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Marc Carnal: Zwischen Gott und Gags, Gags, Gags

02.04.2025 von Hannes Kropik

Woche für Woche begeistern – oder verstören – Dirk Stermann und Christoph Grissemann in ihrer Late-Night-Talkshow „Willkommen Österreich“ das ORF-Publikum mit ihrer schwarzen Satire jenseits aller political correctness. Aber woher kommen eigentlich all diese „Gags, Gags, Gags“? Headautor Marc Carnal, der mit seinem Kabarettprogramm „Gott live“ gerade selbst erstmals ins Rampenlicht tritt, verrät uns, wie Witze entstehen. 

Dass er als Headautor von „Willkommen Österreich“ Gags für Dirk Stermann und Christoph Grissemann schreiben darf, findet Marc Carnal, 38, lustig. Denn tatsächlich waren es die beiden Moderatoren, die sein eigenes Humorverständnis maßgeblich geprägt haben: „Ich habe immer auf Ö3 die Charts angehört. Mit 13, 14 habe ich mir gedacht, dass die ‚Austria Top 40‘ ja immer die gleichen zehn Songs sind. Also habe ich nach anderen Sendern gesucht – und bin auf ‚Salon Helga‘ auf FM4 gestoßen. Ich war völlig perplex! Was soll das? Betrunkene Typen, die hörbar rauchen und irgendwas daherreden? Das war so anders als der Humor im Ö3-Wecker. Für mich haben Christoph und Dirk das Tor zu einer neuen Welt aufgestoßen.“

Bezahlt werden, um fernzusehen

„Willkommen Österreich“ läuft seit 18 Jahren im ORF; Gäste in der ersten Sendung am 31. Mai 2007 waren der Kabarettist Josef Hader und Polizeijurist Max Edelbacher, der damalige Leiter des Wiener Sicherheitsbüros. Mit Stand Ende März ist die spätabendliche Satireshow auf stolze 639 Ausgaben gekommen. Marc Carnal gehört seit 2012 zum Team, in das er eher zufällig hineingerutscht ist: „Mit 17 habe ich begonnen, Artikel für FM4 zu schreiben“, sagt er im Gespräch mit dem Headliner im legendären Wiener Café Jelinek. „Die Redaktion von ‚Willkommen Österreich‘ hat sich aus Leuten von FM4 zusammengesetzt; irgendwann hat mir Redaktionsleiter Mathias Zsutty eine Stelle als Sichter angeboten.“

Sichter, erklärt Marc Carnal, sind Menschen, „die dafür bezahlt werden, fernzusehen“. Im Falle von „Willkommen Österreich“ geht es konkret darum, ORF-Sendungen anzuschauen und lustige, originelle Clips herauszusuchen, die in anderem Zusammenhang für Lacher sorgen sollen. „Und irgendwann habe ich versucht, mit meinem Kollegen Max Horejs Witze für die Sendung zu schreiben. Mit der Zeit haben Grissemann und Stermann immer mehr von unseren Witzen genommen und so bin ich zum Gag-Autor geworden.“

200 Gags pro Sendung

Die rund 55-minütige Sendung wird am Dienstagabend auf ORF1 ausgestrahlt, aufgezeichnet wird sie – live vor Publikum – tags zuvor: „Unsere Arbeit am Drehbuch beginnt am Mittwoch, indem wir Clips aus anderen ORF-Sendungen sichten und uns mögliche Zuspieler überlegen. Am Wochenende kommen aktuelle Themen dazu. Wenn Matthias Strolz in einer TV-Diskussion am Sonntagabend komplett eskaliert, muss das natürlich in unsere Sendung hinein.“

Die Arbeit am Buch sei also „ein permanentes Hinzufügen und Wegstreichen“. Als Headautor ist Marc Carnal Chef eines Teams bestehend aus Max Horejs, der auch als Sichter und Grafiker für die Sendung arbeitet, sowie den beiden Tagespresse-Autoren Sebastian Huber und Jürgen Marschall, die wochenweise alternierend im Einsatz sind: „Pro Sendung produzieren wir sicher 200 One-Liner. Davon doppeln sich einige, die wir gleich wieder wegstreichen, andere fallen weg, weil das Thema inaktuell geworden ist. Am Montag sind noch 70 übrig, 40 schaffen es ins Buch. Bei der ersten Probe fallen nochmal 20 weg, in die Sendung schaffen es vielleicht zehn unserer Pointen.“

Also eine Quote von gerade einmal fünf Prozent. „Das ist aber ganz normal. Am Anfang ist man persönlich beleidigt, wenn sie einen Gag, den du für wahnsinnig gut hältst, nicht nehmen. Aber man wird schmerzbefreit. Man lernt, damit umzugehen: Mein Job ist zu liefern. Aber jemand anderer sucht aus und entscheidet.“ Abgelehnte Gags landen aber nicht im Mistkübel, sondern werden sorgfältig archiviert: „Wir arbeiten alle gemeinsam in Google Docs. Wir haben in den vergangenen Jahren tausende Pointen gesammelt – und können in diesem Archiv jederzeit nach Stichworten suchen und bei Bedarf Gags wieder hervorkramen. Wenn ein Schmäh zur Frankfurter Buchmesse heuer nicht genommen wird, dann funktioniert er vielleicht in fünf Jahren …“

Fallhöhe, Timing, Aktualität

Aber was macht eigentlich gute Gags aus? Speziell, wenn sie für so eigenwillige Charaktere wie Dirk Stermann und Christoph Grissemann geschrieben werden? „Die beiden haben ganz unterschiedliche Geschmäcker. Dirk ist eher gewillt, auf die Themen das vergangenen Wochenendes einzugehen und braucht den politischen Witz. Für ihn geht es weniger um die Formulierung selbst, sondern darum, satirisch an die Grenzen zu gehen.“ Christoph Grissemann wiederum habe „hauptsächlich Lust an der grenzenlosen Übertreibung und an der so übertriebenen Ironie, dass die Pointe schon wieder meta-ironisch wird.“ Gemeinsam ist den beiden, dass nur sie selbst die Gags performen können: „Dieselbe Pointe würde beim jeweils anderen komplett abkacken.“

Was einen guten Witz ausmacht, haben wir auch Dirk Stermann und Christoph Grissemann gefragt. Für Christoph Grissemann ist es, kompakt zusammengefasst „Fallhöhe, Timing, Aktualität“. Nachsatz: „Wie bei so vielem kommt es beim Witzemachen eher auf das Wie an als auf das Was. Ein vernuschelter, rätselhafter Satz von Helge Schneider ist oft tausendmal lachkräftiger als eine zwar gut gebaute, aber im Kern öde, brave Pointe.“ Für seinen Partner Dirk Stermann sind es „die Codes: Die Zuschauer müssen ungefähr den gleichen Erfahrungs- und Wissenshorizont haben. Man kann in Österreich über Herbert Kickl Witze machen, die in Italien niemand verstehen würde.“

Ein Punkt, den Marc Carnal nur bestätigen kann: „Grundsätzlich schreibe ich Gags aus einem Gefühl heraus, was ich selbst lustig finde. Wichtig ist aber, dass ich mit gewissen Assoziationen arbeite. Und zwar Assoziationen, die das Vorwissen des Publikums bedienen. Wenn die nicht wissen, wovon ich rede, kann der Witz nicht funktionieren.“ Als Beispiel nennt er den ehemaligen Vize-Kanzler Werner Kogler: „Wenn ich mir ein Set-up überlege, denke ich an zehn, zwölf Klischees oder Ereignisse, die das Publikum mit ihm in Verbindung bringen könnte. Das Top-Klischee, dass er ewig lange Sätze bildet, ist fad. Beim zwölftbekanntesten steigt mir das Publikum aus.“

Hier ortet Marc Carnal, der in der Sendung auch als Reporter vor der Kamera zu sehen ist, übrigens einen wesentlichen Unterschied zur Künstlichen Intelligenz: „Witze von der KI sind – noch – zu einfach gestrickt. Wie jene vom Onkel auf der Familienfeier, der ein YouTube-Video angeschaut hat, wie Schlagfertigkeit funktioniert. Wir haben solche Gags in der Sendung ausprobiert – absolute Stille im Publikum.“
 

Jahrhunderttalent und Tausendsassa

Aber warum brauchen Christoph Grissemann und Dirk Stermann, diese beiden lebende Humor-Legenden, eigentlich Gag-Autoren? Für die Antworten verzichten sie auf die Hilfe von Marc Carnal: „Mein eigenes Hirn ist zu klein für mehr als 30 Sendungen pro Jahr“, sagt Dirk Stermann, „deshalb freut es sich, wenn andere Hirne mitarbeiten.“ Und Christoph Grissemann ergänzt: „Wir haben fast alle Gag-Autoren längst hinausgeschmissen. Herr Carnal und die anderen müssen einspringen, wenn sich meine eigene Verfasstheit zwischen Schlaganfall und Quartalssuff befindet.“

Mit der Arbeit von Marc Carnal scheinen sie jedenfalls durchaus zufrieden zu sein: „Marc ist schnell, seine für den Humor zuständigen Frontallappen funktionieren sehr gut“, sagt Dirk Stermann und ergänzt: „Vor allem ist er ein Spitzentyp.“ Christoph Grissemanns Urteil geht in eine ähnliche Richtung: „Er ist ein schneller Denker und kluger Lenker, ein Jahrhunderttalent und Tausendsassa. Lieber eine schlechte Zeile von Herrn Carnal als ein ganzes Programm von Dieter Nuhr.“

Marc Carnal ist Gott

Seine Kreativität hat Marc Carnal, der in Zürich geboren und mit elf Monaten mit seinen Eltern nach Salzburg übersiedelt ist, anfangs nur nebenbei ausgelebt: „Nach der Matura habe ich in Wien Theaterwissenschaften und Germanistik inskribiert. Die Uni hat mir aber überhaupt nicht getaugt, und ich musste ja auch Geld verdienen.“ Also jobbte er in unterschiedlichen Berufen, unter anderem bei einem Versicherungsnotruf: „Ich habe rasch erkannt, dass ich nach 14 Stunden lästiger Büroarbeit wesentlich bessere Ideen habe als wenn ich einfach nur herumsitze und vor mich hinträume.“ Und deshalb kann er seine Gags für „Willkommen Österreich“ heute „jederzeit und überall“ schreiben: „Zum Beispiel komplett zusammengepfercht in einer Gondel. Gerade in solchen Situationen bin ich froh, irgendetwas zu tun zu haben.“

Und zu tun hat Marc Carnal dieser Tage genug: Anfang März feierte sein erstes, selbst geschriebenes, Kabarettprogramm „Gott live“ Premiere in der Wiener Kulisse. Und ebenfalls im März erschien sein neues Buch „Die Hochzeit“. Die Idee zum Kabarett ist ihm im Sommer 2023 im Flugzeug kurz vor dem Start nach Tokio gekommen: „Plötzlich war da der Gedanke, dass es lustig wäre, als Gott auf der Bühne Comedy zu machen.“

Dabei hat Marc Carnal, der in einer „super-katholischen Umgebung am Land“ aufgewachsen ist, nie zuvor gedacht, als Kabarettist ins Rampenlicht zu treten: „Die Idee für das Programm war gleichzeitig Vater des Gedankens, selbst in die Rolle zu schlüpfen. Ich hätte das Stück für Kollegen schreiben können. Aber ich dachte: Es wäre schade, diese Idee herzuschenken, das mache ich lieber selbst. Dass ich jetzt auf der Bühne stehe, ist also reine Arroganz.“

Gemeinsam mit seinem Kollegen Sebastian Huber als Regisseur arbeitet er noch am Feinschliff seiner göttlichen Komödie, in der er – unter anderem – hinter die Kulissen der Schöpfungsgeschichte blickt und brisante (aber keineswegs blasphemische) G‘schichtln über Moses & Co verbreitet: „Bei der Premiere habe ich gemerkt, dass das Programm nach der Pause ein bisschen zu lang ist. Ein Kabarett ist etwas anderes als eine Fernsehsendung: Es darf keine Aneinanderreihung von Pointen sein, sondern muss eine runde Handlung ergeben. Es ist extrem wichtig, sich rechtzeitig von Pointen zu trennen, damit die Geschichte nicht zu kompliziert wird.“

„Du Volltrottel! Warum tut du das?“

„Kompliziert“ ist ein passender Übergang zu einer weiteren beruflichen Leidenschaft von Marc Carnal: das Reimen. Seiner beiden durchwegs in Paarreimen geschriebenen Texte „Das Begräbnis“ und „Die Hochzeit“ wurden von Ö1 jeweils mit dem Publikumspreis als „bestes Hörspiel des Jahres“ ausgezeichnet. Letzteres ist jetzt erstmals in Buchform veröffentlicht worden, im Mai oder Juni soll ein neues Horror-Hörspiel in Reimform im Schweizer Rundfunk präsentiert werden: „Das ist echt viel Arbeit. Und zwar eine Arbeit, die überhaupt keine Freude macht. Es ist einfach schrecklich!“

Warum er es sich trotzdem antut? „Während ich schreibe, denke ich mir jede Sekunde: ‚Du Volltrottel! Warum tust du das?‘ Aber wenn ich wieder eine Seite geschafft habe, ist es herrlich erfüllend! Es ist erstaunlich, dass man mit einem Ergebnis so glücklich sein kann, obwohl man so ungern daran arbeitet.“ 

Bei seinen gereimten Texten fasziniert Marc Carnal aber auch, wie sich Geschichten verselbständigen, weil manchmal die Reime selbst die Richtung vorgeben: „In meinem ‚Begräbnis‘-Text hatte ich die Zeile ‚Nun, was deinen Freund betrifft‘ – aber keinen passenden Reim außer ‚Der steht vor der Tür und kifft‘. Plötzlich hatte ich eine neue Figur und eine neue Nebenhandlung! Das ist ein cooler Effekt und macht Hörspiele so lebensnah: Dir werden Entscheidungen abgenommen, Handlungsabläufe ändern sich aus purem Zufall. Das ist doch wie im wirklichen Leben.“


Live-Termine


Marc Carnal "Gott live"

25. April 2025 | Wien, Kulisse


Infos auf dem Stand vom 02.04.2025  

Tickets


Live-Termine


Dirk Stermann & Christoph Grissemann

25. April 2025 | Wien, Rabenhof Theater (Gags, Gags, Gags)
08. Mai 2025 | Linz, Neues Rathaus Festsaal (Gags, Gags, Gags)
09. Mai 2025 | Kollerschlag, Zeltfest (Gags, Gags, Gags)
29. Juni 2025 | Wien, Theater im Park (Das Ei ist hart)
13. November 2025 | Knittelfeld, Kulturhaus (Gags, Gags, Gags)
19. November 2025 | Klagenfurt, Konzerthaus (Gags, Gags, Gags)
20. November 2025 | Graz, Orpheum
27. November 2025 | Salzburg, Szene
17. Jänner 20226 | Wien, Theater Akzent (Das Ei ist hart)


Infos auf dem Stand vom 02.04.2025  

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