Bild: Cute Concerts
Kae Tempest: Ein Leben lang gesucht – und gefunden? Zwischen Identität & Identitätsfindung changiert Tempest mit seinem aktuellen Album und seinem neuen Roman – und scheint, weitestgehend, angekommen zu sein: Ein starkes Fundament für die trans-Community.
Etwa 20 Jahre umfasst das Schaffen von Kae – ehemals Kate – Tempest, des britischen Literaten und Musikers, der sich im Jahre 2019 als queer, Anfang 2025 als nichtbinärer Transmann outete. Eine Entwicklung, die nun in zwei Werken fußt: Vergangenes Jahr im fünften Studioalbum, das mehr als treffend mit “Self Titled” betitelt wurde, und – ganz aktuell – im zweiten Roman “Ein Leben lang gesucht”, der diesen März im renommierten Suhrkamp Verlag erschienen ist.
Ein Album, das mit “Self Titled” betitelt ist, kann entweder von mangelndem Einfallsreichtum herrühren – oder programmatisch für eine Verbildlichung der eigenen Identität stehen. Bei Tempest ist selbstverständlich zweites der Fall: Vergangenen Juli erschienen gelang ihm ein Zeremoniell einer neu gefundenen, entdeckten Identität – aber auch ein Liebesbekenntnis an “seine” Trans-Community.
Diese engmaschige Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich kommt nicht von ungefähr, ist Tempest doch seit seinem Debütalbum “Everybody Down” (2014) dafür bekannt, konsequent einige der scharfsinnigsten und pointiertesten Gesellschaftsanalysen zu liefern – in Wort und Schrift, sowie in Wort und Ton. Wieso also nicht auch mit sich selbst, immerhin ein Teil der Gesellschaft, auseinandersetzen? In “Self Titled” werden die mentalen Prozesse, Emotionen und Reflexionen – eben: die transformative Phase der letzten Jahre – aufgedröselt und für geneigte Hörer*innenschaft erlebbar gemacht.
Das zeigt sich bereits zu Beginn mit dem dramatisch-cineastischen Opener “I Stand On The Line”, in dem Tempest eingesteht, dass seine eigentliche Identität “zu groß war, um ihr direkt ins Gesicht zu sehen” – ein Verweis auf den Prozess, den er in den letzten Jahren von seinem Outing als nichtbinär, über die medizinische Transition bis hin zur Transmann-Werdung Anfang 2025 durchlaufen musste. Sicherlich keine einfache Zeit, aber eine seelisch wohl letztlich heilende Entwicklung. Dabei auch immer im Hinterkopf: Zeiten, in denen trans- und nichtbinäre Menschen immer noch Angriffen ausgesetzt sind und Unverständnis ins Gesicht geschmettert bekommen: “Going through a second puberty (…) all I’m seeing is the bitterness coming my way when I’m using the facilities.”
Doch über den Albumverlauf hinweg wächst das Selbstbewusstsein, arbeitet Tempest seine Entwicklung neu auf – durchzogen von der durch die Hormonbehandlung merklich veränderte, rauher gewordene Stimme: eine markante Klangfarbe, an die sich langhörige Tempest-Hörer*innen vielleicht erst gewöhnen müssen. Allerdings: “Know Yourself” vereint zwei Stimmen, die von früher und von heute – “ein Dialog zweier Ichs”, der den Prozess der Identitätsverschiebung anhand eines alten Samples nachzeichnet.
Apropos Stimmen: Zahlreiche Kollaborationen bereichern das Album – vom Edinburgher Hip-Hop-Kollektiv Young Fathers über die Londoner Soul-Sängerin Tawiah und Connie Constance, die man etwa bereits auf “Heaven Takes You Home” der Swedish House Mafia und gemeinsam mit Sleaford Mods‘ Jason Williamson auf “Kamikaze” zu hören bekam, bis hin zu Pet Shop Boys-Legende Neil Tennant.
Noch nicht so weit fortgeschritten auf seinem Weg der Selbstfindung ist hingegen Rothko, Hauptprotagonist*in in Tempests neuem Roman “Ein Leben lang gesucht”: Zehn Jahre nach seinem Debütroman “Worauf du dich verlassen kannst” lotet er auch hier nicht nur den Weg einer Selbstfindung, sondern auch ein Leben am Rand der Gesellschaft aus.
Er erzählt die Geschichte von eben Rothko, die/der nach 15 Jahren Gefängnis in ihre/seine Küstenheimat Edgecliff zurückkehrt. Die Mutter ist schwere Alkoholikerin und drogensüchtig, der Vater hat sich eine neue Familie gesucht – und dann gibt es da noch die ehemalige Mitschülerin und einstige Jugendliebe Dionne, mit der sich Rothko dereinst als troubled teenager (wie auch Tempest selbst) auf der Suche nach der eigenen Geschlechtsidentität befand – irgendwo zwischen Scham vor der Gesellschaft und eigenem Unverständnis: Zusammen entdecken sie eine eigene, kleine Welt, die aber immer noch irgendwie nicht passt.
Wie Tempest begibt sich auch Rothko, wieder in Freiheit, nun auch auf Suche nach der inneren Freiheit – die Pronomen ändern sich im Verlauf der Geschichte, zwischen she/her zu they/them. Besonders ergreifend ist dann wohl der beinah schon euphorisch wirkende Moment gegen Ende des Romans, in dem Rothko sagt: “Ich bin ein Mann” – und fortan mit he/him bezeichnet wird; Ein Moment, den auch empathische Leser*innen spüren, die mit Pronomenwirren selbst noch keine Erfahrungen machen mussten. Es ist dies – der Handlungsfaden selbst ist ziemlich simpel – die größte Qualität von Tempest, das Innenleben anderer Menschen erfahrbar zu machen, insbesondere solcher, mit denen wir (vermeintlich?) nichts gemein haben. Dieses Geschick teilt er sich mit Leslie Feinberg und ihr “Stone Butch Blues” aus dem Jahre 1993, ein queerer Bildungsroman über eine nonkonforme Lesbe – ein Buch, das Tempest übrigens mit auf den Weg brachte, sich selbst so zu akzeptieren, wie er wirklich ist.
Sowohl mit seinem neuen Album als auch mit dem Roman hat sich Kae Tempest definitiv einen Platz im trans-Kanon gesichert, doch die Wirkungskraft kann und sollte auch darüber hinaus anschlagen: Das, was Tempest und Rothko erleben, strahlt weit über Geschlechtsidentitäten hinaus – denn auf einer Suche befinden wir uns alle, und nur wenige erkennen sich auf dem eigenen Weg tatsächlich und wahrhaftig. “The norm is not normal, it's a construction”, wie Tempest in “Statue In The Square” konstatiert – und irgendwann heißt es dann, vielleicht, nicht nur für ihn: “At least you do not suffer anymore”.
Und zumindest etwas kann wahrlich jede*r von Tempest mitnehmen – nämlich Kreativität als Lebensenergie, eine Energie, die Sinn gibt, selbst wenn sonst alles auseinanderzufallen scheint. Ganz gleich, ob “nur” das alltägliche Leben mit all seinen Wirren, oder tatsächliche Traumata: Wenn man für sich einen Sinn im Existieren findet, hat der Mensch schon die Hälfte des Marathons des Lebens beschritten.
Und vielleicht kann dann auch tatsächlich jede*r von uns wie Rothko allen Widrigkeiten zum Trotz letztlich tänzeln – antanzen gegen den Schmerz und die Abgründe, ganz ohne vernebelnde Exzesse.