Bild: Kane Ocean
Model/Actriz - nie gehört? Dann ist es höchste Eisenbahn: Die Band aus Brooklyn bewegt sich an der Schnittstelle von Noise, Industrial, Post-Punk und clubtauglicher Avantgarde – eine rohe, körperbetonte Mischung aus ekstatischem Chaos und düsterer Sinnlichkeit, als würde Lady Gaga für Nine Inch Nails singen. Wer sich bei folgenden Bands wiederfindet, sollte weiterlesen und genauer hinhören:
Es ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass ich zufällig in den Tiefen des Internets über Model/Actriz und ihr Debütalbum “Dogsbody” stolperte. Doch es war nicht nur die düstere Bedrohlichkeit dieser irgendwo zwischen Post-Punk und Industrial-Noise oszillierenden Musik, die mich fesselte – es war vor allem die queere Theatralik von Sänger Cole Haden. Mit expressivem Wahnsinn und fiebriger Intensität lud er das Album mit einer wahnwitzigen Spannung auf. “Dogsbody” klang wie eine Sexszene aus einem Slasher-Film, wie das Knirschen kollidierender Autos, wie von Körpersäften triefendes Verlangen – eine abscheuliche, alles verzehrende Plage. Ein Album wie ein Raubtier, entfesselt aus einer biblischen Apokalypse – eine pure sensorische Konfrontation, infernalisch und unerbittlich.
Diese Eindrücke wurden noch verstärkt, als ich Model/Actriz vergangenen August im Prager Bike Jesus live erleben durfte. Der Club war zum Bersten voll, der Schweiß tropfte nicht nur von der Decke, sondern rann in Strömen. Während das Publikum ekstatisch taumelte, steigerte sich die Band auf der Bühne in einen rauschhaften Exzess, drehte völlig am Rad. „Alles ist ein Puls“, verriet mir Bassist Aaron Shapiro vorab in einem lockeren Gespräch – und brachte damit ihre (im wahrsten Sinne) Potenz auf den Punkt. Vom ersten Ton an entfaltete sich ein kontrolliertes, präzises Dröhnen, während Haden wie ein ausgehungerter Panther über die Bühne streifte, in die Menge eindrang, Konfrontation suchte.
Haden sang nicht, er deklamierte – irgendwo zwischen leidenschaftlichem Stöhnen und den letzten, heiseren Atemzügen eines Sterbenden. Unerbittlich, furchtlos, melodramatisch – und vor allem: charismatisch. Model/Actriz live, das war eine sexpositive Party am Rand des Weltuntergangs, ein rauschendes Verlangen nach Gemeinschaft und Intimität, eine gewalttätige Ode an die explosive Freude des Moments.
Und nun stehen Model/Actriz mit ihrem zweiten Album “Pirouette” wie dereinst die Osmanen vor den Toren Wiens: Am 30. Juni verwandelt sich das Wiener Chelsea in einen brodelnden Schmelztiegel, wenn Haden mit der Eleganz irgendwo zwischen Grace Jones und Lady Gaga den musikalischen Presslufthammer dirigiert. Körperlichkeit steht auch auf “Pirouette” im Fokus – doch diesmal mit einem deutlichen Schwenk vom Noise-Punk hin zum Club-Pop, der die Katharsis des Tanzes in ihrer vollen Intensität herauskitzeln will. Wenn da die schneidende Dissonanz auf die Anmut einer Primaballerina trifft, dann erbricht plötzlich der Boden unter den Füßen – und entfacht ein atemberaubendes Gefühl schwebender Freiheit.