Bild: Jan Frankl
Scharfe Zungen, trockene Pointen: Britischer Humor begeistert Fans weltweit mit provokantem Witz, grenzenloser Gesellschaftskritik, gezielten Tabubrüchen und einer riesigen Portion Selbstironie. Doch was das mit richtig verstandener Aufklärung zu tun hat, erklärt uns Michael Niavarani.
Fragt man die spaßbefreite Wissensplattform Wikipedia und ChatGPT nach Eigenschaften des britischen Humors, findet man Schlagwörter wie Satire und Sarkasmus, Ironie und Selbstironie. Man liest von absurden Beobachtungen, makabrem Wortwitz und geistreicher Schlagfertigkeit, von Understatement und einer bisweilen grausamen Direktheit, mit der Ungeheuerlichkeiten so dargebracht werden, als wären sie etwas ganz Alltägliches. Was diese Definitionen aber außer Acht lassen, ist die Bedeutung des Humors auf zwischenmenschlicher Ebene. Ricky Gervais fasst die Grundlage der britischen Gesellschaft in seinem (später auf DVD veröffentlichten) Bühnenprogramm „Science“ 2013 pointiert zusammen: „Für uns ist der Humor Schwert, Schild und Medizin gleichermaßen. Aber vor allem nutzen wir den Humor, um einander kennenzulernen. Sobald sich zwei Briten zum ersten Mal begegnen, werden sie sofort einen Gag loslassen, um zu schauen, ob das Gegenüber ein Gleichgesinnter ist.“
Englands populärster – und nach anderer Lesart berüchtigtster – Comedian belegt seine Analyse natürlich beispielhaft mit einem tiefschwarzen Witz. Und zwar über Pädophilie im engsten Familienkreis. Der trocken servierten Pointe (die sich, keine Angst, in schriftlicher Form nicht wiedergeben lässt) folgte ein kurzer Moment schockierter Stille – und dann befreiendes Lachen im Publikum.
Dass Ricky Gervais, der mit seinem neuen Programm „Mortality“ am 11. April in der Wiener Stadthalle gastierten wird, mit vermeintlichen Tabubrüchen weltweit ein Millionenpublikum begeistert, liegt aber nicht nur am Wesen des britischen Humors – sondern auch am Selbstverständnis des 63-Jährigen, der als Autor und Hauptdarsteller der TV-Serie „The Office“ Anfang des Jahrtausends zum Star wurde: „Wenn es um ein sogenanntes Tabuthema geht, stehen die Ängste und das Unbehagen des Publikums auf dem Prüfstand. Oft sind es unsere eigenen Vorurteile und Klischees, die infrage gestellt werden“, schrieb er selbst in einem Gastkommentar für das amerikanische Time Magazine. „Als Komiker denke ich, dass es meine Aufgabe ist, die Leute nicht nur zum Lachen zu bringen, sondern sie auch zum Nachdenken anzuregen.“
Britischer Humor hat viele Gesichter. Die Komikergruppe Monty Python („Das Leben des Brian“) zählt genauso dazu wie Rowan Atkinson („Mr. Bean“, „Blackadder“) und Benny Hill, Jimmy Carr und Eddie Izzard oder junge Wilde wie Daniel Sloss oder Russell Howard (der am 25. Februar im Globe Wien zu sehen sein wird). Um Ursache und Wirkung dieser speziellen Form der Unterhaltung besser verstehen zu können, wollten wir Michael Niavarani um seine professionelle Einschätzung bitten. Doch der anglophile Kabarettist, Schauspieler und Autor, der in jüngerer Vergangenheit immer wieder mit leichtfüßigen Adaptionen die große Kunst William Shakespeares auf heimische Bühnen verlegte, beginnt unser Interview mit einer Überraschung:
Und zwar, weil übergeordnete Kategorien einfach nicht sinnvoll wären: „Schauen Sie, es gibt ja weder einen ‚jüdischen Humor‘, noch einen „wienerischen Humor‘. Wenn etwas lustig ist, ist es einfach lustig. Es gibt ja auch keinen Installateur-Humor.“ Lachender Nachsatz: „Wobei es gerade um den Installateur-Humor sehr schade ist.“ Was er aber durchaus wahrnimmt, ist „eine soziale Übereinkunft zwischen den Menschen.“ Denn anders als in Österreich, wo die Monarchie 1918 abgeschafft und in weiterer Folge der Adel zumindest offiziell seine Bedeutung verloren habe, gäbe es in Großbritannien nach wie vor große Unterschiede zwischen den sozialen Schichten. Doch der Humor überwindet alle Grenzen: „Egal, ob ich aus der Arbeiterklasse komme, der Mittelschicht oder dem Hochadel: Ironie und Selbstironie werden als Umgangsform auf allen Ebenen akzeptiert.“
„Affectionate teasing“, also „zärtliches Necken”, nennt John Cleese von Monty Python diese typisch britische Eigenart des Austeilens von Nettigkeiten – die ohne das selbstbewusste Einstecken nicht funktionieren würde. „John hat mir das einmal so erklärt: Selbst in ganz ernsthaften Regierungsbesprechungen können Oppositionspolitiker ziemlich bösartige Witze über den Premierminister machen – und umgekehrt. Dann lachen alle und damit ist eine persönliche Verbindung hergestellt.“ 2019 stand Michael Niavarani mit John Cleese gemeinsam mit dem Programm „Hopeless but not serious“ auf der Bühne. Und er ist dem Monty-Python-Mitbegründer, der mit der Sitcom „Fawlty Towers“ in den Siebzigern einen weiteren Klassiker des britischen Humors kreierte, bis heute „verehrungswürdig dankbar, dass er mir auf Augenhöhe begegnet ist und sich nicht gedacht hat: ‚Was will der blade Perser von mir?‘“ Diese Anspielung auf seine eigenen familiären Wurzeln und sein genussvolles Leben beinhalten für Michael Niavarani nebenbei eine Grundlage des Humor ganz allgemein und des britischen im Speziellen: „Es ist ein großer Unterschied, ob jemand witzig ist oder Humor hat. Humor zu haben bedeutet die Fähigkeit zu besitzen, über sich selbst lachen zu können.“
Unter diesem Gesichtspunkt erinnert sich Michael Niavarani an eine Pointe, die eigentlich keine war: „John ist ja mehrfach geschieden. Auf meine Frage, welche seiner Ex-Frauen seine Lieblings-Ex-Frau ist, hat er auf der Bühne geantwortet: „die tote“. Die Leute haben gebrüllt vor Lachen. Hinterher hat er mir aber mit Tränen in den Augen erklärt: ‚Das war kein Witz. Sie war die Frau, die ich am meisten geliebt habe.‘“ Also typisch britischer Humor, Herr Niavarani? „Was uns Comedians generell eint, ist die Gabe, die Welt auf den Kopf zu stellen und die traurigsten Ereignisse so lange schütteln, bis eine Pointe herausfällt. Sich dabei über sich selbst lustig zu machen, ist etwas, das Engländer wahnsinnig gut können.“
Michael Niavarani ortet einen wesentlichen Unterschied zwischen österreichischem (oder auch deutschem) und britischem Humor in der Geschichte der beiden Kulturkreise: „Die Aufklärung im 18. Jahrhundert folgte einer gut gemeinten, aber leider falsch verstandenen Idee: Theater soll die Menschen glücklich machen. Leute wie Johann Christoph Gottsched und Gotthold Ephraim Lessing haben proklamiert, dass das Theater eine Heilanstalt der Seele sein muss. Das Derbe, das Ordinäre, das sich über sich selbst lustig machen, ist schmerzhaft und deshalb musste die Komödie aus dem Theater verbannt werden.“
Dabei erfüllt das Lachen eine essenzielle Aufgabe, sagt Michael Niavarani: „In dem Moment, in dem ich lache, haben andere Emotionen, etwa Trauer oder Depressionen, keinen Platz. Der Humor kann uns Angst nehmen, sogar die Angst vor dem Tod. Lachen befreit mich für einen Moment von allen negativen Gedanken. Und durch diese Befreiung entsteht eine Distanz, die mir helfen kann, mit meiner Angst, meiner Trauer besser umzugehen.“ Aus heutiger Sicht war das ein nachhaltiger Irrtum der Aufklärer, sagt Michael Niavarani: „Sie haben aber nicht begriffen, dass eine hehre Tragödie Menschen nicht so gut heilen kann wie eine dumme Komödie.“
In England hat es diese – für Michael Niavarani „fehlgeleitete“ – Entwicklung nicht gegeben: „Im Gegenteil, englische Aufklärer wie David Hume haben selbst über den Humor geschrieben. Und sie haben nie diese Trennung von ernsthafter Hochkultur und Unterhaltung vollzogen. Deshalb wird Humor in der britischen Gesellschaft, anders als bei uns, nicht als minder angesehen.“
Britischer Humor ist längst ein Exportschlager geworden. Nicht zuletzt dank oben genannten TV-Serie „The Office“, die Ricky Gervais 2001 als Mockumentary bewusst lebensnah inszeniert hat. Mittlerweile gibt es dazu rund ein Dutzend Adaptionen weltweit, von Griechenland bis Chile, von Deutschland („Stromberg“) bis Kanada. Am erfolgreichsten war die amerikanische Version mit Steve Carell in der Hauptrolle des sich maßlos überschätzenden Chefs (den im Original Ricky Gervais selbst spielt) und John Krasinski, der 2024 zum „Sexiest Man Alive“ gekürt wurde, als gelangweilten, aber umso frecheren Mitarbeiter.
Die feinen Unterschiede zwischen dem britischen Original und dem US-Ableger sagen viel über das jeweilige Humorverständnis, schreibt Ricky Gervais in dem bereits angesprochenen Gastkommentar des Time Magazines: „Die Briten sympathisieren lieber mit den Verlierern. Wir umarmen den Underdog – bis er nicht mehr der Underdog ist. Und wir mögen es, Autoritäten ein oder zwei Stufen herunterzuholen. Einfach so, aus Spaß an der Freude.“ Der britische Lebensentwurf verwendet den Humor, speziell den Sarkasmus aber auch, um das Leben leichter zu ertragen: „Wir vermeiden Aufrichtigkeit, bis sie absolut notwendig ist. Und wir machen uns gnadenlos über andere Menschen lustig. Über die, die wir mögen genauso wie über jene, die wir nicht mögen.“ Aber, erklärt Ricky Gervais: „Das gilt natürlich genauso für uns selbst. Unsere Unverfrorenheit ist mit der gleichen Portion Selbstironie verbunden wie unsere Prahlerei. Unsere Selbstironie gibt uns die Lizenz zum Austeilen.“ Und dem Publikum die Lizenz zum Lachen.