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Singlepremiere: Sophia Blenda "Mein Horizont"

18.03.2025 von Stefan Baumgartner

Sophie Löw alias SOPHIA BLENDA ist Multiinstrumentalistin, Songwriterin und Sängerin der Band CULK. Bereits auf ihrem ersten Soloalbum „Die Neue Heiterkeit“ (2022) stemmte sich die Wienerin mit schwermütig am Klavier vertontem und poetisch betextetem Kammerpop gegen das lähmende Grundrauschen gesellschaftlicher Zwänge. Die Musik von SOPHIA BLENDA ist ein leiser, aber wirkungsvoller Protest.

Ihr Kampf als Musikerin ist ein Kampf gegen den Verlust der eigenen Geschichten, Gedanken und Gefühle im Sturm der Gegenwart. Und ein Gegenentwurf zur Vereinzelung, Vereinsamung und Isolation, die im mehrdeutigen Titel des neuen Albums “Die Summe der Vereinzelung” schon mit angelegt ist. Entstehen tun die gesellschaftskritischen und unheilvoll drängenden Kompositionen alleine am Klavier zu Hause in Wien. Von dort aus wachsen die intim vorgetragenen Lieder zu etwas Kollektivem. Ganz im Sinne von: Zusammen sind wir weniger alleine.

„Die Summe der Vereinzelung" erscheint am 11. April und wird schließlich am 9. Mai im Wiener ORF RadioKulturhaus auch live vorgestellt - es ist eine Anklage und ein feministischer Weckruf. Wie viele Einzelfälle, fragt das neue Album von SOPHIA BLENDA, müssen es noch werden, damit man begreift, dass es keine Einzelfälle gibt. Der Albumtitel spricht Bände. Denn was ist die Summe aus den vielen einzelnen Geschichten, als ein gewaltsames System, das FLINTA* und queere Menschen ignoriert, diskriminiert und herabwürdigt. Trotzdem wird den Betroffenen oft gar nicht erst geglaubt oder wenn doch, keine Bedeutung beigemessen. „Dem will ich mein Album entgegenstellen“, sagt SOPHIA BLENDA. „Es beschäftigt mich schon lange, dass weiblich gelesener und queerer Schmerz in unserer Gesellschaft so verharmlost wird. Ich will diese Geschichten erzählen, ohne irgendetwas kleinzureden. Hier wird nichts nebenbei oder am Rande verhandelt. Die Lieder geben den Geschichten den Stellenwert, den sie verdienen.“

Horizonterweiterung

Zwischen der bildgewaltig verschachtelten Sprache auf Deutsch und Englisch und den melancholischen Melodien ihres Klaviers geht SOPHIA BLENDA der Wahrheit auf den Grund. Nicht zufällig positioniert sie „Mein Horizont“ als Opener: „Wenn in meinem Licht unsere Horizonte über Grenzen gehen“, singt sie. Es ist ein Statement gegen eine festgefahrene, binäre Denkweise und eine Einladung zur Unvoreingenommenheit - hinein in eine weibliche/queere Perspektive.

Aber der Horizont der geneigten Hörer*innen wird noch weiter geöffnet: In insgesamt zehn Liedern verschreibt sich SOPHIE BLENDA der Sichtbarmachung von struktureller Diskriminierung. „Sad Girl Summer“ ist ihre Antithese zum Social Media Hype der Sad Girl Aesthetic und beklagt mit Verweisen auf Musikerinnen wie Lana del Rey, Billie Eilish, Phoebe Bridgers, Ethel Cain und Nico, wie weiblicher/queerer Schmerz in der Popkultur glorifiziert wird. Zehntausende Fans stehen vor riesigen Bühnen und singen chorisch die suizidalen Textzeilen dieser Künstlerinnen mit. SOPHIA BLENDA gibt in eigenen Worten die Brutalität und Schwere jener Lyrics wieder. „Billie is too intoxicated to be scared / Lana is born to die and sings Women are beautiful when they cry / Phoebe is hardly feeling anything at all.” Ein Reality Check, der allerdings unbeantwortet lässt, warum die mentale Gesundheit von Flinta* über Generationen hinweg als nebensächlich abgewunken wird – im Pop wie im echten Leben.

Aber es geht auch um das eingangs angesprochene Gefühl eines Kollektivs, nämlich im bedingungslosen Vertrauensrefrain von „Deine Wahrheit“: „Es reicht, es reicht / Deine Worte werden Wellen schlagen / Ich habe keine Gegenfragen“. Den Song hat sie als Reaktion auf die Frauen geschrieben hat, die 2023 Vorwürfe sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch auf Rammstein-Konzerten öffentlich machten. „Du weißt, ich weiß / Tausend zu eins / Während die andere Seite blind auf ihre vermeintliche Unschuld verweist“.

Und SOPHIA BLENDA scheut sich nicht auf „Die Summe der Vereinzelung“ weitere Gewalterfahrungen zu thematisieren. In „Watch Her Heal“ geht es um subtile und weniger subtile Formen von Machtmissbrauch und Gewalt, die als transgenerationales Trauma reproduziert werden. „He knew what his father did / He sat beside them and watched his daughters bleed“. In „70’s Interior“ seziert sie sprachmächtig, wie sich Erlebtes in Körper und Geist von Opfern sexueller Gewalt einprägt und um die Frage, wer die Last der Erinnerung trägt und wer die Situation unversehrt verlässt: „That day he stole her body and left it there / Childhood transformed into constant blur / An empty mind stuck in 70’s interior“. Und auch „Glorify Me“ ist ein unerschrockener Aufruf hinzuschauen: „Look at her fears / it makes me shiver“.

Das Album endet mit „Brief einer Unbekannten“, einem scharfsinnigen Kommentar auf die von Männern erzählten Geschichten weiblicher Figuren – angelehnt an die gleichnamige Novelle von Stefan Zweig, die von der problematischen Obsession einer jungen Frau mit einem beziehungsunfähigen Künstler handelt. SOPHIA BLENDA erzählt die Geschichte aus einer anderen Perspektive neu und erkundet das Narrativ von Fremdzuschreibung und Selbstermächtigung. „Wer nicht leben kann muss träumen“, singt sie über ein Leben gefangen in Illusionen. Was SOPHIA BLENDA daran interessiert: „Warum wird nicht darüber gesprochen, wie es Flinta* ging, oder wie es ihnen heute geht? Was sagt es aus, dass sie sich lieber in einer Traumwelt verorten, als in der Realität?“

Ein Frühlingserwachen

Musikalisch und textlich - also: vollinhaltlich - ist „Die Summe der Vereinzelung“ ein starkes Pop-Statement, eine furchtlose Seelenverortung: Kritisch, suchend, fragend. Ein Mahnmal für das eigene Selbst. Oder um es mit SOPHIA BLENDAs eigenen Worten zu sagen: „Ein Frühlingserwachen / Meine Mahnwache / Meine eigene Revolution / Ich bin nicht wie du mich willst“.


Live-Termine


Sophia Blenda - "Live@RKH: Die Summe der Vereinzelung"

09. Mai 2025 | Wien, ORF RadioKulturhaus


Infos auf dem Stand vom 18.03.2025  

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