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Ein Gespräch mit diemarcha über Gedanken, die eine ganze Generation bewegen

14.03.2025 von Stefan Baumgartner

Auf ihrer neuen Single „Ich vermiss dich nicht“ taucht die junge Wahl-Österreicherin diemarcha erneut ein in eine Welt, die nicht immer rosarot und gut zu einem ist: Manchmal besteht das Leben leider auch aus toxischen Beziehungen, Abhängigkeiten und Selbsthass – aus Momenten, die niemand verdient hat. Doch das Positive ist: Der Schmerz kommt zwar, geht aber auch wieder – und nur durch leidvolle Erfahrungen lernt man die manchmal auch nur kleinen Schönheiten des Lebens so wirklich wertzuschätzen.

Im intensiven Gespräch lässt uns Michéle, wie diemarcha bürgerlich heißt, teilhaben an den Gedanken, die eine ganze Generation bewegen.

Wofür steht dein Künstlerinnenname „diemarcha“?

Da haben sich Jan Böhmermann oder Olli Schulz in ihrem „Fest & Flauschig“-Podcast auch schwergetan, wie man den Namen richtig ausspricht (lacht). Ich heiße eigentlich Mascha, Michéle ist mein bürgerlicher Name, der auch in meinem Ausweis steht, aber meine Eltern – beide Ukrainer – haben mich eben Mascha genannt. Die eigentliche Übersetzung wäre „Maria“, und ich habe keine Ahnung, warum dann „Michéle“ daraus geworden ist (lacht). Meine beste Freundin in der Schule hat „Mascha“ immer mit einem „R“ ausgesprochen – und das ist irgendwie hängen geblieben. Seit ich 16 war, war ich immer „die Marscha“ – und wie ich dann mit der Musik angefangen habe, dachte ich mir, ja das passt eigentlich …

Du bist Anfang 20, deine Eltern sind ukrainestämmig, du kommst aber aus Belgien und wohnst mittlerweile nach zahlreichen Zwischenstationen in Wien. Welche Wege haben dich hierher verschlagen?

Ich habe mit 14 in Garmisch-Partenkirchen Deutsch gelernt. Damals fand ich die Skater-Ästhetik cool und bin auch gerne Ski gefahren – also hat es mich danach nach Innsbruck verschlagen, weil dort gab es coole Leute, Berge und auch eine super Uni, auf der ich studieren konnte. Irgendwann war dann meine Skater-Phase aber vorbei und ich hatte Innsbruck verstanden, weil nach zwei Jahren hat man dort alles erlebt. Ich liebe Innsbruck zwar immer noch so sehr, aber mein damals bester Freund hat in Wien gewohnt und als wir einmal bei ihm gemeinsam gechillt haben, hat er gemeint, es wäre lustig, wenn ich hier wohnen würde – und zwei Wochen später bin ich dann tatsächlich nach Wien gezogen (lacht).

Mir ging es damals nicht sehr gut in dieser Zeit – aber es war eine gute impulsive Entscheidung. Ich liebe Wien, aber Wien war nicht immer sehr nett zu mir, sondern auch gemein. Aber das war gut so, ich habe es gebraucht, dass die letzten zwei Jahre über eine Stadt kalt zu mir war und mich nicht so aufgenommen hat, wie ich es davor von meinen Umzügen immer gewohnt war – dass ich mich immer sofort sehr wohl gefühlt hatte. Wie ich nach Wien gezogen bin, ist die Fassade des schönen Films gebrochen, so viele Sachen sind passiert, dass ich in ein richtig tiefes Loch gestürzt bin, wo ich aber seit kurzem mit der Musik rausgekommen bin. Heute bin ich auch sehr dankbar für den Schmerz, der mir angetan wurde, weil ohne dem wäre ich jetzt nicht ich – und ich kann heute mit Stolz sagen, dass ich mich selbst sehr gern habe. 

Siehst du Wien heute als deine „Heimat“ an?

Das Wort „Heimat“ ist für mich ein schwieriges Thema. Damals in der achten Klasse hat mich eine Lehrerin gefragt, ob ich überhaupt ein „Daheim“ habe, weil ich so oft umgezogen bin – das war für mich als sehr emotionales Mädchen eine problematische Frage, über die ich immer noch nachdenke. Aber irgendwann habe ich gecheckt, dass sie irgendwo recht hat. Aber auch, dass „Daheim“ der Ort ist, wo ich jetzt gerade bin. Deswegen verbinde ich heute so viele Orte und Personen mit „Daheim“: Wenn ich bei meinem Freund bin, fühle ich mich zuhause. Genauso aber auch auf meinem Arbeitsplatz, wo ich mich wohl fühle. Auch, weil ich gelernt habe: Nichts bleibt für immer und deswegen macht es für mich keinen Sinn, sich auf etwas hart zu fokussieren, das man „Heimat“ nennt. 

„Heimat“ kann ja auch ein fluider Begriff sein.

Genau. Ich finde auch, dass „Zuhause“ nicht gleich „Heimat“ sein muss, weil so viele Leute eine so schwere Kindheit erfahren haben – Jugendliche, die irgendwann vom Heimatdorf in die Großstadt ziehen und ihr Dorf verachten, weil es ihnen dort nicht gut gegangen ist, weil sie anders waren. Ich finde, „Heimat“ ist ein Wort, das man sich selbst aufbaut.

Apropos Wien: In einem deiner Songs besingst du die Wiener U-Bahnlinie U6. Gerade erst las ich im Standard einen Artikel darüber, dass sie bei den Wiener*innen als die unbeliebteste Strecke gilt. Was verbindest du mit ihr?

In der Nacht, allein und als Frau ist es sehr gruselig, das würde ich niemandem empfehlen. Aber untertags ist es für mich die schönste U-Bahn in Wien! Das ist neben der U4 die einzige U-Bahn-Linie, wo du die Fassade Wiens siehst – wenn du den Gürtel bei Sonnenuntergang in Richtung Längenfeldgasse runterfährst, ist es so schön! Außer du hast das Pech, dass gerade wer zugestiegen ist, der unglaublich stinkt (lacht). Die U6 ist einfach sehr präsent in meinem Leben, außerdem ist es catchy, weil im Song reimt sich „U6“ mit „Sekt“ (lacht).

Außerdem sind manche Sachen manchmal auch so hässlich, dass sie wieder schön sind. Meine Freunde haben immer schon zu mir gesagt, dass ich ein unglaublich gutes Auge für Ästhetik und Schönheit habe, weil ich in ganz viel Schmutz auch Schönheit sehen kann – auch in Menschen. Bei Menschen, die kaputt sind und wo andere Menschen gleich einen Stempel draufhauen, da sehe ich eine Schönheit hinter diesem Schmerz.

Ich glaube, ich romantisiere gerne Schmerz – eben auch bei der U6, da kann ich über den Geruch hinwegblicken und alles, was ich sehe, ist eben diese wunderschöne Aussicht, nicht nur bei der Längenfeldgasse, sondern zum Beispiel auch bei Spittelau. Oder auch diese schönen U-Bahnstationen! Die U3 hingegen finde ich richtig grässlich. Diese Modernisierung, das Beige, der Minimalismus ist nicht mein Ding, ich brauche Chaos – das hat Charakter! Aber das sieht man ja in vielen Bereichen des Lebens: Heute schaut so vieles gleich aus, dabei aber nicht gut. Parkbänke sind da auch ein super Beispiel: Die alten im Stadtpark sind superschön – aber die modernen am Westbahnhof?

Wie wohl fühlst du dich als junge Frau eigentlich des Nächstens abgesehen von der U6 in den Wiener Öffis und im Nachtleben generell?

Ich und ich glaube jede junge Frau, die ich kenne, haben schon ungute Erfahrungen damit gemacht, in der Nacht allein unterwegs zu sein. Das liegt aber nicht an Wien, das ist überall gleich. Wenn ich auf Konzerte gehe und dort ein Crop Top und einen kurzen Rock trage, habe ich immer Wechselsachen für die Heimfahrt mit, weil ich mich sonst in der U-Bahn unwohl fühlen würde.

Auch allein Spazierengehen in der Nacht tu ich ungerne – obwohl ich groß bin. Denn meistens sind Männer ja auch eingeschüchtert von großen Frauen, aber trotzdem passiert auch mir etwas. Da will ich mir gar nicht vorstellen, wie schlimm das für eine Frau sein muss, wenn sie klein und zierlich ist. Deswegen habe ich auch immer Pfefferspray mit dabei!

Sind solche Erlebnisse, dass eine Stadt oder Teile ihrer Bevölkerung nicht gut zu dir sind, auch die auslösenden Momente gewesen, die in dir die Notwendigkeit erweckten, deine Worte und Gedanken in Musik zu verpacken?

Ich komme eigentlich aus einer unmusikalischen Familie, wollte aber immer schon ein Instrument lernen. Eigentlich wollte ich Klavier spielen, aber meine Mutter hat mich damals in den Saxofon-Unterricht gesteckt. Allerdings konnte ich damals noch nicht wirklich mit meiner Kreativität umgehen - auch, weil ich jahrelang in einer Beziehung war, in der mein Charakter nur daraus bestand, die „Freundin von ihm“ zu sein – ich hatte keinen eigenen Charakter. Als wir uns mit 20 getrennt haben und ich von meiner Familie weggezogen bin, da hatte ich auf einmal voll viel Raum, mich zu entfalten. Ich wusste nicht, was ich wollte, wer ich bin – und dann ging alles sehr, sehr schnell.

Ich habe immer schon Gedichte geschrieben und zum Spaß gesungen. Während Corona habe ich sehr viel Deutschrap gehört, vor allem Makko. Und plötzlich wusste ich, das will und kann ich auch machen. Die ersten Lieder waren grausam, aber ich war so selbstbewusst, dass ich die einfach ungemischt auf Instagram und Soundcloud hochgeladen habe und mich so richtig ins Zeug gelegt habe. Da hat sich dann eine winzige Bubble entwickelt, die Interesse an mir gezeigt hat, obwohl alles learning by doing war. Aber es hat richtig viel Spaß gemacht – und ich war richtig selbstbewusst die ganze Zeit dabei. In so vielen Bereichen meines Lebens bin ich unsicher, aber in dem Moment, wo es um Musik geht, weiß ich zwar, dass ich zwar immer noch nicht da bin, wo ich hinwill, aber da fühle ich mich sicher und habe keine Angst mehr.

Deine Lieder: ein Ventil.

Ja. Musik ist für mich ein Verarbeitungsprozess – in meinen Texten geht es um Erlebnisse, die mich belastet haben und die ich so versuche, von meinem Herzen zu bekommen. Ich nehme mir da auch jeden Druck weg, meine Lieder müssen nicht perfekt sein. Vielleicht werde ich einmal mit meiner Musik so richtig groß, dann: geil! Wenn nicht, dann hatte ich zumindest wirklich witzige Zwanzigerjahre mit meiner Semi-Musikkarriere und kann später meinen Kindern davon erzählen. Auch das wäre Bombe! Denn ich fühle mich schon sehr privilegiert, nicht nur, dass mich so viele Menschen hören, sondern auch so viele Menschen um mich herum an mich glauben. Jeder, der mich auf meinem Weg begleitet hat, ist so wichtig für mich und ich wünschte, ich könnte ihnen allen so viel mehr zurückgeben.

Ich habe den Eindruck, dass deine Lieder ein sehr intimer Blick in deine Seele sind – ziehst du irgendwo zwischen der Privatperson und der Künstlerin, dem lyrischen Ich, eine Grenze? Haderst du mit dieser Öffentlichkeit, weil gewissermaßen sind deine Lieder ja fast wie Ausschnitte aus einem Tagebuch.

Du bist nicht der erste, der das fragt. Auch im Privaten höre ich oft, dass man das Gefühl hat, dass man mich voll gut kennt, wenn man meine Lieder hört. Aber ich bin immer schon sehr offen gewesen, weil ich will, dass Leute sich gehört fühlen. Ich weiß, wie es ist, einsam zu sein. Ich war jahrelang in so einer schlimmen Einsamkeit gefangen, dass ich das niemandem wünsche. Ich will, dass wenn man meine Musik hört, fühlt, dass man verstanden wird und nicht allein mit seinen Problemen ist. Natürlich gibt es aber auch Themen, über die rede ich überhaupt nicht – nicht einmal mit meinen engsten Freunden. Das sind dann Gedanken, die kann ich auch nicht für mich allein auf Papier bringen.

Manchmal wünsche ich mir aber, ich könnte auch nicht so persönliche Lieder schreiben, sondern andere, lustige – so wie Atzen Rap zum Beispiel.

Glaubst du, würdest du auch Musik machen, wenn deine Welt rosarot wäre?

Nein, das weiß ich. Ich glaube, ich hätte dann nicht mehr die Beziehung zur Musik, ich würde sie aus den falschen Werten heraus machen. Musik ist meine Therapie – und ich glaube, wenn mein Leben rosarot wäre, würden mir gar keine Ideen einfallen. Wobei! Wer weiß, vielleicht ist das für mich aktuell so hart in mir verankert, dass ich es mir jetzt einfach gar nicht vorstellen kann, dass ich einfach stattdessen süße Poplieder machen würde – oder vielleicht sogar Lullabys für Kinder?

Wie setzt du dich mit dir, deinen Sorgen, deinen Ängsten, deinen Gedanken abseits der Musik auseinander? Was ist dein persönliches Rezept gegen „Gedankenkreisen“?

Ich liebe Yoga, das ist ein sehr wichtiger Bestandteil von meinem Leben. Ich gehe auch sehr viel schwimmen, aber nichts übertrifft, sich zum Sonnenuntergang auf eine Bank hinzusetzen, ein alkoholfreies Bier zu trinken und dazu eine Tschick zu rauchen.

Ich glaube, viele Menschen checken nicht, dass ihr Leben Interpretationssache ist und nur das, was man selbst daraus macht. Man sollte mehr dankbar sein für die ruhigen Momente, und den Kopf hie und da für nur fünf Minuten einfach nur still machen. Wir alle denken zu viel nach – und das ist auch der Grund, warum wir in unseren Zwanzigern jetzt alle total verzweifelt sind.

Mir kommt vor, dass deine Generation generell zwischen Selbstbestimmung und Selbstzweifel schwingt – etwas, das in meiner Adoleszenz noch nicht so eklatant war oder mehr unterdrückt wurde. Ist das ein Zeitgeistproblem, das gegebenenfalls auch von Social Media genährt wird, das mit seinen Bildern des perfekten Lebens viel Druck ausübt?

Ich bin die jüngste Tochter in meiner Familie und meine Mama meint immer, sie hat mit mir am meisten Mitleid, weil sie sich nicht vorstellen kann, was Social Media mit einem Gehirn anstellt. In meiner Abschlussarbeit habe ich damals darüber geschrieben, was die Sozialen Medien mit deinem Körperbild anstellen – das war 2019, und in den sechs Jahren hat sich das alles nochmal so viel verschlimmert!

Du siehst – und da nehme ich mich selbst nicht raus – immer nur die schönen Ausschnitte aus einem Leben, und so ist es kein Wunder, dass jeder unglücklich ist und in Therapie muss, weil man sich immer mit Menschen vergleicht, von denen man denkt, dass es ihnen besser geht. Nicht falsch verstehen: Ich finde es gut, in Therapie zu gehen und sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Aber ich glaube, dass Mental Health auch irgendwie zum Trend geworden ist – so wie sich damals um 2013 herum (sorry, Trigger-Warnung) viele Mädchen geritzt haben, weil das auf Tumblr als „schön“ verkauft wurde. Und heute ist es noch viel schlimmer, viel tiefer in uns drinnen, heute ist nicht nur Körperverletzung ein Thema, sondern auch ausgedachte mentale Krankheiten – bipolar zu sein, das ist oft auch irgendwie ein Trend. Ich finde das sehr, sehr beängstigend und immer, wenn ich darüber nachdenke, habe ich richtig, richtig viel Mitleid.

Manchmal muss man sich einfach dazu zwingen, das Handy auszumachen und rauszugehen. Und ich kann mir gut vorstellen, dass wir Social Media irgendwann einfach nur löschen.

Verwendest du, als Privatperson, Social Media anders als als Künstlerin?

Nein, mein privates Insta ist auch mein öffentliches Insta und ich bin da schon sehr aktiv. Es zeigt auch immer meine ADHS-Schübe – früher hieß mein Insta „bierfluencer“ und ich habe immer Memes gepostet und heute denke ich mir, ich war damals, als es mir nicht gut ging, soooo lustig! Heute bin ich vielleicht ein Ticken erwachsener und seriöser geworden.

In deiner neuen Single „Ich vermiss dich nicht“ geht es um toxische Beziehungen – was wäre dein Ratschlag an all die Männer oder Frauen, die ähnlich leiden?

Es ist so schwer, überhaupt zu checken, dass eine Beziehung toxisch ist. Es ist halt so leicht, sich in einen kaputten Menschen zu verlieben, weil plötzlich musst du dich nicht mehr mit deinen eigenen Problemen auseinandersetzen: Du hast dann da dieses kaputte Häufchen vor dir sitzen und kannst deinen ganzen Fokus darauf richten – aber verlierst dich selbst komplett darin.

Das Verständnis, dass da Sachen mit dir gemacht werden, die du selbst nicht verdient hast, ist der erste schwere Schritt. Und auch, da rauszukommen. Man muss mit Menschen, die einem gut gesinnt sind, reden und sich Rat einholen. Ich weiß, es gibt viele Menschen da draußen, die ungern über ihre Probleme reden, aber ein Gespräch mit jemandem, der es gut mit dir meint, ist so viel wert. Aber rede auch mit dir selbst, lern dich selbst kennen, bevor du jemand anders kennenlernst. So kommt man aus diesem Muster raus.

Natürlich war auch ich nicht immer perfekt, jeder Mensch hat Fehler. Aber wie reflektiert du mit deinen Fehlern umgehst, das sagt etwas über dich als Menschen aus. Mein Tipp also: Lern dich selbst kennen und check, wie du dich fühlst! Dein Körper spricht ja auch mit dir, wenn du in einem toxischen Umfeld bist – einer Beziehung, einer Freundschaft, in der Familie oder auf der Arbeit – bist du öfters krank, hast eine niedrige Libido und keine Lust mehr, Sachen zu machen, die du früher gern gemacht hast, du bist ständig müde und verfällst in eine Art Depression. Wenn das auf dich zutrifft, dann weißt du: Es geht dir nicht gut, du musst da raus.

Manche Künstler*innen suhlen sich auch gerne im Schmerz.

Ja, der Künstlerkomplex: Sachen, die dich verletzen, sind ein gutes Futter dafür, einen Song darüber zu schreiben. Jetzt, wo ich in einer glücklichen Beziehung bin, fällt es mir tatsächlich schwerer, Lieder zu schreiben, und ich hole immer wieder alte Themen hervor, die ich verarbeiten muss. Da merke ich auch an mir selbst, dass ich den Schmerz suche, um Kunst zu schaffen.

Und oft ist es ja auch ein selbstzerstörerischer Lifestyle, dass man trinken, rauchen und immer Party machen muss. Auch wenn ich selbst gerne rauche und Bier oder Wein trinke, beides in meinen Liedern auch manchmal romantisiere, glaube ich doch, dass viele Menschen unterschätzen, wie kaputt selbst Alkohol machen kann. Es ist so leicht, sich darin zu verlieren, Alkohol ist die gefährlichste Droge, weil sie so normalisiert ist – vor allem in Österreich. Da braucht man sich dann aber nicht wundern, wenn es einem am nächsten Tag schlecht geht, weil das ganze Serotonin ausgeschüttet wurde. Man kann nicht funktionieren, wenn man sich drei oder vier Mal in der Woche bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt. So will ich nicht sein.

Was war eigentlich der beste Ratschlag, den du bisher im Leben bekommen hast?

Ich habe meine Mama einmal wegen irgendetwas weinend angerufen, und sie hat gemeint, ich soll einfach mal durchatmen. Eine Minute einmal kurz durchschnaufen, das kann so viel verändern. Das ist richtig, richtig krass. Bei dir?

Mir sagt man oft, ich soll mich selbst nicht so wichtig und ernst nehmen. Ich bin auch nur ein kleines Rädchen in der Welt. Oder salopp gesprochen: Stress dich selbst weniger.

Ja, ich glaube, viele Menschen müssten damit aufhören, ihr Leben so ernst zu nehmen. Viele Sachen passieren einfach und werden nicht so, wie sie eigentlich geplant waren. Aber das ist auch etwas Schönes: Schmerz kommt, ja, aber Schmerz geht auch wieder. Und ohne Schmerz spürt man das Schöne auch nicht. Überemotional zu sein ist nicht leicht, das stimmt. Aber abgestumpft sein will ich auch nicht. Es ist etwas Schönes, weinen zu können – weil danach geht es dir so viel besser. Ich finde es fein, fühlen zu dürfen und zu können. 

Zum Abschluss und auf den Titel deiner neuen Single bezogen: Was vermisst du gerade jetzt, in diesem Moment?

Eine Zigarette (lacht). Nein, gerade im Moment vermisse ich meine Eltern. Sie wohnen sehr weit weg und ich bin mittlerweile so eng mit meinen Eltern, dass ich wünschte, ich könnte sie jeden Abend besuchen. Eltern nimmt man oft und für zu lange Zeit als selbstverständlich an, aber irgendwann kommt man vielleicht drauf, wie sehr sie dich lieben und unterstützen. Klar, manchmal nerven sie dich auch, aber nicht, weil sie gemein sind, sondern nur weil sie dich lieben – und irgendwann werden sie einmal nicht mehr da sein …

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