Bild: Philipp Hirtenlehner
Matthias Strolz und Kurt Razelli sind „Back to Earth”: Das Album mit genau diesem Titel veröffentlichen sie am 6. Oktober, fünf Jahre nach Vorstellung ihres ersten Albums, „Lost in Space”. Hierauf treffen die Künstler nach fünf Jahren im Weltraum auf den Planeten Erde, auf einen Ort in großem Aufruhr. Es gibt Gräueltaten, Zerfall, Depression, aber auch: die Liebe.
Matthias Strolz: Dass er meine Parlamentsreden gepimpt hat, passierte ungefragt und unerwartet. Ich fand es originell. Und es hatte sehr viel Resonanz im Internet. Als ich meinen Ausstieg aus der Politik verkündet habe, ist Kurt auf mich zugekommen: „Machen wir doch ein Album gemeinsam.“ Ich war zunächst skeptisch.
Matthias Strolz: Nach sieben Jahren Politik brauchte ich mehr Zeit für die Kinder und die Ehe. Sonst wäre ich heute nicht mehr verheiratet. Darum wollte ich mich nicht gleich voll in die nächste Aufgabe stürzen. Ich habe den Kurt aber mal machen lassen. Ins erste Album war ich nicht wahnsinnig involviert, aber die eine Show im Wiener Flex, die wir gemacht haben, war toll. Irgendwie hat es uns nie losgelassen.
Matthias Strolz: Jawohl. Eine schöne gemeinsame Schöpfung. Wir haben uns 2022 nach drei, vier Jahren wieder getroffen. Nach ein paar Minuten war klar: Die Zeit ist reif.
Kurt Razelli: Grundsätzlich versuche ich in meine Sachen immer Witz einzubauen. Dazu haben sich Matthias’ Reden im Parlament gut angeboten. Aber es war doch auch was Ernstes dahinter. So hat es sich entwickelt, dass es bei uns auch viele ernste Themen geben kann.
Matthias Strolz: Erstaunlich unkompliziert. Aus meiner Lebenserfahrung weiß ich, dass es auch sehr anstrengend sein kann, mit anderen zusammenzuarbeiten. Der Kurt trifft immer die Essenz und Tonalität meiner Texte. Wie er das schafft, ist für mich ein Mysterium. Ich könnte ihm auch eine Vocal-Spur von mir schicken und er macht Musik dazu, die gar nicht passt, weil er auf einem völlig anderen Planeten daheim ist. Das wäre oarsch. Und das Ganze bei einem Album zwölf Mal – eine Katastrophe.
Kurt Razelli: Dann hättest du hoffentlich nach vier Songs abgebrochen.
Matthias Strolz: Oder du hättest gesagt: „Behalt dir deinen Schas, ich kann mit deinen Worten nix anfangen.” Die Texte sind mitunter sehr eigen. Es war die Frage, ob wir uns da treffen. Aber er spürt, was ich meine, und setzt das um. Wir sind sehr unterschiedlich und kommen aus ganz unterschiedlichen Welten. Aber irgendwie gehören wir zusammen.
Razelli: Das empfinde ich auch so. Ich grüble am Anfang immer sehr, in welche Richtung ein Album gehen soll. Nach vier, fünf Nummern weiß ich es. Ich glaube, bei Matthias habe ich einen sehr guten Stil gefunden.
Matthias Strolz: Ich kann nicht singen im klassischen Sinne, was mich aber nicht davon abhält, laufend zu singen: Unter der Dusche, am Balkon. Damit meine Stimme leiwand klingt, braucht es aber genau so jemand wie den Kurt, der das in seiner Küche noch einmal kunstvoll anrührt.
Matthias Strolz: Die sind durch mich geflossen. Ich kann nur sagen, sie kommen aus einer anderen Sphäre.
Matthias Strolz: Das ist schwer zu konkretisieren. Ich kann das nicht regulieren. Nur eines ist fix: Lyrics entstehen nur, wenn ich unterwegs bin. Wenn ich wo bin, bin ich immer recht g’schaftig. Die Muse küsst mich immer auf Reisen, wenn ich Familie und Unternehmen für kurze Zeit hinter mir lasse.
Matthias Strolz: Ja, und zwar als Folge auf eine Sprachlosigkeit. Ich versuchte in deutschen Medien Gastbeiträge zum Thema Ukraine-Krieg unterzubringen. Aber weil ich nicht klar einen der beiden Pole vertrete, wollte das keiner hören. So kam die Musik wieder ins Spiel.
Matthias Strolz: Zuerst geht es um eine Bestandsaufnahme der Situation. Im Laufe des Albums gehen wir auch in Strategien rein, wie wir mit dieser verrückten Welt umgehen können. Das ist ein wichtiges Thema, die Zunahme von Depressionen, suizidalen Tendenzen und Ernährungsstörungen zeigen das. Angst, Krieg, Inflation: Wir alle sind angehalten, einen konstruktiven Umgang mit den Zumuten der Zeit zu finden.
Matthias Strolz: Ich kann nur ein politischer Künstler sein, weil ich ein Politschädel bin. Aber wir gehen nicht ins Moralisieren und auch nicht mit erhobenem Zeigefinger herum. Wir starten beim Status quo Krieg und eskalieren über die ganzen Verwerfungen und Verwirrungen in die Liebe. So werden auch die Konzerte: Wir feiern das Menschsein in all seinen Dimensionen.
Matthias Strolz: Der Krieg startet in uns und auch der Frieden. Die Frage ist: Was davon lassen wir groß werden? Kurt und ich füttern die Liebe und das Licht. Aber nicht, indem wir uns die Hände reichen und „Kumbaya“ singen, sondern auch die Brutalität der Realität mit hereinholen. Ich verstehe das Album als Beitrag zur Heilung. Kurt, du musst mich stoppen, wenn du nicht einverstanden bist.
Kurt Razelli: Nein, passt.
Matthias Strolz: Ich glaube, deine Sprache der Liebe ist eine andere als meine. Aber sie ergänzen sich total stimmig.
Kurt Razelli: Ja, das passt.
Strolz & Razelli gastieren zwischen 18. November und 1. Dezember in Dornbirn, Graz, Wien und Hof bei Salzburg. Tickets gibt es bei oeticket.