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Konzerte

Korn & Vended: Nu Kids on the Block

29.03.2024 von Robert Fröwein

Als ich kurz vor Weihnachten durch Facebook scrollte, fühlte ich mich wie in einer Zeitschleife gefangen. Wenige Stunden davor wurde das Konzert der Nu-Metal-Legende Korn angekündigt und die Pinnwand war voll von Postings zwischen Veranstaltungszusagen und purer Nostalgie in Form von YouTube-Videolinks oder persönlichen Erinnerungen an irgendwelche Korn-Konzerte zu Zeiten, als Social Media noch nicht einmal ein Begriff war. Nun ist Facebook beileibe keine Plattform der Jungen, doch dass Korn 30 Jahre nach ihrem Debütalbum noch immer so eine Strahlkraft haben, ist alles andere als selbstverständlich. Das eben angesprochene, selbstbetitelte Erstwerk gilt heute als die Geburtsstunde eines Subgenres namens Nu Metal, das rund ums Millennium in seine Hochphase geriet, aber unter Metal-Puristen so verschrien und kritisiert war wie maximal noch der etwas später populär gewordene Metalcore. Doch Nu Metal war nicht einfach nur Musik, er war in seiner Hochzeit für eine ganze Generation Lebenseinstellung und Protestplattform und dem Grunge damit in seiner Haltung näher als in seinem Sound.

Jener war eine mutigere und offenere Fortsetzung von Crossover-Bands wie Pantera, Body Count, Fear Factory, Anthrax oder auch Rage Against The Machine, die schon in der ersten Hälfte der Neunziger experimentierten und sich von gängigen Klangklischees lösten. Nu Metal wagte sich aber noch tiefer in den Hip-Hop vor und sorgte damit für allumfassende Unmutsbekundungen der Szenetreuen, die, damals noch von MTV und klar auseinanderdividierten Jugendkulturen geprägt, keine Lust darauf verspürten, sich ihren Metal verwässern zu lassen. Korn prägten Adidas-Jogginghosen und den offenen Umgang mit Verletzlichkeit, Depressionen und Schmerz. Doch waren Jonathan Davis und Co. nicht nur musikalisch ihrer Zeit voraus. Auch inhaltlich dauerte es noch länger, bis diese „Emo-Haltung“ nicht nur von der maskulinen Hörerschaft, sondern auch von den Musikern selbst akzeptiert und zelebriert wurde. Zwischen 1995 und 1997 wagten auch die Deftones mit „Adrenaline“, Sepultura mit „Roots“ oder Sevendust erste Schlenker in diese neue Klangwelt. Die richtige Explosion des Genres gab es aber erst 1998.

Zu dieser Zeit lag der Metal kreativ brach. Die extremen Ausprägungen Black, Death und Thrash Metal hatten ihre Hochzeit bereits hinter sich, der Groove- und Alternative-Metal verfing sich längst in der Ausatmung der explosiven Grunge-Welle, Power Metal wurde alleine von Hammerfall am Leben gehalten. Fans harter Klänge dürsteten nach etwas Neuem, Ungehörtem. Sie sollten es bekommen. Das Debütalbum von System Of A Down samt der Hit-Single „Sugar“ vermischte unbekannte Osteuropa-Referenzen mit treibenden Blastbeats, Korns „Follow The Leader“ brachte die Wegbereiter kommerziell endgültig zum Explodieren und Brasiliens Säulenheiliger Max Cavalera verknüpfte südamerikanische Rhythmen mit der Ungezügeltheit des Thrash Metals in seinem neuen Projekt Soulfly. Dazu viel Unsicherheit, Teenage-Angst, DC-Skateschuhe, Dickies-Kappen, Baggy-Pants, Tunnel-Piercings und Rastahaare auf der einen Seite. Ausuferndes White-Boy-Gehabe, offen zur Schau getragener Sexismus und tendenziöses Prollverhalten auf der anderen Seite. Nu Metal war in seiner Hochzeit gleichermaßen verletzlich und offen wie anbiedernd und anstrengend. Eine ganz spezielle Melange, die in ihrem Kontrast bis heute einzigartig bleiben sollte.

Zum Brandbeschleuniger des boomenden Genres mutierte Ende der Neunziger ausgerechnet Ozzy Osbourne. Der Dunkelpapst bot den jungen Wilden mit dem einst noch frischen „Ozzfest“-Festivals eine fulminante Bühne, die sie gut zu bespielen wussten. Zwischen 1998 und 2001 erschienen so gut wie alle Nu-Metal-Alben, die für das Genre prägend sein sollten. System Of A Downs Meisterwerk „Toxicity“, Linkin Parks „Hybrid Theory“, noch immer das bestverkaufte Debüt einer Band im 21. Jahrhundert, die ungemein aggressiven Slipknot-Alben „Slipknot“ und „Iowa“, Limp Bizkits Tough-Guy-Manifest „Significant Other“, „Infest“ von Papa Roach oder Disturbeds „The Sickness“. Im weiteren Kreis dazuzählen muss man auch die sich stets deutlich vom Genre distanzierenden Deftones oder Incubus. Selbst inhaltlich und musikalisch sehr dürftige Kapellen wie Mudvayne, Mushroomhead, Crazy Town, P.O.D., die weichgespülten Staind oder das Frauen-Kollektiv Kittie kamen zu ihren Warhol’schen 15 Minuten Ruhm (oder mehr). Ähnlich wie der Grunge verpuffte auch die allumfassende Wirkung des Nu Metal aber schneller, als ihr lieb war. Bands wie die Deftones, Linkin Park, Slipknot und nicht zuletzt Korn entwickelten sich in andere Richtungen, Coal Chamber lösten sich gleich ganz auf und Treugebliebene wie Limp Bizkit waren schlagartig verpönt, weil sich die Gesellschaft, ihr musikalischer Geschmack und auch ihr Zugang zu verschiedenen Inhalten weiterentwickelte.

Zu viele generische, nach ihren großen Idolen klingende Bands langweilten das Genre zusätzlich, außerdem erfuhren in den mittleren 2000er-Jahren Subkulturen wie Death- und Thrash-Metal wieder einen Boost. Wer bis dahin noch immer stolzer Nu Metaller war, neigte sich am ehesten der – ebenso impulsiven und ziemlich kurzlebigen – Hochphase des Metalcore zu. Mit dem Terminus Nu Metal lassen sich heute maximal noch Limp Bizkit ansprechen, deren Frontmann Fred Durst längst zur ironischen Parodie seiner selbst wurde. Ansonsten fiebert die Jugend den Glanztaten der Alten nach – etwa in Form von Vended, wo die Söhne von Corey Taylor und Shawn Crahan (Slipknot) ihr musikalisches Heil in einer modernisierten Form des 2000er-Trendgeballers suchen. Ist der Nu Metal wirklich „das schlimmste Genre aller Zeiten“, wie der renommierte NME einst beinhart urteilte? Der Hype um das Wiener Korn-Konzert sagt eindeutig: nein.

Korn spielen am 29. Juli in der METAStadt, Vended am 11. Mai in der Szene. Tickets gibt es bei oeticket.

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