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Lust auf Podcast

05.12.2022 von Hannes Kropik

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Sinah Edhofer erregt Leonie-Rachel Soyel in wöchentlichen „Couchgeflüster“-Folgen die Gemüter. Im Interview erzählt die Mental-Health-Influencerin, warum es so wichtig ist, offen über Liebe, Beziehungen und Sexualität zu sprechen – und wieso sich daran bis zum Altersheim nichts ändern wird.

Leonie-Rachel Soyel, 32, und die Journalistin Sinah Edhofer, 31, kennen in ihrem preisgekrönten Podcast „Couchgeflüster“ scheinbar keine Tabus. Sie sprechen zwanglos über Selbstbefriedigung, perfekte Blowjobs und tindernde Fuckboys, widmen sich aber auch ernsten medizinischen Themen wie einer gesunden Vaginalflora oder dem Borderline-Syndrom mit unterhaltsamer Offenheit. Am 15. Dezember nehmen sie eine Folge live beim FM4-Podcast-Festival im Wiener WUK auf.

Leonie-Rachel, was treibt euch an, so explizit mit so privaten Themen umzugehen?

Ich hatte ein sehr schlimmes, traumatisierendes „Erstes Mal“ und auch danach lange Zeit keine schönen Erfahrungswerte in meiner Sexualität. In der Schule haben wir nur gelernt, dass wir nicht schwanger werden und uns keine Krankheiten einfangen sollen. Aber es wurde nie über die Lust geredet oder wie man lernt, „nein“ zu sagen. Damals hätte ich mir gewünscht, dass jemand so offen mit mir spricht.

Du bist die Stimme geworden, die du als Teenager gerne gehört hättest?

Ja. Ich hatte keine Anleitung für mein Leben. Noch als junge erwachsene Frau habe ich mein Selbstwertgefühl mit irgendwelchen Affären aufgebessert. Ich habe mich verloren gefühlt, was Themen wie Liebe und Beziehungen oder Dating ganz allgemein betrifft. Ich konnte meine selbstbestimmte Sexualität noch nicht ausleben. Im Lauf der Zeit habe ich viel über mich selbst gelernt und kann jetzt über all die Ups und Downs und ambivalenten Gefühle reden, die es in der Sexualität und in Beziehungen gibt.

Es geht beim „Couchgeflüster“ aber nicht nur um Sexualität, du sprichst auch offen über deine Borderline-Persönlichkeitsstörung. Hilft es dir selbst, über dieses Thema in der Öffentlichkeit zu sprechen?

Natürlich, sonst würde ich es nicht tun. Habe ich wegen des Podcasts aber manchmal Probleme bei Dates? Absolut! Manche Menschen finden es nicht cool, wenn jemand so offen über seine Sexualität oder seine mentale Gesundheit spricht. Aber das sind Menschen, mit denen ich mich ohnehin nicht unterhalten will. Dabei nehme ich mich selbst gar nicht so wichtig – aber ich gehe, wo vielleicht niemand vor mir gegangen ist, damit andere meinem Weg folgen können.

Du hast den Podcast vor drei Jahren gemeinsam mit deiner Kollegin Sinah Edhofer gegründet. Wie es dazu gekommen?

Mein Ansatz war, dass ich jungen Frauen helfen wollte. Sinah und ich haben unabhängig voneinander Blogs betrieben. Bei einem Event sind wir zum ersten Mal ins Gespräch gekommen und haben erkannt, dass wir sehr ähnliche Wertesysteme hatten. Ich wollte so einen Podcast schon lange machen. Ich wusste aber, dass es allein nicht funktioniert hätte. Mit ihr passt es, obwohl wir nicht immer einer Meinung sind. Aber das macht es erst so richtig spannend.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen euch?

Ich bin der extrovertiertere Typ, ich bin impulsiv und presche nach vorn. Sinah ist die überlegtere Persönlichkeit und steht für die stabile Beziehung. Sie ist mit ihrem Partner schon fast vier Jahre liiert, jetzt bekommt sie auch noch ein Baby. Und ich? Nun ja, ich bin scheinbar Single forever (lacht).

2021 ist „Couchgeflüster“ – bei 30.000 nominierten Mitbewerbern – auf Platz 3 des Ö3-Podcast-Awards gewählt worden, heuer seid ihr im Rahmen des 4Gamechangers-Festivals mit dem Austrian Influencer Marketing Award in der Kategorie Podcast ausgezeichnet worden. Was bedeuten solche Preise?

Wir freuen uns sehr, weil sie zeigen, dass wir bemerkt werden. Noch mehr bedeuten uns aber persönliche Nachrichten von unseren ZuhörerInnen – vor allem, wenn wir das Feedback bekommen, dass wir jemandem in einer schwierigen Phase helfen konnten. Deshalb freuen wir uns auch so darauf, beim FM4-Podcast-Festival direkt auf unsere Community zu treffen.

Generell: Was macht einen guten Podcast aus?

Ich weiß nicht, ob es einen guten Podcast ausmacht – aber zumindest einen erfolgreichen: Du brauchst Durchhaltevermögen! Du darfst nicht erwarten, dass du sofort von null auf hundert durchstartest. Wir haben damals gesagt: Wir probieren es ein Jahr lang und schauen, wie es uns gefällt. Wir haben in diesem Jahr aber bewusst keine Werbedeals angenommen, weil wir uns zu nichts verpflichten wollten.

Ihr kreiert eine intime Stimmung, die bei eurer Zuhörerschaft, die ihr liebevoll „Lauschis“ nennt, offenbar sehr gut ankommt.

Wir versuchen eine Atmosphäre zu schaffen wie bei einem Mädelsabend: Man sitzt zusammen, trinkt Tee oder ein Glas Wein und unterhält sich über Themen oder Probleme, die viele Menschen kennen. Wir integrieren aber auch Fragen oder Erlebnisse unserer Lauschis, etwa, wenn es um ihre verrücktesten Sex-Geschichten geht. Am besten fand ich die von dem Mädel, die fast die Wohnung abgefackelt hätte, weil sie ihr Polyester-Höschen in den Adventskranz geworfen hat.

Ihr betreibt den Podcast seit über drei Jahren – keine Angst, dass euch einmal die Themen ausgehen?

Mit Sinahs Schwangerschaft haben wir als neues Thema das „Mamageflüster“ hinzugefügt. Ich mache außerdem eine psychotherapeutische Ausbildung und will auch aus diesem Bereich neue Aspekt in den Podcast einbringen. Sexualität wird aber wohl immer ein Thema sein. Viele Menschen glauben zwar, dass man nur in jungen Jahren sexuell aktiv ist – aber wer weiß, vielleicht feiern Sinah und ich im Altersheim die vollen Sexorgien. Wir werden es herausfinden und darüber sprechen.

Am 15. und 16. Dezember findet im WUK das FM4 Podcast Festival statt. Neben „Couchgeflüster” (siehe Interview) hören wir am ersten Tag auch „Warme Brüder”, den schwulen Podcast aus Wien, der seit Juni existiert und den Techno-DJ und Veranstalter Gerald VDH und Filmemacher Gregor Schmidinger betreiben. Am zweiten Tag tauchen wir zuerst ein in „Gefühlte Fakten”, einen Podcast, in dem Christian und Tarkan über alles sprechen, worüber sich Witze machen lassen. Und schließlich fragen Franziska Singer und Amrei Baumgartl im ersten unabhängigen True-Crime-Podcast aus Österreich: „Darf’s ein bisserl Mord sein?”

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