Anna Sophie Kölbl Anna Sophie Kölbl
Kabarett & Comedy

Der seltsame Fall des Benedikt Mitmannsgruber

29.09.2022 von Hannes Kropik

Benedikt Mitmannsgruber zählt zu den Shooting Stars der heimischen Kabarettszene. Nun präsentiert der 26-jährige Oberösterreicher sein neues, autobiografisches Programm „Der seltsame Fall des Benedikt Mitmannsgruber“, in dem es um die Entfremdung von alten Freunden und neue Lebenswelten geht. Lassen Sie sich von seiner monotonen Stimme nicht täuschen: Dieser junge Mann mit dem legendären Norweger-Pulli ist auf der Bühne die pure Erotik.

Wie ist deine Stimmung? Bist du gut drauf?

Ich bin sehr gut drauf, die Stimmung ist sehr gut.

Dein neues Programm „Der seltsame Fall des Benedikt Mitmannsgruber“ feiert am 6. Oktober Premiere – bist du nervös?

Ich habe im September schon drei Vorpremieren gehabt. Die erste war natürlich schwierig, weil man da immer ein bisschen unsicher ist und nicht weiß, wie die Leute reagieren. Aber mit der zweiten und dritten Vorpremiere war ich schon sehr zufrieden. Der Text sitzt eigentlich schon. Ich habe ein gutes Gefühl, ich bin gut vorbereitet.

Worum geht es in deinem zweiten Solo-Programm?

Es ist sehr autobiografisch, sehr persönlich. Es geht um Entfremdung. Um Entfremdung von Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Es geht um verschiedene Lebenswelten, es geht ein bisschen um die Männlichkeit und ganz generell um die Suche nach der eigenen Identität und das Erwachsenwerden. Aber das Hauptthema ist sicher die Entfremdung von den Personen, mit denen ich aufgewachsen bin. Wir leben heute in total unterschiedlichen Welten – obwohl wir gleich alt und miteinander aufgewachsen sind.

Ist es für dich eine Fortsetzung deines Debüt-Programms „Exodus“, wo es ja um deine Zeit zu Hause im Mühlviertel und den Auszug geht?

Es sind ähnliche Themen. Ich würde aber nicht sagen, dass es eine Fortsetzung ist. Es geht nicht mehr so viel um meinen Heimatort, sondern mehr um mein eigenes Leben. Und ich versuche, andere Themen anzusprechen, breitere, gesellschaftlich relevantere Themen. Mein Heimatort kommt natürlich wieder vor, aber nicht mehr so prominent wie in „Exodus“.

Du bist in Liebenau aufgewachsen, der flächenmäßig größten Gemeinde im Mühlviertel und überhaupt dem höchstgelegenen Ort Oberösterreichs – eigentlich ganz beeindruckende Eckdaten!

Das stimmt!

Wie ist das, wenn man in so einem Ort mit 1.800 Einwohnern aufwächst und sich als Außenseiter fühlt? An welchen Träumen, an welch kühnen Zielen hält man sich da fest?

Das Aufwachsen war schon sehr lustig, weil man von Anfang an sehr konservative Männlichkeitsideale mitbekommt und weil sehr viel Alkohol konsumiert wird. Ich habe mich tatsächlich am Humor festgehalten. Humor war schon als Jugendlicher eine große Leidenschaft von mir. Autos dafür weniger, obwohl die bei uns im Ort sehr wichtig sind. Jeder fährt einen Audi.

Wie hast du deine Entwicklung selbst gesehen – vor allem im Vergleich zu den Gleichaltrigen in deinem Umfeld? Was unterscheidet dich von deinen Freunden von früher?

Ich glaube, dass mein Leben für einen Mann im Mühlviertel sehr untypisch ist: Meine Freunde stehen mitten im Leben. Sie bauen Häuser, gründen Familien und übernehmen viel Verantwortung. Ich kann mir das alles mit Mitte Zwanzig überhaupt nicht vorstellen. Ihr Leben ist ganz anders als meines. Ich bin wahrscheinlich der einzige vegane Mensch aus dem Mühlviertel und vielleicht sogar in ganz Oberösterreich.

Hast du den Weg eigentlich selbst gewählt und bewusst entschieden, dass du anders sein willst als deine alten Freunde zu Hause im Mühlviertel – oder ist dir das einfach passiert?

Gute Frage. Ich habe immer sehr gern lustige Texte geschrieben. Und irgendwann hat es mich dann gereizt, es auf einer Bühne auszuprobieren. Aber es war lange Zeit nicht mein Ziel, das hauptberuflich zu machen. Das ist mir, glaube ich, wirklich eher passiert.

Du wolltest Lehrer für Deutsch und Geschichte werden, kann man im Internet nachlesen?

Ich habe einfach keinen Plan für mein Leben gehabt und deshalb auf Lehramt studiert. Aber immerhin habe ich vergangenes Jahr meinen Bachelor gemacht. Ich könnte jetzt also schon unterrichten – vor allem bei dem Lehrermangel, der momentan vorherrscht.

Jeden Tag zeitig aufstehen, ein geregelter Tagesablauf mit einem Publikum, das dir zuhören muss – das klingt doch verführerisch!

Stimmt, das klingt wirklich super …

Wann bist du draufgekommen, dass du lustig bist und ein Publikum zum Lachen bringen kannst?

Das war in Oberstufe in der HAK in Freistadt – in der 1. Klasse Oberstufe war ich ein Außenseiter, weil ich eben aus Liebenau gekommen bin und eine ganz andere Jugend gehabt habe als die meisten anderen bei mir in der Klasse. In der 2. Oberstufe habe ich gemerkt, dass die anderen Schüler lustig finden, was ich sage und tue. Und zum Abschluss habe ich dann die Matura-Rede vor allen Schülern, Eltern und Lehrern gehalten – und die ist ziemlich gut angekommen. An diesem Abend habe ich mir geschworen, dass ich es irgendwann einmal ausprobieren und ein eigenes Programm schreiben möchte. Aber es hat mich eine riesige Überwindung gekostet und zwei Jahre gedauert, bis ich mich wirklich zum ersten Mal auf eine Bühne getraut habe.

Wie waren die ersten Schritte ins Rampenlicht?

In Linz gibt es eine offene Bühne, und meine Freundin hat die gekannt, sie hat sich dort schon einmal einen Abend angesehen. Sie hat mir davon erzählt und mich mitgenommen. Dann habe ich mich angemeldet und es das erste Mal selbst probiert – es waren sehr viele Freunde da, deshalb war der Abend nicht so richtig aussagekräftig.

Aber gerade vor Freunden kann man ja so richtig verrecken …

Ja, das ist mir am Anfang oft passiert. Meine ersten Auftritte waren ziemlich miserabel. Aber das gehört dazu.

Hast du schon damals mit dieser monotonen, unaufgeregten Stimme gesprochen? War dein Markenzeichen von Anfang an präsent oder hat sich das erst im Lauf der Zeit entwickelt?

Am Anfang war es noch schlimmer. Wenn ich mir heute Auftritte aus den Jahren 2017, 2018 anschaue, dann finde ich das schrecklich. Ich war viel monotoner als heute, viel depressiver – ich finde den alten Benedikt Mitmannsgruber heute überhaupt nicht mehr lustig.

Sprichst du im wirklichen Leben denn tatsächlich so monoton oder hast du eine Bühnenfigur namens Benedikt Mitmannsgruber entwickelt?

Ich würde sagen, dass die Bühnenfigur schon sehr nah am echten Benedikt Mitmannsgruber dran ist. Ich finde, dass ich auf der Bühne sehr authentisch bin. Früher war die Figur aber depressiv und traurig, das bin ich im echten Leben nicht. Deswegen habe ich während des Corona-Lockdowns mein Konzept ein wenig verändert. Ich habe versucht, auf der Bühne noch sympathischer rüberzukommen, noch sexier und erotischer.

Noch erotischer?

Ja, das war eh schwierig.

Was glaubst du selbst: Warum kommst du so gut an beim Publikum? Warum gewinnst du so viele Kabarettpreise, etwa das „Große Passauer Scharfrichterbeil“ (2022) oder den „Goldenen Stuttgarter Besen“ (2021)? Was bringst du mit, was in der Kabarettszene bisher gefehlt hat?

Das weiß ich nicht. Aber ich glaube, dass meine Figur sympathisch ist, sie ist ein Anti-Held. Und ich versuche, auf der Bühne authentisch zu sein. Ich spiele recht wenig auf der Bühne – aber warum das so gut funktioniert, das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich spreche halt Themen an, die mir persönlich wichtig sind und damit können sich scheinbar viele Menschen identifizieren. Und natürlich, weil ich so erotisch bin. Ich bin der Harry Styles der Kabarettszene.

Du sprichst auf der Bühne immer wieder von deiner Freundin Anna Sophie – ist ihr das überhaupt recht?

Ja, sicher. Ich trage ihr vorher all meine Geschichten vor – und erst, wenn Sie sie lustig findet, probiere ich sie auf der Bühne aus. Sie hat übrigens auch Lehramt studiert, hat aber eine andere Ausbildung als Programmiererin und App-Designerin in Hagenberg begonnen. Sie hilft mir sehr bei meinen Social-Media-Auftritten.

Du arbeitest auch für die Satireplattform Tagespresse – wie passt die tagesaktuelle Satire zu deinem Job als Kabarettist, wo du ja normalerweise größere, allgemeinere Themen abarbeitest?

Ich kenne den Fritz Jergitsch, den Gründer, aus der Zeit, wo er selbst Stand-up gemacht hat. Das Schreiben für die Tagespresse hat mir extrem geholfen zu verstehen, wie man Pointen aufbaut. Ich finde, dass ich dadurch als Kabarettist besser geworden bin. Ich habe auch gelernt, wie man politische Themen besser in ein Programm einbauen kann.

Im Frühjahr hat mich der Fritz gefragt, ob ich Tagespresse-Nachrichtensprecher auf Instagram und TikTok werden will – das hat eine riesige Reichweite und bringt mir natürlich eine ganz neue Aufmerksamkeit. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wohin geht deine Reise aus deiner Sicht? Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Mein großes Ziel ist es, irgendwann ein Drehbuch für einen Film zu schreiben. Ich bin wirklich sehr an Filmen interessiert und gehe sehr oft ins Kino. Und ich würde gerne einmal einen Roman schreiben, das möchte ich unbedingt in den nächsten zehn Jahren schaffen. Und ein, zwei neue Kabarettprograme möchte ich auch noch auf die Bühne bringen und damit den Menschen Themen näherbringen, die mir wichtig sind. Ich hoffe, dass ich irgendwann so große Locations wie den Wiener Stadtsaal regelmäßig ausverkaufen kann. Das wäre ein Traum.

Benedikt Mitmannsgruber spielt sein zweites Kabarett "Der seltsame Fall des Benedikt Mitmannsgruber" ab Herbst etwa im Wiener Stadtsaal, im Kabarett Niedermair und der Kulisse, sowie in Ternitz, Salzburg und Linz. Tickets gibt es bei oeticket.com.

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