Bild: Cartismandua
Früher, als ich in grauen Vorzeiten meiner journalistischen Laufbahn noch bei diversen Online-Magazinen im Austausch gegen lediglich Konzertkarten und Promo-CDs über allerlei Krachgeschichten von Autopsy bis Zyklon geschrieben habe, habe ich mich, wenn es auf einem Album besonders wild zur Sache ging, gern um folgenden Vergleich bemüht: "Das Album pflügt dermaßen durch die Botanik, dass hierauf kein Gänseblümchen mehr steht."
Nun ruft dieser Vergleich zwar ein ähnlich knalliges Bild hervor, wie die Zeichnungen von Albert Uderzo, wenn er seinen Obelix durch eine Legion pflügen lässt, dass er aus einer jugendlich-ungestümen und deswegen etwas infantilen Feder stammt, ist aber ebenso offensichtlich - und trotzdem will ich mich nach einigen Jahrzehnten wieder um diesen Spruch bemühen, denn: Am 9. und 10. August debütiert (bzw. debütiert, nach dem Erstversuch 2019 mit u. a. HateSphere, erneut) im burgenländischen Wiesen (wo - ältere Semester erinnern sich - früher tatsächlich ein Haufen geiler Konzerte von Jazz bis Heavy Metal abgehalten wurden!) das Metal Fields Festival und wird, angesichts des Line-Ups, wohl dermaßen durch die Botanik pflügen, dass hierauf zumindest im nahen Umfeld keine Erdbeeren mehr von ihren Blattstielen baumeln.
Zugegeben, mit dem Kaltenbach Open Air, dass zu Monatsende August am Semmering mit einem äußerst starken Billing überzeugen kann, hat man einen starken und zudem bereits etablierten Mitbewerb quasi ums Eck, und auch das mit dem Metal Fields zeitgleich stattfindende tschechische Brutal Assault Festival - ebenfalls seit Jahren ein Mekka für zahlreiche österreichische Metaller - steht wohl in direkter Konkurrenz zu den zwei härtesten Tagen, die man am Fuße des Rosaliengebirges seit wohl grob 15 Jahren (dem letzten Two Days a Week Festival) erlebt hat, aber: Gerade, dass man am Metal Fields - neben Misery Index (die bekanntlich aus Dying Fetus erbrochen sind, um treffend einen anatomischen Vergleich zu bemühen) und der griechischen Legende Rotting Christ (immerhin die erste hellenische Black Metal-Band!) - auf eine wohlfeil kuratierte Präsentation des heimischen Metals setzt, verdient, dass der potentielle Besucher mehr als nur einen Lauscher spitzt. Immerhin hat österreichischer Metal nicht mit dem heiligen Quartett Pungent Stench, Disharmonic Orchestra, Disastrous Murmur und Belphegor Anfang der Neunziger aufgehört zu existieren, sondern hat auch danach noch einige würdige Prügelknaben geboren. Wobei: Auch Belphegor (Titelfoto) findet man im Line-Up vom Metal Fields und wer die nekrodämonische Pestapokalypse der Salzburger kennt, weiß, dass hier der zottelige Ziegenbock nicht mit blödem Geschau blökend lediglich auf der Wiese lässig herumsteht, sondern mit allerlei Succubi im Flammenmeer kopuliert und dabei aus seinem omnipotenten Stahlgemächt heraus den allmächtigen Deibel beschwört.
Um den Tod und den Teufel geht es zudem nicht nur beim steirischen Quartett Varulv, die zuletzt mit "Kerker, Todt und Teyfl" (2020) eine gleichermaßen famose wie grindige Reise ins Mittelalter, zu Ratten, Huren, Totengräbern und anderen Falotten unternommen haben, sondern auch beim wienerischen Geschwader Theotoxin, das auf seinem letzten Album "Fragment: Totenruhe" nicht nur mit "Frontschwein" Marduk gekonnt gecovert hat, sondern durchaus - in ihren wieselflinken Momenten - als der heimische Cousin dieser schwedischen Legende durchgehen könnte. Insbesondere Sänger Ragnar weiß, sich giftig keifend und grimmig geifernd in einen infernalischen Exzess hineinzusteigen, der insbesondere von Schlagzeuger Florian Musil immer wieder zu neuen Höhenflügen angepeitscht wird. Wenn Österreich ein Frontschwein hat, dann heißts wohl wahrlich Theotoxin, und die Totenruhe muss da noch ein bisserl warten.
Fieberträume, Melancholie, Selbsthass, Wut und Trauer - sprich: die großen Gefühle - sind hingegen bei Harakiri For The Sky ein Thema, und das mittlerweile weit über Österreich hinaus: Multiinstrumentalist Matthias Sollak und Sänger Michael Kogler haben mit ihren Instrumentalkaskaden, ihren kathartischen Elegien und ihrem dichten, aber trotzdem feingesponnenen Korsett, das irgendwo zwischen Post Black Metal und Alternative changiert, längst die Welt erobert und ihren Nihilismus von Kasachstan und Chile bis hin nach Mexiko und Kanada feilgeboten.
Schwarzmetallisch wird es schließlich auch bei Groza, die zwar genaugenommen aus Bayern kommen, dabei aber so nahe an der österreichischen Grenze beheimatet sind, dass ich sie ob ihrer musikalischen wie qualitativen Nähe zu etwa den Polen von MGLA oder den amerikanischen Uada gerne annektieren wollen würde - schaffen sie doch damit einen würdigen Brückenschlag zwischen der Introspektive von Harakiri For The Sky und der Exaltiertheit von Theotoxin.
Und auch Vinsta, das Projekt das Salzburger Multiinstrumentalisten Christian Höll, der u. a. auch dem Live-Line-up der nicht minder hervorragenden Perchta zugehörig ist, sei hervorzuheben, da er sich zwar ebenfalls eine schwarzmetallische, dabei aber interessante Nische erarbeitet hat, setzt er doch auch auf alpine Folk-Klänge, in denen der Dulcimer eine gewichtige Rolle spielt und in dem sogar mal gejodelt werden darf. Aber keine Sorge: Nach Hubert von Goisern klingen die malerischen Landschaften, die Höll in unglaublich dichter Atmosphäre erwachsen lässt, noch lange nicht - auch wenn in Hölls Worten die Herangehensweise eine Ähnliche ist. Jedenfalls hat Goethe geirrt, als er "über allen Gipfeln ist Ruh'" dichtete - doch sei ihm zugestanden, dass er vor der Transzendenz von Vinsta sein Dasein fristen musste.
Ein weiterer Multiinstrumentalist, nämlich Andreas Krempler aus Oberösterreich, steckt hinter Heidnir, der auf bereits zwei Alben - "Von nächtlichen Erinnerungen" (2019) und "Jenseits des Kosmos" (2022) - an eine melodischere Version von etwa Inquisition denken machte, dabei aber gekonnt die Atmosphäre finnischer Bands wie etwa Havukruunu oder Paara in sein Klanggewand einwebt und so beweist, dass Österreich auch heute noch internationales Format hat.
Abgerundet wird das Festival von den Wiener Heavy Rockern Dusk, der oberösterreichischen Alternative-Metalcore-Legende Cannonball Ride (die bereits auf einem der ehrwürdigen Wiesen Festivals, 2015 am Two Days a Week, spielten) und Pain Is, die dereinst - 2016 - gar Wacken bespielen durften, und das ist in Szenekreisen ja auch nicht nix!
Das Metal Fields Festival debütiert am 9. und 10. August in Wiesen, allerdings nicht auf der Hauptbühne sondern auf der zweiten in-door Bühne. Tickets dafür gibts bei oeticket.