Bild: Sophie Löw
Nach dem feministischen und aufwühlenden Werk „Zerstreuen über Euch“ widmet sich die Wiener Post-Punk-Formation Culk auf ihrem neuen Album der „Generation Maximum“. Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Porträt einer Generation, die sich ihren Weg durch eine stetig komplizierter werdende und krisenhaftere Welt bahnt.
Auf der Suche nach allem. Auf der Suche nach nichts: Es ist eine widersprüchliche Welt, in der junge Menschen heute aufwachsen. Die Möglichkeiten sind vermeintlich unbegrenzt, das Ausmaß an Krisen war allerdings selten so stark spürbar. Die Anforderungen einer Leistungs-, Konsum- und Vergleichsgesellschaft sind nur ein beiläufiges Scrollen von Weltuntergangsszenarien entfernt. Und inmitten dieser Spannungszustände ist da noch der menschliche Drang, einfach mal jung und unbeschwert sein zu dürfen. Wir haben mit Sängerin Sophie Löw über diese Konflikte gesprochen, die sich allesamt auf Culks neuem Album „Generation Maximum“ wiederfinden.
Wir wollten auf jeden Fall einen konkreten Titel und ich glaube, jüngere Menschen checken sofort, was man damit für Gefühle transportieren will. Es ist diese maximale Auslastung und Überforderung. In den letzten Jahrzehnten wurde das gefühlt immer mehr – einerseits was man leisten soll und andererseits der Druck durch die Gesellschaft. Ich glaube, durch die politischen Ereignisse und Zustände wie die Klimakrise, die Wirtschaftskrise usw. hat unsere Generation das Gefühl, dass sich jetzt etwas ändern muss und es so nicht weitergehen kann. Es fühlt sich einfach gerade so an, als wäre das Maximum erreicht. Und was ist danach? Das wissen wir nicht.
Diese Widersprüche sind natürlich total wichtig, weil sonst würde man ja auch einen großen Aspekt auslassen. Ich glaube, der größte Unterschied zwischen den heutigen und früheren Generationen ist der psychische Aspekt. Den merke ich aktuell extrem in meinem Umfeld und es kann einfach kein Zufall mehr sein. Ich glaube, dass diese Widersprüche, diese Zerrissenheit dabei eine große Rolle spielen. Weil theoretisch, für uns zumindest, die hier leben dürfen, alles möglich und verfügbar wäre. Das ist aber, glaube ich, auch ein Grund, der für die Psyche so belastend ist. Ich habe zum Beispiel darüber schon oft mit meinen Eltern gesprochen. Ich wollte wissen, wie es ihnen in ihrer Jugend ging, ob sie auch einen so starken Druck verspürt haben. Ich glaube, dass die Erwartungen an unsere Generation höher sind, weil wir theoretisch alles zur Verfügung haben.
Ja, das ist uns auf jeden Fall ein großes Anliegen. Gerade bei „Ihre Welt“ hatten wir verschiedene Versionen von dem Vocalpart. Bei manchen habe ich versucht, ganz still und zerbrechlich zu klingen. Dann gab es auch eine Version, die aggressiver war und mit der Musik mitgegangen ist. Wir dachten dann, eigentlich wäre es bei dem Song voll cool, wenn ich ganz straight klinge. Meine Stimme haben wir uns dabei wie in der Mitte eines Sturms vorgestellt.
Wir haben am Anfang ein, zwei Lieder gemeinsam geschrieben. Der Song „Willkommen in der Hedonie“ war der erste, den wir für das Album gemacht haben. Der ist hauptsächlich im Proberaum entstanden, auch der Text. Ich habe dann aber sehr schnell dieses Überthema, über das wir gerade bereits gesprochen haben, beschlossen. Dann war es so, dass ich viele Texte abseits der Proben geschrieben und sie erst später mit den anderen geteilt habe. Anschließend haben wir die Songs gemeinsam im Proberaum erarbeitet.
Den Text habe ich eher gegen Ende geschrieben. Bei diesem ganzen Hauptthema von Überforderung in der Jetztzeit dachte ich, diese Geschichte ist nicht zu Ende erzählt, ohne den Aspekt des Internets dabei zu haben. Bei dem Song war mir wichtig, so eine Art von Radikalisierung, die dort stattfindet, aufzugreifen. Also es geht einerseits um diesen Radikalisierungseffekt und andererseits diesen Überforderungsaspekt. Das war mir sehr wichtig, denn das Ganze stellt auch so eine alltägliche Ausformung von diesem psychischen Zustand dar. Man ist jeden Tag mit der Frage konfrontiert: Was lasse ich von der ganzen Welt auf mich einprasseln und was kann ich gerade nicht tragen?
Ich glaube, es ist schon beides dabei. Musikalisch sind wir definitiv auf der Schiene, dass wir uns nie fragen, ob das jetzt massentauglich ist. Bei den Texten arbeite ich so, dass nicht alles auf einmal gesagt wird und zu plakativ ist. Ich schreibe aber auch ganz gern einzelne Passagen, die auf jeden Fall verständlich sind. Ich glaube, man kann den Rest des Textes so besser interpretieren, wenn man ein paar Anhaltspunkte hat.
Ich gebe dir voll Recht, dass der Song thematisch ein bisschen aus dem Raster fällt. Irgendwie sind alle Lieder davor so ein Umrühren in der Jetztzeit und was alles momentan auf den Menschen lastet oder zumindest einem Teil davon. Aber am Ende ist es ja ein Leben, das irgendwann auch zu Ende geht und was bleibt dann übrig? Das Album davor war ja schon sehr gesellschaftskritisch und deshalb finde ich das einen schönen Abschluss.
Genau und das ist dann wieder dieser Konflikt zwischen zwei Extremen.
Schon möglich. Ich glaube, der große Unterschied ist eher, dass ich bei Sophia Blenda eben alles selbst gemacht habe. Das war musikalisch wieder ein kompletter Umschwung – nicht gemeinsam zu viert im Proberaum die Lieder zu schreiben. Das hat mir einfach voll Spaß gemacht und ich glaube, ich merke – egal ob es jetzt CULK oder Sophia Blenda ist – dass die Texte immer mehr im Fokus stehen. Und vielleicht bin ich auch deshalb teilweise konkreter geworden.
Ich habe, was das betrifft, eigentlich keine Vorbilder. Ich bin auch eigentlich durch Zufall draufgekommen, dass mir das Schreiben liegt und so viel Freude macht. Am Anfang von CULK habe ich geschrieben und gar nicht so viel darüber nachgedacht. Das war extrem intuitiv. Durch unsere erste Single „Begierde/Scham“, über die dann viel in der Presse usw. geschrieben wurde, haben wir, glaube ich, alle gecheckt, dass der Text scheinbar gut ist. Dieses Intuitive ist eigentlich immer geblieben und das finde ich auch ganz gut so.
Mein All-Time-Favourite ist auf jeden Fall doppelfinger. Er ist so ein begnadeter Musiker und auch seine Texte finde ich großartig. Ansonsten ist CULK auf jeden Fall im Fanclub von Vague, Euroteuro, Mira Lu Kovacs, Ja, Panik, Paul Plut, Ankathie Koi und und und!
Ich würde jetzt gar nicht Filme als Inspiration nennen, sondern vielleicht eher Fotografie, wobei das ja auch wieder recht verwandt ist. Ich habe an der Kunstuni in Linz Fotografie und Grafikdesign studiert. Das Lied „Helle Kammer“ ist eigentlich durch ein Plakat, das ich dort gemacht habe, entstanden und das hat sich wiederum auf den Film bezogen. Aber bei mir ist das oft ineinander verwoben. Ich arbeite neben der Musik auch als Fotografin und Grafikerin. Von dem her sind da meine Inspirationen sehr close.
Culk gastieren am 14. Dezember mit Paul Plut in der Arena, am 15. mit Zinn in der ARGEkultur. Tickets gibt es bei oeticket.