Bild: Mirja Nicolussi
46 Jahre Bandgeschichte, 13 Alben: Slime erfinden sich immer wieder neu. Das beweist auch ihr neues Album “3!+7hoch1” - insbesondere die neue Single “Evolution”, die programmatisch für die Entwicklung der Band steht.
Da kommt man sich gleich ein bisschen älter vor, als man tatsächlich ist, wenn man realisiert, dass Slime bereits seit 1979 - und somit drei Jahre länger die Die Toten Hosen und Die Ärzte - ihr Unwesen in der deutschen Punk-Szene treiben. Nur zur Einordnung: 1979 wurde Bruno Kreisky zum vierten (und letzten) Mal Bundeskanzler in Österreich, Sony brachte den weltweit ersten Walkman (kennt man das noch?) auf den Markt, und Reinhold Messner bestieg zum ersten Mal ohne Sauerstoffgerät den Gipfel des K2. Außerdem ist 1979 das Geburtsjahr von Joko Winterscheidt, Pete Doherty, Pink und Maite Kelly, 1979 haben ABBA “Voulez-Vous”, AC/DC “Highway To Hell”, Michael Jackson “Off the Wall”, Led Zeppelin “In Through the Out Door”, Pink Floyd “The Wall” und Motörhead “Bomber” veröffentlicht - es ist also schon verdammt lang her.
Fairerweise muss man sagen: Slime sind in den Jahren immer wieder von der Bildfläche verschwunden. In der ersten Phase existierten sie von 1979 bis 1984 und waren so etwas wie die deutsche Antwort auf die Ramones, Dead Kennedys und auch Black Flag - anfangs übrigens mit Thorsten Kolle am Gesang, der heute Drehbuchautor für “Gute Zeiten, schlechte Zeiten” ist. Die vermutlich programmatischsten und prägendsten Stücke ihrer ersten Phase sind wohl “Polizei SA/SS” und “Wir wollen keine Bullenschweine” - zwei Lieder, die ihnen auch Probleme mit der Judikative einbrachten. Aber nicht zuletzt deswegen galten Slime damals als die radikalste Punk-Band in der deutschen Szene, bevor man sich 1984 auflöste - aber trotzdem hie und da auch weiterhin live spielte.
Die Gitarristen Michael Mayer und Christian Mevs gründeten während der Band-Pause auch das Soundgarden Studio in Hamburg, das bald erste Adresse für Bands wie Tocotronic, Blumfeld und Die Sterne werden sollte - und Jahre später auch gewissermaßen Geburtsort für die aktuelle, letzte Inkarnation von Slime werden sollte. Aber dazu später mehr!
Nach sechs Jahren “Pause” kam es dann zur Wiedervereinigung - nicht nur von Deutschland, auch von Slime: Im Zuge der politischen Stimmung im Land, mit den Ausschreitungen in Hoyerswerda als Höhepunkt einer rassistischen Welle von Gewalt, beschloss man, die Band wieder als lautstarken Gegenpol zu reanimieren. 1992 erschien ihr (zugegeben ziemlich verqueres) Meisterwerk “Viva la Muerte”, das von Rodrigo Gonzáles, dem späteren Bassisten der Ärzte produziert wurde. Prägend für diese Phase von Slime war aber wohl “Der Tod ist ein Meister aus Deutschland” vom Nachfolger “Schweineherbst” - eine musikalische Verarbeitung von Paul Celans “Todesfuge” und direkte Antwort auf die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und den Mordanschlag von Mölln. Der Erfolg, den Slime damals einfuhren, überforderte sie aber - sodass man 1994 erneut den Stecker zog.
Bis 2009 sollte es hierauf dauern, bis Slime wieder zusammenfanden. Ihren zweiten Live-Auftritt nach der erneuten Wiedervereinigung spielten sie beim hundertjährigen Jubiläum des FC St. Pauli - angekündigt wurden sie damals übrigens vom großartigen Rocko Schamoni. 2011 war Gitarrist Michael Mayer Kandidat bei Günther Jauchs “Wer wird Millionär?” - sein Ziel war es, mit der Gewinnsumme eine Konzertreise seiner Band in die USA so weit wie möglich zu finanzieren: Er gewann 16.000 Euro. 2011 spielten Slime übrigens auch auf dem Wacken Open Air - so wie auch Frei.Wild, was natürlich aufgrund der politischen Schere (um es einmal vorsichtig auszudrücken) für einige Diskussionen unter der Fanschar sorgte. Nach der offiziellen Biografie “Slime: Deutschland muss sterben” (2013) und drei Alben ("Sich fügen heißt lügen", 2012, “Hier und jetzt”, 2017, und “Wem gehört die Angst”, 2020) war aber erneut Schicht im Schacht: Die Band hatte sich mit Sänger Dirk Jora verkracht. „Wie, ob und wann es eventuell weitergeht muss erstmal offen bleiben“, hieß es damals.
Und jetzt kommt das Soundgarden Studio von Christian Mevs wieder ins Spiel: Dort nahm nämlich Tex Brasket ein paar Songs auf. Tex wer? Tex Brasket wurde 1980 in Texas geboren, hinein in ein schwieriges Umfeld. Es folgte eine Adoption und ein Umzug nach Deutschland, aber die Themen Gewalt und Sucht blieben in seiner Kindheit und Jugend verhaftet. Schließlich landete er in Berlin auf der Straße, bewaffnet mit seiner Gitarre fand er in der Musik eine Sprache um zu thematisieren, was ihn zwischen Hungersnot, Kälte, Drogensucht und Schmutz tagein-tagaus so bewegt - und das kam an. Ein Video davon landete im Netz, Menschen wurden auf ihn aufmerksam - darunter eben auch Slime-Gitarrist Christian Mevs: In dessen Studio nahm Tex dann ein paar eigene Lieder auf und legte damit das Fundament für seine Zukunft, denn Mevs fand, dass Tex Brasket sich gut in Slime einfügen würde - kein Wunder bei dieser rohen, eindringlichen, berührenden Stimme. Und der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
Bereits 2021 gab es die erste gemeinsame Single “Komm schon klar”, dann ein erneuter Ausflug aufs Wacken Open Air, sowie das erste Album in der neuen Besetzung: “Zwei”.
Wir sehen also: Stillstand ist bei Slime nicht. Und Ruhe auch nicht wirklich. Aber das ist vielleicht auch der perfekte Nährboden dafür, dass sich Slime über die Jahre hinweg immer wieder neu erfinden haben können - erneut zu hören auf dem zweiten Album mit Tex Brasket, das mit “3!+7hoch1” betitelt ist und am 8. August erscheint.
Während andere Veteranen der Szene längst in der Formelsammlung ihrer eigenen Vergangenheit blättern (Hosen, Ärzte - hüstel!), entwickeln Slime mit "3!+7hoch1" ihre Gleichung konsequent weiter. Wer Meilensteine wie “Schweineherbst” oder “Alle Gegen Alle” geschaffen und damit eine ganze Szene nachhaltig geprägt hat, könnte sich nach über vier Dekaden durchaus das Recht herausnehmen, als nostalgische Coverband der eigenen Hits altersmilde durch die Lande zu tingeln - die Leute würden dafür schon zahlen. Dass Slime diesem Schicksal entgehen, ist kein Zufall – es ist vielmehr der Beweis dafür, dass authentische Rebellion nicht altert, sondern sich mit der Erfahrung multipliziert.
Passend zu dieser Evolution, die Slime über die Jahre hinweg durchgemacht haben, gibt es nun die zweite neue Single “Evolution” - und das gleich in zwei Versionen! “Evolution” ist jedoch keine biografische Aufarbeitung der eigenen Geschichte, sondern viel mehr ein Song über die offensichtliche Lernunwilligkeit der Menschheit, die sich im vergangenen und aktuellen Weltgeschehen immer wieder unter Beweis stellt – bis hin zur akuten Selbstzerstörung. Und auch die begleitenden Videos machen eine Grätsche zwischen Vergangenheit und Zukunft:
Das erste Video ist mega aufwändig und wurde in über zwei Monaten von dem Krefelder Künstlerkollektiv Sputnic in Handarbeit gefertigt. Mit Stopmotion, Puppenspiel und selbstgemachter Animation haben sie eine unglaubliche Story erschaffen, die uns total umgehauen hat. Das Ergebnis ist ein echtes Kunstwerk! Das zweite Video wurde komplett mit künstlicher Intelligenz erstellt – vom KI-Künstler Willem. Als wir es zum ersten Mal gesehen haben, hatten wir einen Kloß im Hals. Es ist fast schon erdrückend, unsere Gesichter in diesem Szenario zu sehen!