Bild: Nolan Sritan
Zwischen Manosphäre und Alkoholismus: Lambrini Girls haben mit "The Basement" und "Spilt" gleich zwei neue Singles am Start.
Jede Generation braucht ihre Riot-Grrrl-Punkband, die dem Patriarchat den Mittelfinger zeigt und wütend gegen die Unterdrückung und Übergriffigkeit anlärmt - man denke da etwa an Bikini Kill, Hole, Peaches und natürlich Pussy Riot. Eine der neuesten stammt aus dem englischen Brighton und nennt sich nach einem auf der Insel beliebten Kopfwehgetränk (in der Sprache der Werbung: “ein dezent prickelnder Birnenwein”) Lambrini Girls.
2019 gegründet, agiert man seit 2022 im Kern als Duo: Um Gesang und Gitarre kümmert sich Phoebe Lunny (erste große Liebe: Fleetwood Mac), den Bass bedient Selin Macieira-Boşgelmez (erstes wegweisendes Konzert: Tokio Hotel, no shit!), lange Zeit hieß es, der legendäre und anonyme Streetart-Künstler Banksy hätte ihr Debütalbum “Who Let The Dogs Out” (2025) eingetrommelt, aber nichts Genaues weiß man nicht. Ob dies nun der Wahrheit entspricht oder lediglich eine schöne Legende ist: Das Album wurde von der Presse regelrecht abgefeiert, selbst der Godfather of Punk, Iggy Pop, feierte die Girls ab - kein Wunder bei einem Album, das vor Charisma, Energie und Wut nur so strotzte. Da ging es gegen die Polizei, gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Frauenfeindlichkeit und toxische Körperideale und ebensolche Beziehungen. Immer mit im Spiel nicht nur eine gehörige Portion an angestauter Wut, sondern auch eine schallende Watsche schwarzer Humor. Anspieltipps sind hier natürlich das rotzfreche, explizite “Big Dick Energy” und natürlich auch “Cuntology 101”, das den despektierlichen Begriff mit einem emanzipatorischen Charakter auflädt.
Mit “Who Let The Dogs Out” im Gepäck brachten die Lambrini Girls bei ihrem Österreich-Debüt vergangenen Dezember das rappelvolle Wiener Flex zum Überkochen. An diesem Abend wurde lautstark deutlich, was selbst eine einzelne Musikgruppe im stiebenden Chaos dieser Zeit anrichten kann: Zerstreuung bieten, gleichzeitig aber auch Hirnfutter liefern und dabei auch noch zumindest für einen kurzen Moment für jede Menge Zusammenhalt zumindest innerhalb der eigenen, teils queeren Bubble zu sorgen. In Zeiten wie diesen wohl wichtiger denn je.
Und nun steht auch schon ihr zweites Album an, das mit “No Refunds” betitelt sein wird und am 15. Jänner erscheint: Bereits bekannt sind die beiden Singles “Cult Of Celebrity” und “Bang Bang Bang”. Schon da klangen die Lambrini Girls noch dringlicher als zuvor - ist doch die Welt seit ihrem letzten Album noch weiter den Bach runtergegangen als zuvor ohnehin schon. Somit wird sich auch “No Refunds” weiterhin mit gesellschaftlichen Missständen auseinandersetzen - vom negativen Einfluss der Künstlichen Intelligenz auf die Menschheit über Faschismus bis hin zum schmuddeligen Keller der “Manosphäre”, also dem Online-Netzwerk, in dem antifeministische, frauenfeindliche und reaktionäre Weltbilder von Incel-Köpfen breitgetreten werden. Davon erzählt etwa eine der beiden allerneusten Singles, treffend mit “The Basement” betitelt.
“The Basement” erzählt nun eben von genau diesem Online-Ökosystem, das frustrierte Männer in immer reaktionärere Ideologien treibt. Der Song zeichnet die Geschichte eines “sad little man who gets radicalised by the manosphere” und liefert damit eine weitere scharfsinnige, düster-komische Analyse der zeitgenössischen politischen Kultur, mit der das Duo seine konfrontative Energie einem Thema widmet, das immer schwerer zu ignorieren ist.
Allerdings gibt es mit “Spilt” zeitgleich auch einen musikalischen Kontrast zu hören, dann darauf dreht man den brachialen und verzerrten Punk leise und legt vielmehr ein rein akustisches, introspektives Stück vor. Eines, das aber inhaltlich keinesfalls auf Samtpfoten tritt: Denn hierin dreht sich alles um ein weiteres, omnipräsentes Thema - der Alkoholabhängigkeit.
Dass da ein User gar fordert, “Just give them the keys to the universe already!” ist bei dieser Dringlichkeit aufgelegt: Denn während die Welt in erster Linie durch männliche Dummheit und beschissene Egos immer weiter aus den Fugen gerät, sorgen zwar nicht nur, aber insbesondere auch diese beiden “Riot Grrrls” dafür, dass der gegenwärtig schwelende oder gar lodernde Flächenbrand zumindest ein Eizerl niedergepisst wird - also von wegen “schwaches Geschlecht”.