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Six Sex: "Total versext"

13.08.2026 von Stefan Baumgartner

Knappe Bikinis, hotte Beats und Texte über orgiastische Maßlosigkeit: Ist die Musikerin Six Sex die argentinische Ikkimel? Wir finden es spätestens morgen in FLUCC heraus.

In einer Mai-Ausgabe des Wiener Stadtmagazins Falter kotzte sich Journalistin-Kollegin Sarah Neururer, die eine Hälfte vom “grantig & gschmeidig”-Podcast, über Musikjournalismus aus, ein Ressort, das nach wie vor zu weiten Teilen in den Federn “alter weißer Männer” liegt. Ihre Analyse zeigte, dass selbst Qualitätsblätter wie Der Standard in ihrer Berichterstattung eine ziemlich sexualisierte Klischeeschere auffahren: Während Bands von Oasis bis hin zu den Rolling Stones als die “Ikonen”, “Legenden” oder “Götter”, die sie ja wahrlich auch sind, wahrgenommen werden, werden weibliche Künstlerinnen selbst mit einem ähnlichen Status nur allzu gern verniedlicht und mit Begrifflichkeiten wie “Powerfrau”, “Engel” oder “Barbie” bedacht. Gibt sich eine Musikerin unangepasst, emanzipiert, dann wird sie gern in die Schublade einer “Diva” gesteckt: Ein ambivalenter Begriff, bei dem Arroganz und Hochmut nicht nur zwischen den Zeilen mitschwingt.

Eigentlich müsste Neururers Recherche der Vollständigkeit halber noch weiterführen, denn während man hier den alten Herren mit viel Augenzudrücken noch ein ziemlich patschertes Wohlwollen unterstellen kann, öffnet sich im Boulevard das Tor zur Hölle: Ganz gleich, ob da über Schlagerstar Helene Fischer oder Popikone Rita Ora berichtet wird, es geht stets “total versext” zu. Während die Musik zum Beiwerk degradiert wird, stehen dort bevorzugt Körper und Outfit der Sängerinnen im geifernden Fokus, über ihre “knappen Höschen” und “heißen Kleidchen” wird da gelechzt, während nicht einmal semi-witzige Wortspielchen wie “Pop(o)-Musik” ihr Übriges tun.

Aber vielleicht muss man auch hier ein Auge zudrücken, als musikhörender Mann hat man es ja heute wahrlich nicht leicht: Denn mittlerweile erdreisten sich nicht nur Ikonen wie Iggy Pop oder der durchtrainierte Alex Terrible von Slaughter To Prevail, mit nacktem Oberkörper auf der Bühne zu protzen, sondern auch Barbies wie Tate McRae und “Fotzen” wie Ikkimel geizen – zumindest teilbedeckt – ebendort nicht mit ihren Reizen und anrüchigen Bewegungen. Wie soll man da, als Mann, der galoppierenden Biologie zwischen den eigenen Lenden Einhalt gebieten und das Blut zurück in die Ohren pumpen?!? Die eigene Machtlosigkeit gegenüber gottgegebene Naturgesetzmäßigkeiten ist eine Bürde, die Frauen nicht einmal erahnen können!

Glücklicherweise sind zumindest die Außentemperaturen mittlerweile ein Eizerl gnädiger als in den vergangenen Tagen, denn am morgigen Freitag wird es im Wiener Flucc ebenfalls heiß hergehen: Dafür sorgt diesmal die argentinische Musikerin Francisca Agustina Cuello, die schon beinahe impertinent und provokativ den total versexten Künstlerinnennamen Six Sex trägt und damit zumindest den männlichen, heterosexuellen Teil ihres Publikums auf eine harte Probe stellen wird. Denn “Six Sex” (nicht zu verwechseln mit “Six Seven”) ist wahrlich Programm bei ihr: Auch bei ihr zieht sich ähnlich wie bei Ikkimel der emanzipatorische Ansatz – von sexuellen und gesellschaftlichen Zwängen – diskursiv und überaus explizit durch die Texte, und auch sie setzt auf der Bühne auf die argentinische Tracht, nämlich knappe Bikinis. Dazu schmettert sie ein Potpourri aus versaut-mutiertem Reggaeton und pulsierendem Rave-Exzess ins allerorts johlende Publikum – Österreich erlebt, wie gesagt, am morgigen Freitag im Wiener Flucc ihre Österreichpremiere.

Wer zur einführenden Einstimmung bereits heute ihre Musikvideos aufruft, sieht lange schwarze Haare, die über einen entblößten Waschbrettbauch fallen, während ihre aufwendig verzierten Fingernägel länger sind als die kaum vorhandenen Säume ihrer Röcke. Six Sex verkörpert den köstlich hemmungslosen, wahrlich hungrigen Hedonismus, der aktuell in den Underground-Partys ihres heimatlichen Buenos Aires – der Porteño-Szene – gedeiht. Ihre Musik erzeugt dabei eine ganz eigene Form der Synästhesie: Statt Klänge zu sehen, bekommt man geradezu den deutlichen Geruch von Poppers in die Nase. “Ich will ein Leuchtfeuer für junge Menschen sein, die sich verloren oder verwirrt fühlen, und ihnen die Kraft geben, das zu tun, was immer sie wollen – ohne dafür verurteilt zu werden”, erzählte sie kürzlich etwa dem Remezcla, einer amerikanischen Kulturplattform, die sich auf lateinamerikanische Popkultur konzentriert. Programmatisch dafür steht etwa ihr Banger “Hot and Perfect”: “Auch wenn ich mich nicht immer heiß und perfekt fühle, geht es darin darum, sich selbstbewusst zu bestätigen – selbst dann, wenn Haare und Make-up noch nicht perfekt sitzen.” Ob das jetzt ein “fishing for compliments” ist oder nicht: Man(n) kann über die explizite Form und den freizügigen Ausdruck bei Six Sex vortrefflich diskutieren, aber dieser Ansatz ist zweifelsohne ein hehrer.

Ja, wie auch Ikkimel stilisiert auch sie sich als “Brachial-Entertainerin” mit Stilmitteln, die provozieren, für Schnappatmung sorgen und nicht selten übersteuert sind: Damit erinnert sie, wie der geschätzte Kollege Sebastian Fasthuber erst diese Woche und ebenfalls im Falter treffend bemerkte, ans “final girl” in Horrorfilmen. Auch in diesem cineastischen Genre ist die Optik überdreht, das Setting bis auf den Exzess zugespitzt und extrem – aber unter dem Strich bleibt doch die Conclusio: Die letzte Überlebende ist eine Frau, die mit ihrer Ratio, aber auch ihrer Potenz dem (wohlgemerkt!) männlichen Unhold kurz vor dem Abspann mit einem frechen Grinsen ihren erigierten Mittelfinger in die Fratze hält. Und dies ist, so Fasthuber, eine Erfahrung, die man auch realiter vielen (jungen) Frauen wünscht, die auf der Straße dumm angemacht werden.

Sofern dem männlichen Publikum das Blut nicht in den Lenden verharrt, darf man Six Sex jedoch weder auf die Optik noch auf die Inhalte reduzieren: Inmitten eines musikalischen Zeitgeistes, der sich in dieser feministischen Bubble sehr oft auf ziemlich bochenen Rap beschränkt, sticht sie zudem mit einer ureigenen Variante hervor. Über zahlreiche Singles und EPs hinweg hat sie einen Stil entwickelt, der Genregrenzen überschreitet und nun in ihrem Debütalbum “Ultra”, das im Juni erschienen ist, seine vorläufige Vollendung findet: Da gibt es Einsprengsel ebenso aus dem Reggaeton, wie auch aus dem Deep House und dem Trance – mal verwaschen, mal scheppernd, mal knarzend. Das Energielevel ist dabei ständig am Anschlag, es ist ein akustisches Dauerfeuer, das – um erneut ein cineastisches Bild aufzubauen – durchaus auch gut den Soundtrack für die berühmte, bluttriefende, nahezu überschäumende Rave-Szene des ersten Teils der “Blade”-Trilogie stiften könnte. Six Sex, das ist ein Adrenalinschub, der seinesgleichen sucht – stellenweise nicht unähnlich zu den härteren Momenten von etwa The Prodigy, die sie in ihrem Banger “Bitch Up” sogar paraphrasiert. “Ich mag Partys, die coole, lustige, aber auch sichere Räume schaffen”, erzählt sie Remezcla.

Dass ihr beinah schon hemdsärmeliges Herangehen an Musik, diese beinahe aufgelegte Verschränkung mit Partystimmung und Ekstase, nun peu à peu auch außerhalb von Südamerika durch die Decke geht, liegt aber auch in einer weiteren Eigenheit von Six Sex begründet: Denn im Gegensatz zu einer Vielzahl an Kolleginnen ist sie nicht über Nacht und im Netz plötzlich viral gegangen, sondern hat sich seit 2019 ihre ureigene Identität konsequent erarbeitet – und dabei nicht verbiegen lassen. Erneut halte ich es mit Kollegen Fasthuber: So wie auch Cyndi Lauper schon vor vier Jahrzehnten gepredigt hat, geht es auch bei Six Sex in erster Linie um eins, nämlich um “Girls just wanna have fun.” Und diese ansteckende Euphorie ist einfach nur: geil.

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