Foto: Rob Lüthje
"Dass du mich hasst, ey for real, ich würd’ es auch tun“ … Es gibt unzählige Songs über die Gefühlshöhenflüge in einer neuen Beziehung. Aber nur wenige, in denen gefragt wird: Wie geht es eigentlich der/dem ExpartnerIn damit? Hasst diese Person mich in meinem Glück? Und das zurecht? Genau dieser Gedankentwist ist der Fokus von Esther Grafs aktueller Single „Würde es auch tun“. Man könnte die 24-Jährige und ihre Musik als Paradebeispiel des jungen Zeitgeistes heutzutage nehmen. Wo Schwarzweißdenken obsolet und „sad“ auch mal „sexy“ ist, wo innere Zerrissenheit nicht unterdrückt, sondern gelebt und enttabuisiert wird und wo man sich nicht mehr über andere definieren möchte. Die junge Österreicherin stellt in ihren Songs jene Fragen, die ihre Generation eben so beschäftigen und hält der Gen Z einen Spiegel vor Augen. Musikalisch äußert sich das in einem tanzbaren Popsound, der auch punkige und Hip-Hop-Einflüsse aufweist. Im März diesen Jahres erschien ihre erste EP „Red Flags“, die vor Empowerment-Songs nur so strotzt. Im Interview mit !ticket sprach die gebürtige Kärntnerin und Wahl-Berlinerin über ihren Anspruch an moderne Popmusik und über ihre großen Pläne für 2023.
Ich schreibe komplett autobiographisch, deswegen kann ich eigentlich nur ins Studio gehen, wenn etwas in meinem Leben passiert ist. In meiner EP „Red Flags“ habe ich etwa eine schwierige Trennung verarbeitet. Dabei ging es aber nicht um den Exfreund, sondern um die Frage, wie ich damit umgehe und zu meinem Selbstwert zurückfinde. Ich glaube, das sind Inhalte, zu dem viele junge Menschen und vor allem viele Frauen relaten können.
Absolut! Aber ich versuche stets, selbstkritisch zu sein und meine eigenen Verhaltensweisen zu beobachten. Beispielsweise mit der Single „Würde es auch tun“.
Aufgrund meines Berufs stehe ich nun mal in der Öffentlichkeit, was die Expartnerin meines Freundes natürlich schnell mitkriegt ... Und mir kam der Gedanke, dass das für sie wohl nicht so einfach ist, und dass in mir, wenn ich an ihrer Stelle wäre, vielleicht auch eine Wut hochkommen würde. Das ist das Coole am Songwriting: Du kannst sogar zu den Leuten sprechen, die du im echten Leben nie treffen würdest und Messages hinterlassen, die du sonst nicht machen könntest.
Sobald man anfängt, Musik in die Öffentlichkeit hinauszuschicken, ist man das bis zu einem gewissen Grad einfach und sollte diese Rolle auch einnehmen. Das ist für mich noch ein stetiger Lernprozess. Ich äußere mich aber stets zu Themen, die mich besonders beschäftigen, beim Thema Feminismus zum Beispiel stehe ich ganz vorne mit dabei. Das muss man aber nicht unbedingt in den Songs explizit sagen, sondern kann es auch mit Selbstbewusstsein widerspiegeln und leben. Etwa, indem man sich als Frau in der Musikindustrie behauptet.
Natürlich erlebt man so einiges. Je mehr man in die Industrie hineinwächst, desto mehr werden einem die Augen dafür geöffnet. Ich schreibe ja auch für andere KünstlerInnen, und tatsächlich ist es für viele noch immer untypisch, dass eine Frau als Songwriterin mit im Studio sitzt. Ich war mit Rappern im Studio, für die es ganz ungewöhnlich war, die Idee einer Popsängerin anzunehmen und zu sagen: „Ok, ich beurteile jetzt nur ihre Idee, und nichts anderes“. Die ersten Schritte waren etwas zäh und ich wurde manchmal nicht ernst genommen. Ich bin aber froh, dass ich drangeblieben bin und mich nicht einschüchtern ließ. Und vielleicht wird es für all jene, die nachkommen, so wiederum ein bisschen einfacher.
Zum Beispiel inhaltlich, etwa beim Thema Trennung. Ich sage in meinen Songs nicht: „Ich bin so traurig, dass du nicht mehr da bist und ich sehe meinen eigenen Wert nicht mehr.“ Sondern: „Ich bin traurig, dass du mir meinen Wert genommen hast und ich mir den wieder zurückholen muss.“ Man hört so oft in Songs, dass Frauen eine emotionale Opferrolle einnehmen, die in meinen Augen nicht sein muss. Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie man seinen eigenen Wert erkennen kann, hat noch Aufholbedarf in der deutschsprachigen Popmusik.
Auch stilistisch und visuell gibt es mehr Ecken und Kanten im Rap, etwa bei der Mode. Wobei in letzter Zeit immer mehr KünstlerInnen den experimentierfreudigeren Weg gehen und man merkt auch, dass das beim Publikum ankommt. Die Pop-Hochphase, in der alles aalglatt sein musste, ist einfach over. Ich denke, es kommt jetzt eine neue deutschsprachige Popwelle, und ich freue mich, ein kleiner Teil davon zu sein.
Anfang nächsten Jahres wird noch eine EP kommen – das habe ich bisher noch gar nicht öffentlich verraten, aber ich sag’s jetzt euch einfach (lacht). Außerdem werde ich heuer noch einen Weihnachtssong herausbringen, „Merry Christmas, Everyone“ im Style von Esther Graf. Und dann werde ich mich auf jeden Fall ans Album setzen.
Ich habe in diesem Jahr viel über mich als Live-Künstlerin gelernt und gesehen, wie die Leute bei den Festivals ausgerastet sind – die haben richtig Bock, zu Pop und Punk zu tanzen. Nach diesem Festivalsommer habe ich mir gedacht: „Ok, die Tour kann nur krass werden!“ Es wird in jedem Fall ne’ absolute Party!
Esther Graf gastiert am 26. April im B72, am 27. im Rockhouse. Tickets gibt es bei oeticket.com.