Bild: Heavy Lezzers
Ende November geht zum ersten Mal das von den Heavy Lezzers veranstaltete zweitägige Loud + Proud Festival über die Bühne des FLUCC – im diversen Line-Up mit dabei: die aktuell gehypten Witch Club Satan aus Norwegen.
Am 21. und 22. November feiert das Loud + Proud Festival im Wiener FLUCC Premiere – es ist dies ein zweitägiges Festival, das einerseits neue Türen in der Metal-Szene öffnet, aber auch der queeren Bubble eine vielleicht noch ungewohnte Spielwiese kredenzt: Im Rampenlicht stehen nationale wie internationale Bands, deren Besetzungen divers sind – dabei aber Frauen und weiblich gelesene Personen nicht plakativ in Szene gesetzt werden. Sie alle demonstrieren, wie abwechslungsreich nicht nur die stilistische Welt des Heavy Metals, sondern auch die Persönlichkeiten dahinter sein können – um schlussendlich trotzdem wie Zahnräder ineinander zu greifen. Wieso das gelingt? Weil Stereotypen – darunter klassische Männlichkeitsbilder – außen vorgelassen werden und durch unkonventionelle Perspektiven Grenzen auf der Bühne wie auch im Publikum aufgelöst werden.
Neben den insgesamt zwölf Bands – darunter die aktuell gehypten Witch Club Satan aus Norwegen – bietet das Festival in Kooperation mit der Pen & Paper Community Vienna, Paradice und WIENXTRA auch einen Gaming-Bereich, im Anschluss ans Musikprogramm laden Drag Performances und DJs zu einer lauten, aber intensiven Begegnungszone ein. Das volle Programm findet sich selbstverständlich bereits auf der Website der Heavy Lezzers.
Hinter dem Festival steht das Kollektiv der Heavy Lezzers, das bereits zweimal bei der Vienna Pride nicht nur ein klares, sondern vor allem lautes Statement abgeliefert hat: Die Textzeile „Never surrender – stand up, fight them all“ von Saxon ist bei ihnen nicht ausschließlich programmatisch für die working-class-Haltung des Heavy Metals zu sehen, sondern auch darüber hinaus. Corinna und Jasmin, die beiden Veranstalterinnen hinter dem Festival, erklären Genaueres.
Die Playlist zum Loud + Proud Festival. Pfarre findet man ausschließlich auf Bandcamp.
Corinna: Die Heavy Lezzers gibt es seit 2017. Der Hintergrund war, dass ich damals in der Metalszene keine queeren Leute zum Daten gefunden habe. Unter dem Banner “Heavy Lezzers” habe ich dann gemeinsam mit Arik von Pastor und DJ Warzone aufgelegt – zum Beispiel beim Doom Over Vienna.
Irgendwann habe ich dann begonnen, nicht nur auf Metal-Partys, sondern auch auf Social Media eine Community aufzubauen – gemeinsam mit einem ebenfalls lesbischen Metal-Fan aus Pennsylvania, die ich bereits 2009 zufällig über last.fm kennengelernt habe. Der Grundgedanke hinter den Heavy Lezzers war also die weltweite Vernetzung queerer Personen innerhalb der Metal-Bubble – und es kamen immer mehr Leute dazu, zum Beispiel Gina von Baroness. Allerdings ist jede*r bei den Heavy Lezzers willkommen, die/der sich mit uns identifizieren kann, also ein „Ally“ ist.
Jasmin kam dann über einen gemeinsamen Besuch beim schwedischen Muskelrock-Festival dazu – und sie ist mit ihrer langjährigen Expertise in der Kulturszene natürlich nicht nur persönlich für unser eigenes Festival Loud + Proud ein großer Gewinn.
Jasmin: Der gemeinsame Besuch beim Muskelrock hat die Heavy Lezzers befeuert, ja. Auf dem Festival waren wir kollektiv von der Atmosphäre so begeistert, weil das Line-Up so divers, so bunt durchmischt war – und das mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit! Da wurde nicht extra erwähnt, dass auch Bands auftreten, in denen Frauen mitspielen, es wurde kein Spotlight auf die Diversität gerichtet, sondern die Diversität war einfach das Normalste auf der Welt. Das hat uns den Motivationsschub gegeben, dass wir das auch in Österreich anstreben wollen – allerdings muss ich zugeben, wir richten die Spotlights sehr wohl auf das Thema der Diversität, einfach, weil das in Österreich noch notwendig ist.
Jasmin: Letztes Jahr waren wir allerdings nicht “offiziell” dabei, sondern sind mit unserem Tuk-Tuk einfach rein- und mitgefahren.
Corinna: Ich habe schon mein ganzes Leben lang davon geträumt, dass es auf der Regenbogen-Parade einen Truck gibt, wo sie nur Metal spielen und ich endlich “Never Surrender” von Saxon hören kann (lacht). Das war für mich so eine fixe Idee wie für andere, einen Baum zu pflanzen.
Corinna: Dieses Jahr waren wir dann offiziell dabei, dazu gab es auch einen Artikel im Standard. Die offizielle Teilnahme hat uns allerdings auch eine Stange Geld gekostet – weil im Gegensatz zur Straßenverkehrsordnung die HOSI bei der Regenbogenparade das Tuk-Tuk nicht als Fahrrad anerkennt, sondern mit PKWs und LKWs gleichsetzt.
Jasmin: Wir haben da von einem Förderprogramm der Stadt Wien, der SHIFT-Förderung erfahren: Das ist eine relativ niederschwellige und auch betreute Förderung für Kunst- und Kulturprojekte, die “Räume für gemeinsame Erlebnisse schaffen, ungewöhnliche Perspektiven eröffnen und an den Schnittstellen zwischen Kunst, Politik und Gesellschaft angesiedelt sind”. Allerdings haben wir den offiziellen Verein der Heavy Lezzers erst im Nachgang gegründet – was blöd ist, weil andersrum hätten wir eine höhere Förderung bekommen.
Corinna: Da muss ich fast ein bisschen egoistisch antworten: Ich möchte einfach mehr Platz für mich (lacht). Wenn ich an Metal denke, dann muss ich auch an die Arbeiterklasse denken: Heavy Metal ist einerseits ein Fluchtort, aber auch ein nach-Hause-kommen und dazu ein Bier trinken. Dabei möchte ich aber nicht immer nur die ewigselben männlichen Bands, sondern auch einmal mehr auch auf Frauen das Spotlight richten. Die Queer-Bubble ist ja teilweise auch sehr akademisch: Das wollen wir mit den Heavy Lezzers ein bisschen aufbrechen und einen Ort schaffen, wo alle einfach Mensch sein können, egal ob queer oder CIS.
Jasmin: In meiner langjährigen Erfahrung als Tontechnikerin und Musikerin sehe ich, dass das, was auf der Bühne passiert, sich auch im Publikum widerspiegelt. Sobald du also eine bessere Durchmischung von Geschlechtern und Identitäten auf der Bühne hast, hast du sie auch automatisch im Publikum.
Corinna: Wir haben auch hinter der Bühne ein FLINTA-Team – und auch das ist eine Seltenheit. Weil die fehlende Diversität auf der Bühne wird ja oft angekreidet – aber von den Menschen im Hintergrund, die das Publikum nicht so mitbekommt, von denen redet man kaum.
Jasmin: Ich glaube, dass dadurch, dass wir auch bei den Jobs im Hintergrund – angefangen bei der Produktion über die Technik bis hin zum Artist Care – so sehr darauf achten, wird sich das auch generell auf die Atmosphäre des Festivals auswirken.
Corinna: Es gibt ja durchaus bereits reine FLINTA-Festivals, so etwas wollte ich keinesfalls machen, weil ich das für die Kreativität, für den Ausdruck und letztlich auch für die Qualität vom Festival limitierend finden würde. Deswegen heißt es auch für die Heavy Lezzers: “Cult of Heavy Metal Lesbians and Allies” – es geht uns also um das “Wir”, um das gemeinschaftliche Miteinander. Beim Line-Up hätte ich Abstriche machen müssen, wenn nicht auch Männer auf der Bühne stehen dürften: Ausgeschlossen ist nur der Metalcore, nicht die Männer (lacht).
Jasmin: Ein Kriterium, das wir definitiv abgehakt sehen wollten: Die Bands, die da auf der Bühne stehen, müssen uns beiden als Veranstalterinnen gefallen.
Corinna: In erster Linie ging es uns darum, keine Bands mit einer klassischen “Frontfrau” zu buchen.
Jasmin: “Female fronted” ist bei uns jedenfalls kein Genre, die Frau ist immer integrierter Teil von einer Band: Wir wollten nicht, dass auch bei uns wiederum die Frau erst etwas leisten muss, um einem Anspruch gerecht zu werden. Es geht beim Loud + Proud um eine gesamtheitliche Ausstrahlung des Bandgefüges.
Corinna: Tower aus New York und Cherokee aus Köln sind da das perfekte Beispiel dafür.
Corinna: Ich glaube, das Problem liegt darin begründet, dass viel zu wenige Männer platonische Freundinnen haben. Wenn dem aber so wäre, würden Frauen nicht entweder auf eine vermeintlich mindere Position – den Bass – abgeschoben werden oder als optisches Aushängeschild am Gesang platziert werden.
Jasmin: Ja, aber du kannst auch als Veranstalter oder Manager – und ich rede jetzt bewusst in der männlichen Form – auch weibliche Bands pushen. Måneskin ist das perfekte Beispiel dafür, auch sie haben einmal klein angefangen und spielen heute Headliner-Slots.
Corinna: Es stimmt aber schon, wenn ich jetzt in Schweden das Muskelrock und das viel größere Sweden Rock vergleiche: Beide Festivals wollen unterschiedliche Dinge, da kann man nicht von Haus aus das Gleiche verlangen.
Jasmin: Sichtbarkeit ist aber hier, wie dort ein wichtiges Thema: Wenn sich ein junges Mädchen aus dem Publikum nie selbst auf der Bühne repräsentiert fühlt, wird sie nie den Eindruck vermittelt bekommen, dass auch sie selbst dort oben stehen könnte. Ich war mit 10 Jahren riesengroßer Fan von Avril Lavigne – und wegen ihr arbeite ich jetzt schon seit Jahren als Tontechnikerin und Musikerin in der Kulturbranche. Ohne sie hätte mein Weg wahrscheinlich anders ausgeschaut.
Corinna: Jo Bench von Bolt Thrower.
Corinna: Sollte, ja. Und tatsächlich ist es auch bei mir so, dass bei meinen favorisierten Bands die Männer überwiegen. Aber es ist so wie Jasmin vorhin sagte: Die Personen auf der Bühne spiegeln sich im Publikum wider.
Corinna: Ich glaube, das ist ganz einfach erklärt – und eine Umkehrung dessen, wieso wir auch im Heavy Metal die Sichtbarkeit von Frauen als wichtig erachten: Weil Popmusik von überwiegend Frauen und schwulen Männer gehört wird, deswegen stehen so viele weibliche Personen auf der Bühne!
Jasmin: Aber das war schon immer so, denken wir an Madonna und Cher zurück …
Jasmin: Ich habe bereits im Alter von 12, 13 Jahren mit Metal angefangen, aber bis heute und somit zirka 20 Jahre später hatte ich keine Orte, keinen Anker gefunden, wo ich als lesbische Frau damit Platz gehabt hätte: Es war immer entweder die queere Szene oder der Heavy Metal. Beides zusammen hat nie funktioniert, das eine wie das andere war hier wie dort gewissermaßen mein geheimes “Guilty Pleasure”.
Corinna: Ich habe zum Beispiel jahrelang im Substance, einem Plattenladen in Wien gearbeitet – ich habe also doch viel Ahnung von Musik. Aber trotzdem ist es mir oft passiert, dass ich als Frau ausgefragt wurde, abgetestet wurde, ob ich auch wirklich eine Ahnung habe.
Corinna und Jasmin haben für den HEADLINER eine kleine Playlist ihrer aktuellen (und ewigen) Faves zusammengestellt.
Jasmin: Ideologische Grenzen – Stichwort Faschismus – gibt es natürlich. Aber bei uns wird keine*r des Festivals verwiesen, weil er oder sie einmal ein falsches Pronomen verwendet – und ich denke, bei unserem Line-Up merkt man, dass bei uns sehr viele Graustufen – außer Metalcore (lacht) – möglich sind: Da gibt es Classic und Heavy Metal, Black Metal, Doom Metal und Dungeon Synth, aber auch Künstler*innen, die ein bisschen die Kunstwelt mit der des Heavy Metals verknüpfen.
Corinna: Ich komme ja eigentlich sogar aus der Indie Bubble. Aber generell muss man auch außerhalb seiner Bubble denken: Wenn man mit jemandem spricht, der aus einer anderen Bildungsschicht oder Generation kommt, kannst du nicht automatisch davon ausgehen, dass diese Person deine Erfahrungen teilt oder es ein Leichtes ist, Neues dazuzulernen. Aber letztlich merkt man, ob bei Menschen ein Herz dahinter ist – oder nicht. Und darauf kommt es an. Ein Gatekeeping gibt es, so ehrlich muss man sein, nicht nur im Heavy Metal, sondern natürlich auch in der queeren Bubble.
Jasmin: Die Klassenfrage ist vielleicht auch das Alleinstellungsmerkmal, das uns von ähnlichen Kollektiven und Initiativen unterscheidet. Deswegen wird für das Festival auch ein kleines Kontingent an Kulturpass-Tickets zur Verfügung gestellt.
Corinna: Ich sage immer, wir sind – noch – zu queer für die Metal-Szene, aber auch zu “metal” für die queere Szene. In ein paar Jahren habe ich das Gefühl dann hoffentlich nicht mehr (lacht): Letztlich geht es uns darum, nicht nur die Metal-Bubble, sondern eben auch die queere Bubble anzusprechen und beide zusammenzubringen.