dieses Überthema, über das wir gerade bereits gesprochen haben, beschlossen. Dann war es so, dass ich viele Texte abseits der Proben geschrieben und sie erst später mit den anderen geteilt habe. Anschließend haben wir die Songs gemeinsam im Proberaum erarbeitet.

Ich würde gern zum Song „www“ kommen. Ich finde es interessant, dass ihr hier so konkret ein Thema benennt, weil ich das doch eher CULK-untypisch finde. Was war der Gedankenprozess, die Idee bei diesem Song?

Den Text habe ich eher gegen Ende geschrieben. Bei diesem ganzen Hauptthema von Überforderung in der Jetztzeit dachte ich, diese Geschichte ist nicht zu Ende erzählt, ohne den Aspekt des Internets dabei zu haben. Bei dem Song war mir wichtig, so eine Art von Radikalisierung, die dort stattfindet, aufzugreifen. Also es geht einerseits um diesen Radikalisierungseffekt und andererseits diesen Überforderungsaspekt. Das war mir sehr wichtig, denn das Ganze stellt auch so eine alltägliche Ausformung von diesem psychischen Zustand dar. Man ist jeden Tag mit der Frage konfrontiert: Was lasse ich von der ganzen Welt auf mich einprasseln und was kann ich gerade nicht tragen?

Ich finde, das ganze Album ist sehr reich an starken Textzeilen. Eine davon ist etwa im Song „Eisenkleid“. Da heißt es: „Stärke zeigt, wer Narben teilt“, was ich zum einen eine sehr prägnante, aber auch inhaltlich schöne Aussage finde. Habt ihr denn den Anspruch, bestimmte Messages an die Welt herauszutragen oder ist euer Zugang eher: „Hier ist unsere Kunst und jetzt macht damit, was ihr wollt.“?

Ich glaube, es ist schon beides dabei. Musikalisch sind wir definitiv auf der Schiene, dass wir uns nie fragen, ob das jetzt massentauglich ist. Bei den Texten arbeite ich so, dass nicht alles auf einmal gesagt wird und zu plakativ ist. Ich schreibe aber auch ganz gern einzelne Passagen, die auf jeden Fall verständlich sind. Ich glaube, man kann den Rest des Textes so besser interpretieren, wenn man ein paar Anhaltspunkte hat.

Der Song „Dein Gehen“ fällt für mich ein wenig aus dem Raster. Geht es hier um den Verlust eines Menschen, um Sterben, um Vergänglichkeit? Wie findet der Song für dich seinen Platz auf dem Album?

Ich gebe dir voll Recht, dass der Song thematisch ein bisschen aus dem Raster fällt. Irgendwie sind alle Lieder davor so ein Umrühren in der Jetztzeit und was alles momentan auf den Menschen lastet oder zumindest einem Teil davon. Aber am Ende ist es ja ein Leben, das irgendwann auch zu Ende geht und was bleibt dann übrig? Das Album davor war ja schon sehr gesellschaftskritisch und deshalb finde ich das einen schönen Abschluss.

Was du sagst, erinnert mich auch ein bisschen an – vielleicht ist der Vergleich ein bisschen weit hergeholt – das Album „I’m Wide Awake, It’s Morning“ von Bright Eyes. Einerseits kann man dort auch politische Ebenen hineindeuten, andererseits läuft alles auf die Aussage hin, dass das Leben vergänglich ist. Warum also die ganze Zeit irgendwelchen Dingen hinterherlaufen? Durch die Tatsache, dass wir alle irgendwann sterben, wird diese neoliberale Denkweise, die uns immerzu vermittelt wird, total ad absurdum geführt.

Genau und das ist dann wieder dieser Konflikt zwischen zwei Extremen.

Du hast ja als Sophia Blenda ein Soloalbum geschrieben, „Die neue Heiterkeit“. Ich finde, die Texte dort waren noch etwas abstrakter als die CULK-Texte. Hat die Erfahrung, ein Album allein zu schreiben, auch deine Arbeits- und Herangehensweise bei CULK verändert?

Schon möglich. Ich glaube, der große Unterschied ist eher, dass ich bei Sophia Blenda eben alles selbst gemacht habe. Das war musikalisch wieder ein kompletter Umschwung – nicht gemeinsam zu viert im Proberaum die Lieder zu schreiben. Das hat mir einfach voll Spaß gemacht und ich glaube, ich merke – egal ob es jetzt CULK oder Sophia Blenda ist – dass die Texte immer mehr im Fokus stehen. Und vielleicht bin ich auch deshalb teilweise konkreter geworden.

Hat es für dich einen bestimmten Reiz, Musik mit deutscher Sprache zu machen? Und hast du Vorbilder, was das angeht? Ich denke etwa als erstes an Bands wie Tocotronic oder Kettcar, die auch diese Komplexität und Verspieltheit in der Sprache haben.

Ich habe, was das betrifft, eigentlich keine Vorbilder. Ich bin auch eigentlich durch Zufall draufgekommen, dass mir das Schreiben liegt und so viel Freude macht. Am Anfang von CULK habe ich geschrieben und gar nicht so viel darüber nachgedacht. Das war extrem intuitiv. Durch unsere erste Single „Begierde/Scham“, über die dann viel in der Presse usw. geschrieben wurde, haben wir, glaube ich, alle gecheckt, dass der Text scheinbar gut ist. Dieses Intuitive ist eigentlich immer geblieben und das finde ich auch ganz gut so.

Habt ihr denn Lieblingsbands, -künstler*innen oder mittlerweile auch -kolleg*innen aus der österreichischen Musikszene?

Mein All-Time-Favourite ist auf jeden Fall doppelfinger. Er ist so ein begnadeter Musiker und auch seine Texte finde ich großartig. Ansonsten ist CULK auf jeden Fall im Fanclub von Vague, Euroteuro, Mira Lu Kovacs, Ja, Panik, Paul Plut, Ankathie Koi und und und!

In eurem Song „Helle Kammer“ habt ihr damals Zitate aus dem Film „Blow Up“ aufgegriffen. Ich finde, das Artwork von eurem jetzigen Album hat auch etwas sehr Szenisches, Filmisches. Inwieweit sind Filme eine Inspirationsquelle für eure Musik?

Ich würde jetzt gar nicht Filme als Inspiration nennen, sondern vielleicht eher Fotografie, wobei das ja auch wieder recht verwandt ist. Ich habe an der Kunstuni in Linz Fotografie und Grafikdesign studiert. Das Lied „Helle Kammer“ ist eigentlich durch ein Plakat, das ich dort gemacht habe, entstanden und das hat sich wiederum auf den Film bezogen. Aber bei mir ist das oft ineinander verwoben. Ich arbeite neben der Musik auch als Fotografin und Grafikerin. Von dem her sind da meine Inspirationen sehr close.

Culk: live

Culk gastieren am 14. Dezember mit Paul Plut in der Arena, am 15. mit Zinn in der ARGEkultur. Tickets gibt es bei oeticket.

TICKETS
Artikel teilen

Könnte dich auch interessieren