Bild: Ingo Pertramer
Die heimische Band Kreisky hat mit “Adieu, Unsterblichkeit” nach 20 Jahren ihr vielleicht bestes und mit Sicherheit düsterstes Album aufgenommen - ein Album, das in den nächsten Wochen in ganz Österreich natürlich auch live präsentiert wird.
Als Kreisky vermischen Franz Wenzl (Gesang, Orgel), Martin Max Offenhuber (Gitarre), Lelo Brossmann (Bass) und Klaus Mitter (Schlagzeug) Krach- und Krawall-Rock mit eigenartigen, literarisch wertvollen Texten. Popstars wollten sie nie sein, dafür erweist sich die Band nun als umso langlebiger. Und nicht nur das: Auf dem neuen (und mittlerweile siebten) Album agiert das Quartett erneut in Hochform.
Franz Wenzl: Es ist ein Partneralbum zum Vorgänger “Atlantis”. Der hat Naivität und Jugendlichkeit gefeiert. Jetzt werfen wir einen unerschrockenen Blick ins Alter. Und auch in den Abgrund.
Klaus Mitter: In den Songs gehen mehrere Höllentore auf. Wir schrecken uns ja alle jeden Tag, wenn wir die Zeitung aufschlagen. Dieses Gefühl wollten wir zu einem Kreisky-Album verdichten.
Franz Wenzl: Es ist ein Gothic-Album. Oder auch Doom-Rock - jetzt nicht von der Musik her, sondern von der Stimmung. Die Hölle kommt vor, wir arbeiten gern mit Effekten. Das Georgel am Schluss von “Die Pedale” hat ein bissl was von Bruckner.
Franz Wenzl: Das Gefühl, vielleicht doch nicht unsterblich zu sein, beschleicht einen mit der Zeit einfach. Verlassen einen die Kräfte? Fällt einem überhaupt noch etwas ein? Mit 20 ging es nur nach vorn. Mittlerweile weiß ich nicht, ob wir als Band nicht schon in der zweiten Halbzeit sind. Noch einmal sieben Platten machen? Das wäre sehr sportlich. Es lacht einem bereits die Endlichkeit entgegen. Wir befinden uns in einer Lebensphase, in der man zum Beispiel Haare verliert. Und dafür ein paar Kilo gewinnt (alle lachen).
Lelo Brossmann: Ein Geben und Nehmen.
Franz Wenzl: Das kann man so machen. Aber ich hätte es bei ihm interessanter gefunden, wenn er sich aktiv mit dem Altern auseinandergesetzt hätte. Für Udo Jürgens hätte ich gerne Texte geschrieben.
Klaus Mitter: Es gibt auch im Austropop, vielleicht mit Ausnahme von Wilfried, keine guten Alterswerke. Ambros hat dieses komische Tom-Waits-Album gemacht, das hatte Potenzial, aber die Umsetzung war leider nichts. Die ganzen Austropopper werden nicht mehr ewig leben, aber es ist leider kein Geschmack weit und breit zu erkennen. Johnny Cash war das Überbeispiel, wie lässig ein Alterswerk werden kann. Das Streben danach sehe ich im Austropop nicht. Oder den Mut.
Franz Wenzl: Wenn ich das wüsste. Es ist nicht so, dass ich eine konkrete Geschichte habe und die aufschreibe. Ich gehe eher von einzelnen Sätzen, Szenen, Bildern aus und arbeite gern mit Traumlogik. Die steht der Popmusik gut. Ich baue wie im Traum Sachen eigenartig zusammen, so entstehen verschrobene Geschichten voller Ängste und Zwänge. Der Deutschrock ist geprägt von Vernunftmenschen. Dem wollen wir etwas entgegenhalten.
Franz Wenzl: Der “Tatort”-Song “Was ist das für eine Welt” hat den Raum aufgemacht für die Stimmung des neuen Albums. Deshalb haben wir ihn auch draufgegeben, obwohl er zwei Jahre älter ist als die restlichen Songs.
Klaus Mitter: Von der Stimmung ausgehend haben wir in einer Session die ersten drei Songs entworfen: “Ein fertiges Leben”, “Die Pedale” und “Nachtstück”. Das war der Nukleus fürs Album. Dunkel, aber gefällt uns.
Lelo Brossmann: Neu ist, dass wir nicht so klassisch mit Strophe und Refrain gearbeitet haben, die Songs sind mehr aus Bausteinen und Schnipseln zusammengesetzt.
Franz Wenzl: Oft ist die zweite Hälfte eines Songs ganz anders als die erste, weil er irgendwo abbiegt.
Lelo Brossmann: Sagen wir so: Wir proben nur mehr selten ziellos vor uns hin. Es läuft extrem effektiv.
Klaus Mitter: Das Schreiben und Ausarbeiten geht meistens relativ leicht von der Hand.
Lelo Brossmann: Insgesamt ist der Zeitraum, in dem so ein Album entsteht, schon lang, aber die Netto-Arbeitszeit ist sehr kurz.
Martin Max Offenhuber: Wir können es in dem fortgeschrittenen Alter mit Jobs und Kindern nur so machen.
Lelo Brossmann: Quality Time, so blöd der Begriff klingt. Man freut sich schon vorher drauf, wenn man wieder ein Wochenende an der Musik arbeiten kann. Der kreative Prozess an sich ist nur Feel-good-Time. Ich mache im Brotberuf Webseiten. Es gibt nichts Vergänglicheres. Unsere Platten haben Bestand. Auch wenn sie vielleicht in 20 Jahren keiner mehr hört, bleiben sie.
Martin Max Offenhuber: Ich bin Architekt. Meine Häuser werden auch irgendwann abgerissen. Tonträger haben Bestand, nehmen Platz im Regal ein.
Klaus Mitter: Neben den Familien ist die Band quasi unser Bauernhof, in den wir mit unserer Arbeitszeit einzahlen.
Franz Wenzl: Viel springt nicht heraus. Aber wenn du am Abend dasitzt und auf den Hof schaust, denkst du dir: Schön ist er. Über die Jahre macht man nicht mehr nur einzelne Platten. Es wird schon ein Werk. Dadurch bekommt es nochmal eine andere Qualität.
Franz Wenzl: Sowieso.
Lelo Brossmann: Bei uns ist es fast schon umgekehrt: Wenn wir ein poppiges Album wie “Atlantis” machen, fragen wir uns, ob wir unsere Hörer damit nicht vor den Kopf stoßen.
Klaus Mitter: Es gibt immer wieder Kommentare nach dem Motto: Wann kommen wieder die alten Kreisky? Aber es muss kein lustiger Song auf jeder Platte sein und auch keine offensichtliche Single.
Klaus Mitter: Nein. Und wenn man Musik mit kommerziellen Absichten macht, kann ich auch nur jedem davon abraten.
Franz Wenzl: Es gibt keine Epigonen. Nur eine Band, die Sinowatz heißt. Manchmal melden sich Leute, dass sie etwas entdeckt haben, das mir voll taugen müsste, weil es so ähnlich klingt wie wir. Das ist aber immer ganz furchtbares Zeug.
Klaus Mitter: Als Wanda und Bilderbuch 2014 durch die Decke gegangen sind, war klar, dass sie Nachahmer auf den Plan rufen würden. Aber eine reine Kopie zu machen, hat sich niemand getraut. Vielleicht liegt es daran, dass es in Österreich an einer Musikindustrie fehlt. Man sagt heute auch nicht mehr: Diese oder jene Band werden die nächsten Bilderbuch oder Wanda. Heute sind alle Inseln für sich.
Franz Wenzl: Wir haben vielleicht ein paar Bands angestachelt, ein bisschen zackiger zu werden. Der Deutschpop vor 20 Jahren war für uns ein Grund, es anders zu machen. Wir wollten nicht so schlaff und melancholisch klingen.
Klaus Mitter: Witzig, ich hatte gerade vor einer Woche eine extreme ELO-Phase. Es wäre vielleicht ein Eskapismus zu viel gewesen, mit Kreisky 2025 ein extrem melodiöses Electric Light Orchestra-Album zu machen. Aber das wird schon noch passieren.
Franz Wenzl: Wir sind uns nicht ganz einig. Drei Viertel der Band sind Fans, Martin ist die Gegenstimme.
Martin Max Offenhuber: Ich würde lieber ein Slayer-Album machen.
Lelo Brossmann: Wir bräuchten dann außerdem ein großes Orchester für unsere ELO-Tour.
Klaus Mitter: Ich finde es erstaunlich, wie viele mittelgroße Indiebands heute den Gasometer ausverkaufen. Und dann gibt es noch ein, zwei Ebenen darüber. Mich hat der Fotograf Ingo Pertramer dankenswerterweise zu Billie Eilish in die Stadthalle mitgenommen. Da habe ich die mittelfristige Zukunft der Popmusik gesehen: Noch mehr Show, nur mehr Show. Das Popbusiness oder die Live-Branche ist ein darwinistisches Ding, bei dem nur die ganz Großen überbleiben, wenn man es zu Ende denkt. Wir können als Kreisky nicht mal ansatzweise mithalten, sondern müssen uns etwas Eigenes überlegen.