Bild: Wolfgang Thaler
1855 als Lokomotivfabrik erbaut, gab die Arena-Besetzung den Anstoß, das Gebäude im Alsergrund ebenfalls als autonomen Kulturbetrieb zu nutzen: Seit 45 Jahren zählt das WUK nun zu einer der wichtigsten und besten Locations des Landes. Allein: Wieso hat hier noch nie Neil Young gespielt?
Wenn man die letzten Jahrzehnte Revue passieren lässt, liest sich der Veranstaltungskalender im WUK wie das Who-is-Who der Populärmusik: Im April 2000 - also zu ihren “Spendierhosen”-Zeiten - spielten etwa Die Ärzte unter dem Namen Die zu Späten ein Geheimkonzert im WUK, im Mai 2003 die White Stripes, kurz bevor ihr “Seven Nation Army” zum Welthit wurde. Im selben Jahr spielten etwa auch The Cardigans und Moloko, das britisch-irische Duo rund um Róisín Murphy. 2008 stand Anja Plaschg alias Soap&Skin im WUK am Programm - kurz bevor sie ihr Debütalbum “Lovetune für Vacuum” international bekannt machte. 2009 gastierten nicht nur die Linzer Bilderbuch bei einer ihrer ersten Wien-Shows im WUK, sondern reisten aus Alaska auch Portugal. The Man an - knapp ein Jahrzehnt, bevor sie mit “Feel It Still” einen weltweiten Hit landeten und für den sie mittlerweile die Raiffeisen Halle im Gasometer brauchen. Mit den Einstürzenden Neubauten, einer der prägendsten deutschen Avantgarde-Bands, Lambchop, Adam Green, Get Well Soon, Blumfeld, Grizzly Bear, Low und Mogwai zeigte man im WUK immer wieder aufs Neue ein Gespür dafür, den schmalen Grat zwischen aufstrebenden und etablierten Acts zu beschreiten - alle in einem Spannungsfeld zwischen Indie, Alternative und (wenn wir auch einen Namen wie Emir Kusturica ins Boot holen) Weltmusik. Apropos Weltmusik: Seit fast 20 Jahren feiert alljährlich Shantel mit seinem Bucovina Club Soundsystem im WUK einen ganz und gar nicht besinnlichen Advent.
Eigentlich fehlt in dieser Aufzählung fast nur noch ein prominenter Name: Neil Young. Dabei müsste man ihm diese ehemalige Lokomotivfabrik jedoch wärmstens empfehlen: Ist er immerhin nicht nur im Hauptberuf Pionier des psychedelischen Folkrocks und Godfather of Grunge, sondern (wie übrigens auch Clapton, Collins, Springsteen, Sinatra, Cocker und Entwistle) ebenso passionierter Modellbähnler - wenngleich dieser pittoreske Eskapismus kaum dem gängigen Rock-’n’-Roll-Lebensstil entsprechen will. Doch irgendwann in den Siebzigern hatte sich der Kanadier seine erste Modelleisenbahn gekauft, als “Hippie mit Geld”, wie er einmal erzählte. Später baute sich Young eine ganze Anlage und rettete in den Nullerjahren den Modellbahnhersteller Lionel vor dem Bankrott. Nicht auszudenken also, wie innig die erblühende Liebe wäre, würde sich Young anstatt in einer Spielstätte wie der Stadthalle plötzlich im feitschiumwucherten Backstein-Innenhof des WUKs wiederfinden und über heute ins Leere laufende Gleise schlendern, bevor die Tonprobe für seinen nächtlichen Auftritt anstünde!
Überhaupt ist das programmatische Fundament des neben der Arena prominentesten besetzten Kulturhauses, das sich aus den Sparten “Performing Arts”, Kunstdiskurs, Musik und Kinderkultur nährt, dem Kanadier durchaus zuträglich: Die Wiener Stadtentwicklung der Siebziger war geprägt von einer Abriss- und Neubaupolitik, der auch das damals bereits als TGM fungierende Gebäude zu Opfer fallen hätte können. Doch da stemmte sich wie in der Comicserie von Goscinny und Uderzo eine wackere Truppe gegen diesen Unsinn - eine von der Arena-Besetzung fünf Jahre zuvor angespornte Bürgerinitiative aus Sozialarbeitern, Kunstschaffenden, Architekten, Studenten, Pensionisten et cetera. Ihr Ziel (und damit sind wir deckungsgleich bei Young): Einen nach oben offenen Raum für einen alternativen und autonomen Kulturbetrieb zu schaffen - und der floriert, wie auch der Feitschi, bis heute.
1981 folgte dann tatsächlich auch im WUK die Schlüsselübergabe für den Kulturbetrieb, und seitdem agiert man gegenläufig zu gewinnmaximierenden Mehrzweckhallen als Bühne für gespielte, gesprochene und gesungene Kunst, die zwar pädagogisch wertvoll, dabei aber etwas frech und nicht zu bieder ist - freilich antifaschistisch, antisexistisch, eben: Im Sinne einer offenen, vorwärtsorientierten Gemeinschaft als “gelebte Verbindung von Kunst, Politik und Sozialem”, wie im Leitbild geschrieben steht.
Lina steht kommendes Jahr nicht nur in Deutschland bei “Holiday On Ice” am Eis - sondern auch im WUK auf der Bühne.
Allerdings darf man das WUK nicht nur auf den honorablen Ansatz und die stilistische Vielfalt reduzieren: Applaus gibt es in erster Linie auch dafür, dass man spätestens seit der Renovierung vor wenigen Jahren mit einem Licht und Sound auffahren kann, der zumindest europaweit zur Speerspitze zählt. Und das in einer Halle, bei der man mit den Künstlerinnen und Künstlern auf der Bühne fast auf Tuchfühlung gehen kann - denn gemeinsam mit maximal 550 Gleichgesinnten einen leiwanden Abend zu verbringen, das hat schon fast Wohnzimmer-Atmosphäre. Zumindest wenn man sich in Wien ein Loft leisten könnte.
Und genau diese einzigartige Mischung aus dem besonderen Flair des charmanten Ziegelsteinbaus, dem vielseitigen Programm und einem Gemeinschaftsgefühl macht das WUK nicht nur aus - sondern auch zu einer der besten Live-Location des Landes. Und wenn der Softdrink, das Bier und der Wein bei der Bar kalt ist, steht einem perfekten Abend wirklich nichts mehr im Weg. Um erneut Neil Young ins Boot zu holen: Keep on rockin' - in a free world. Freier als im WUK wird's kaum!