Bild: oeticket/Cherie Hansson
Im Sommer waren Fat Dog noch im Vorprogramm von den Foo Fighters im Happel-Stadion zu sehen, nun präsentieren die Briten ihr neues Album “Cancel Me (I'm Tired)” im Flex. Für Fans von Fontaines D.C. bis Oasis eigentlich ein Pflichttermin.
Fat Dog wurden erst vor sechs Jahren in London gegründet - während der Corona-Lockdowns. Bereits wenig später wurden sie auf der Insel als die “heißesten Newcomer” herumgereicht - und wenngleich die Briten weder von Kulinarik noch von Bierschaum etwas verstehen: bei Musik macht ihnen kaum jemand etwas vor. Wenn man sich eine ihrer frühesten Singles, “King Of The Slugs”, zu Gemüte führt, kann man den Hype aber auch am europäischen Festland nur unterstreichen: Bei dieser wüsten Mischung aus Rave, Punk und Klezmer tut man sich verdammt schwer, als geneigter Hörer aus der Bubble zwischen Sleaford Mods, Idles und Fontaines D.C. nicht steilzugehen. Insbesondere live - etwa im Vorprogramm der Viagra Boys - haben Fat Dog seitdem immer wieder den Eindruck erweckt, dass sie sich eine ziemlich wagemutige Mischung aus Speed und Energydrink intrakardial ins Nervensystem geballert haben.
“Unsere Musik ist das genaue Gegenteil von Denkmusik”, verriet mir einer der Jungs nach ihrem schweißtreibenden Österreich-Debüt 2024 am Grazer Elevate am Merch, nachdem sie das Orpheum mal aus dem kleinen Zeigefinger heraus dekonstruiert hatten. Und tatsächlich: Ans Denken denkt man bei Fat Dog nicht wirklich - eher an: ein oder zwölf Bier zu viel zu trinken, zu tanzen, zu schmusen und vielleicht auch ein bisschen am Boden herumkullern.
Ähnliches war dann auch diesen Sommer im Happel-Oval zu erleben, als Fat Dog im Vorprogramm der Foo Fighters bis zum Exzess ausreizten, wofür eine Vorband eigentlich gebucht wird: Stimmung zu machen. Allerdings nicht nur musikalisch - Sänger Joe Love war quasi durchwegs nicht auf der Bühne, sondern inmitten des Publikums zu finden. Und fast jede Atempause wendete er dafür auf, genüsslich seine (Schleichwerbung!) Gösser-Dose zu inhalieren. Und nun kommen sie mit ihrem brandneuen, zweiten Album “Cancel Me (I'm Tired)” im Gepäck endlich wieder für eine Solo-Show nach Österreich - und zwar ins Wiener Flex.
Was man bei Fat Dog erwarten darf, das wird schon in der ersten halben Minute des Albums klar: Da geht es erst einmal um ein Pferd, das vergenotwutzelt wird - das kennt man bereits von blink-182 und “Boring”, ist aber immer noch (nach 12 Bier) lustig. Der Unterhaltungswert bei Fat Dog ist also hoch - im Extremfall verkörpert ihre Musik unseren manchmal affenhirngesteuerten Drang, das Gegenüber anzurempeln und ihm Schimpfwörter entgegenzuschleudern. Zumindest dann, wenn man nicht gerade die “schönste Nebensache der Welt” im Kopf hat. Fat Dog servieren uns in gefährlicher Dosierung also genau das, wonach sich unser Freud'sches Es wirklich sehnt.
Damit sind sie zwar inhaltlich das perfekte Gegenstück zu ihren Kolleginnen der Lambrini Girls (am 18. Mai in der Arena): Musikalisch wüten beide kompromisslos und verstehen es mühelos, einen Moshpit mit Fingerschnippen in Gang zu bringen. Beide leben von ihrem Mittelfinger-Gestus, nur die Lambrini Girls haben eine Message in Sachen sozialer Gerechtigkeit im Gepäck - während Fat Dog in ihrem Nihilismus auf alles scheißen: Man möchte fast sagen, Fat Dog sind die Oasis der Neuzeit, oder gar eine aufgepumpte Version davon. Gendertheoretiker würden vermutlich urteilen: Frauen sind reifer als Männer, und diese leben in ihrem zügellosen, debilen Spaß manchmal auch ein bisserl gefährlich.
Wenngleich man diesen inhaltlichen Ansatz von Fat Dog durchaus (vor 12 Bier) hinterfragen kann, über die Musik selbst lässt sich kaum streiten: Zwar hat man mittlerweile den Klezmer zurückgefahren, aber ihr Beat ist immer noch ein Sprudel, der in Bewegung versetzt. Manche der Stücke haben einen vagen lateinamerikanischen Vibe, andere wiederum einen krautrockigen Groove oder einen Wüstenstaub-Sound, wie ihn Queens Of The Stone Age kaum besser hinbekommen würden - wirklich besonders klingen Fat Dog aber dann, wenn sie sich ihrer eigenen, kurzen Vergangenheit vollends entledigen: Besonders hervorzuheben ist da etwa “Snakes”, der mit seiner gepfiffenen Melodie und den schleppenden akustischen Mollakkorden eine Brücke zu David Lynch und dessen Spaghettiwestern-Ästhetik schlägt. “Shit Love” spielt auf Walt Disneys angebliche Kryokonservierung an - eine willkommene Abwechslung von den infantilen Bums-Witzen und zugleich eine mitreißende Interpretation des Madchester-Sounds, in die Anklänge an The Prodigy (am 24. November in der Wiener Stadthalle) und Gorillaz einfließen. Generell muss man sich bei Fat Dog aber darauf einstellen, dass sie - ähnlich wie Einstürzende Neubauten, nur deutlich weniger intellektuell - mit Sound-Collagen arbeiten: Das erklärt die abrupten, beinahe schwindelerregenden Wechsel innerhalb von Stücken wie “Smile and Wave”, aber auch, wie eine celestische Piano-Streicher-Ballade ("Aliens") aufs Album passt.
“I put my feet up for a bit - let AI write a hit”, rotzt Joe Love im Titelstück - und liefert mit seinem Zweitling (und gewissermaßen komplett ausgetauschter Bandbesetzung) gleichzeitig genau das Gegenstück davon: Das, was Fat Dog zelebrieren, kriegt keine Künstliche Intelligenz gebacken. Das liegt in erster Linie wohl daran, dass Fat Dog deswegen so klingen, wie sie klingen, weil hier genau gar nichts geplant passiert - alles ist ungefiltert Joe Loves Herz und Hirn entsprungen. Während den Aufnahmen litt er sogar unter Halluzinationen und schlief maximal drei Stunden pro Nacht. “Viele Briten sind generell nicht besonders gut darin, ihre Gefühle auszudrücken - selbst gegenüber den Menschen, die sie am meisten lieben”, verrät Keyboarder Chris Hughes - und führt aus: “Wenn Joe mit einem Therapeuten über all das, was ihn beschäftigt, sprechen würde, wären diese Songs wahrscheinlich nie entstanden. Man muss das irgendwo rauslassen. Vielleicht ist Musik dafür ein gutes Ventil.”
Und wenn Musik, dieses Rausschwitzen, bei Joe Love etwas bewirken kann - dann wohl auch beim immer größer werdenden Publikum: Manchmal muss man auch etwas meschugge und plemplem sein, um die Welt überhaupt auszuhalten.