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Singlepremiere: diemarcha "14 Stunden Autofahrt"

19.12.2025 von Stefan Baumgartner

“14 Stunden Autofahrt”, die neue Single der jungen Wahl-Wienerin diemarcha, schwebt mit verklärendem Seelenschmerz im nebulösen Zwischenfeld von Jugend und Adoleszenz.

“Früher war alles besser”, pflegte meine Oma - wie wohl jede andere Oma auch - zu sagen. Und auch wenn dies statistisch gesehen wohl kaum der Wahrheit entspricht, irgendwann ist bei jedem Menschen der Zeitpunkt gekommen, in dem sich die Nostalgie-Kiste des Lebens öffnet und man (nicht selten mit der sprichwörtlichen rosa Brille) in diese hineinblickt: Freilich ist dies auch manchmal die Kiste der Pandora, aber zwischendrin finden sich wohl bei uns allen dann auch romantisch-verklärte Erinnerungen an die Kindheit und Jugend.

Das kann - passend zur Jahreszeit - das Glitzern der Sternspritzer im Lametta am Weihnachtsbaum sein, das sich in den kindlichen Augen gespiegelt hat. Das können Gerüche aus Omas Küche sein (gebackener Holler mit Staubzucker!), oder auch das Gefühl der flauschigen, grauen Stoffpolsterung eines blau-grauen Mazda 323, der alle Jahre pünktlich zu Sommerbeginn von Wien aus in den Süden aufbrach, nach Jesolo, Bibione oder Caorle. Oder es ist der erste Kuss, den man sich damals noch unbeholfen und schüchtern auf einer Parkbank aufdrückte, die fiependen Geräusche des heute archaischen Nintendo oder auch der heute wohl unbegreifliche Genuss, den ein “1er Menü” aus Semmel, Kabanossi und Dreh und Drink erweckte.

Es heißt, kurz vor dem Tod zieht noch einmal das Leben vor dem inneren Auge vorbei - und vielleicht ist der Schwellen-Schritt zwischen Jugend und Adoleszenz schon so etwas wie ein kleiner Testlauf: Wenn man seine zumindest rückblickend gelöst wirkende Jugend begräbt und sich der ewig scheinenden Adoleszenz gegenübertritt, können da schon einmal wehmütige Gefühle aufkeimen und vielleicht sogar, um Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff zu zitieren, die quälende Frage: “Wird es noch einmal so wie es früher nie war?" So geschehen etwa bei “14 Stunden Autofahrt”, der neuen Single der jungen Wahl-Wienerin diemarcha.

diemarcha befindet sich gerade in ihren frühen Zwanzigern, hin- und hergerissen zwischen Studium und Broterwerb: Natürlich mögen ältere Semester jetzt perfide unken, dass es besser und leichter nicht mehr wird - noch schweben Kredit, Altersleiden und das Gefühl, mit dem rasenden Fortschritt nicht mehr Schritt halten zu können, noch nicht wie ein Damoklesschwert über dem Haupt. Doch jede Generation leidet an ihrem eigenen Zwist, und diemarcha befindet sich gerade in einem nebulösen Moment, in dem sie plötzlich merkt, dass sie “irgendwo” zwischen Kind und Erwachsensein stecken geblieben ist - und gerade dieses “irgendwo”, das kann schon einmal ein sehr schwammiges Fundament, ein Treibsand sein.

Erich Kästner, der große Vater von “Emil und die Detektive”, “Pünktchen und Anton” oder auch “Das doppelte Lottchen”, hat einmal gesagt: “Man kann nur ein Mann werden, wenn man Kind bleibt.” Und an diesem Bonmont ist - freilich für alle Geschlechter gültig - durchaus etwas Wahres dran: “Wir werden älter und tun so, als hätten wir längst alles verstanden – bis wir irgendwann beginnen zu heilen und auf einmal zu diesem Kind zurückkehren, das wir so lange ignoriert haben”, sinniert dazu diemarcha.

Ihr neuer Song “14 Stunden Autofahrt” ist für sie selbst vermutlich so etwas wie eine Therapie in Miniaturform, eine Bewältigungsstrategie: Sie erzählt von den Momenten in ihrem Leben, die passiert sind, während sie noch dachte, das Leben hätte noch gar nicht richtig angefangen. Von kleinen Dingen, die man damals noch nicht als besonders erkannt hat - obwohl sie es eigentlich waren: “Momente, die damals alltäglich waren und heute alles in mir aufmachen”, wie sie sagt. Begleitet von sanften Klaviertönen säuselt sie sich da zwar leider keine 14 Stunden, dafür immerhin 4 Minuten hinweg in eine wohlig-flauschige Vergangenheit, die wohl auch den geneigten Hörer*innen aus der Seele spricht und all jenen, die ebenfalls gerade in einem “Irgendwo” schwimmen, den nötigen Anstoß gibt, die Augen für einen Moment zu schließen, in ihre eigene Vergangenheit zu reisen und die kindliche Leichtigkeit wiederzuerlangen. Denn: In dieser liegt die Kraft, die man als Erwachsener nicht selten so dringend braucht.

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