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My Ugly Clementine: der Kreis schließt sich in Erdberg

04.09.2024 von Robert Fröwein

Freche Schnauze, die Liebe zum hemdsärmeligen und doch botschaftsreichen Rock’n’Roll und sehr viel Liebe zu schrammeligen Gitarren – damit begeistern My Ugly Clementine seit mittlerweile fünf Jahren nicht nur ein österreichisches, sondern vor allem auch internationales Publikum. Mit dem im Sommer 2023 veröffentlichten Zweitwerk „The Good Life“ gelang Mira Lu Kovacs, Sophie Lindinger und Nastasja Ronck ein gleichermaßen leichtfüßiges wie inhaltsschweres Album, das ungezwungenen Spaß und feministisch-antipatriarchale Botschaften nicht zu Opponenten macht. Am 13. September schließen My Ugly Clementine den Albumzyklus mit einer großen Show am Open-Air-Gelände der Wiener Arena ab, bevor man sich auf eine kleine Pause begibt. Sängerin und Gitarristin Kovacs reflektiert im Gespräch die bisherige Karriere und gibt tiefere Einblicke in Sein und Wesen der Band.

Mira, am 13. September spielt ihr auf dem Open-Air-Gelände der Wiener Arena. Du hast schon viel gesehen und viel gespielt, aber das ist schon noch einmal etwas ganz Besonderes?

Absolut. Wenn ein Album ungefähr ein Jahr alt wird, kann man noch einmal so richtig krach machen, um den Zyklus abzuschließen. Es war schon die Absicht, dass wir das gemeinsam Geschaffene hier noch einmal zelebrieren. Es ist auch ein Ritter:innenschlag, wenn wir uns outdoor in die Arena wagen. Wir hatten ziemlich viel Angst, aber der Verkauf läuft jetzt schon gut. Wir spielen nicht 90 Minuten unsere Songs runter und gehen dann wieder. Wir versuchen, visuell als auch anhand der Gäste viel auf die Beine zu stellen. Hoffentlich klappt alles so, wie wir uns das vorstellen. Als Special Guests gibt es einige von „Austria’s Sweethearts“ und auch visuell probieren wir Neues. Wir machen aus der Bühne einen großen Spielplatz und werden uns austoben.

Habt ihr dahingehend Vorbilder, an denen ihr euch für eure eigene Show anlehnen möchtet?

Da könnte unsere Nasti mehr dazu erzählen, weil sie bei uns für die Bühne und die Visuals zuständig ist – ich sorge für die Gäste. Wir haben verschiedene Vorbilder und viele Bühnenbilder angeschaut, die uns gefallen. Es soll einen dramaturgisch guten Bogen geben und wir möchten uns optisch und musikalisch selbst mitreißen lassen von allen Leuten, die da mithelfen.

Der Abend soll also das im August 2023 veröffentlichte Album „The Good Life“ wirklich zyklisch abschließen?

Genau. Danach werden wir uns als Band eine kleine Pause gönnen, die aber keinen festgelegten Endpunkt hat. In der Branche ist das schwierig und eigentlich kann man es sich nicht leisten, aber wir werden es riskieren. Wir haben uns in den letzten fünf Jahren immer mehr verdeutlicht, dass Pausen wichtig sind. Wir gönnen sie uns auch nur, um wieder etwas anderes zu machen. Wir sind uns gleichermaßen ähnlich wie unterschiedlich und brauchen verschiedene Strukturen, damit es weitergehen kann. Das Konzert soll eine große neue Feier werden, um für My Ugly Clementine dann einen Winterschlaf einlegen zu können. Mental Health ist für uns alle ein großes Thema. Mir persönlich ist eine Balance im Alltag wichtiger als eine große Pause, aber da ticken wir alle anders und respektieren uns. In der Selbstständigkeit müssen wir eh alle schauen, dass wir eine gute Balance zwischen Geldverdienen für die Miete, Ausruhen und Kreativität finden.

My Ugly Clementine ist für euch alle das lustigste und ungezwungenste Projekt – hat es jetzt aber so eine Größe erreicht, dass es gar nicht mehr so ungezwungen ist?

Wir haben es alle extrem lustig. Die Band wurde eine interessante Mischung aus Spaßprojekt und Ernsthaftigkeit. Persönlich muss ich sagen, dass es für mich möglich ist, die richtige Balance zu halten, aber es ist immer herausfordernd. Wir müssen auch akzeptieren, dass wir Dinge nicht machen, weil es manchmal mehr Urlaub und Ruhe braucht, auch wenn das geschäftlich nicht immer die beste Entscheidung ist. Wenn zwei gut können und eine nicht, ist das manchmal schwer zu akzeptieren, aber es müssen alle drei von uns mit Entscheidungen okay sein. Wir reden aktiv über unsere Gefühle, was ein wichtiges Rezept ist, um langfristig zu existieren. Es ist ein bisschen ein Wunder, eine Band zu haben, die länger als ein Jahr existiert. Man muss sich sehr krass austauschen und braucht ähnliche Visionen für eine Zukunft.

Ist diese Art von Basisdemokratie die beste Form, um eine Band zu haben und mit ihr zu leben?

Jetzt wo du es sagst, würde ich sagen: für mich schon. Es wurde nicht von Grund auf so angestoßen, wie wir sein wollen, aber in der Band haben wir untereinander immense Schritte gemacht. Wir gehen gemeinsam gerne in Supervision, was auch für andere Arbeitsgruppen oder größere Firmen ein professionelles Tool ist, um gut miteinander zu arbeiten. Wenn man gemeinsam was Großes auf die Beine stellen will, ist das unerlässlich. Das gibt uns aber auch sehr viel Kraft und dann trauen wir uns auch mal nein zu sagen. Wir alle haben unterschiedliche Kapazitäten und alles ist immer ein Prozess und manchmal muss man alleine weiterschreiben oder Dinge auslagern.

Auch eure Crew wird immer größer. Je größer eine Band wird, umso mehr muss man sich selbst von Arbeiten trennen und weiterdelegieren. Fällt euch das leicht?

Ich finde es immer toll, wenn ich anderen Verantwortung übergeben kann, aber das sind Personen, denen ich wahrhaftig vertraue. Am Ende ist es eine Kollaboration, aber das Ergebnis hängt von der Identität der Musik und der Bühne ab. Wir vertrauen Licht- und Soundtechnikern sehr und es herrscht ständig ein Miteinander. Wir werden immer mehr und es wird immer herausfordernder, Dinge zu kommunizieren. Wir haben fünf oder sechs Telegram-Gruppen, aber wir drei Musikerinnen sind überall drin, weil wir immer entscheiden müssen. Die Kommunikation ist ein großer Aufwand, aber ich fühle mich noch ganz gut damit. Manchmal schalte ich eine Gruppe eine Woche lang stumm und bin nicht erreichbar – das ist auch möglich, wenn wir nicht gerade ein Album veröffentlichen. Das größte Mantra als Band ist: Wenn jemand aus physischen oder psychischen Gründen nicht kann, wird es nicht gemacht.

Hat sich die Bedeutung von My Ugly Clementine über die fünf Jahre ihres Bestehens für dich verändert?

Wir werden immer klarer, was wir sagen wollen und wie wir es sagen wollen. Wir wollen sehr deutlich sein, das ist uns besonders wichtig. Mein Lieblingslied ist „No“ und manche würden sagen, es ist aggressiv. Für mich ist es einfach klipp und klar. Es ist ein ruhiger Song, der aber klar Grenzen zieht, außerdem finde ich es durchaus angemessen, manchmal lauter zu sein, wenn es angemessen ist. Wir sind liebevoll, klar, aggro oder ruhiger – manchmal auch alles gleichzeitig. Das klingt verwirrend, aber all diese Dinge will ich transportieren. Das ist gesund.

Kannst du deine persönliche Emotionswelt bei My Ugly Clementine am Kompaktesten rauslassen?

Sie deckt nicht unsere gesamte emotionale Welt ab, bei keiner von uns, aber das ist auch in Ordnung. Die Band bildet einen Teil unserer Lebensrealität stark ab. Es geht nicht nur darum, was auf der Bühne passiert, sondern auch im Bus und backstage. Es ist noch so viel in der Zukunft, was noch kommen wird. Wir werden noch viel aggressivere, aber auch langsamere Songs schreiben. Ich weiß nicht, was alles ist und deshalb kann die Band wohl nicht alles abdecken. Bei 5KHD wird etwa eine gewisse Form von Virtuosität in mir gesättigt, die mir bei den Clementines fehlt. Es ist aber so unterschiedlich, wie wenn ich am Attersee, in Italien oder in Polen Urlaub mache. Alle drei erfüllen mich aber und ich brauche sie.

Ist bei My Ugly Clementine die Freundschaft und Gemeinschaft von euch dreien mehr Grundlage als die Musik selbst?

Mittlerweile ist die Freundinnnenschaft zwischen uns dreien gigantisch und urschön. Sie ist eine ganz eigene Erfahrung. Ich will nicht das eine gegen das andere aufspielen, aber die Freundinnenschaft ist stark hervorzuheben. So etwas hatte ich auf die Art noch nie.

Werden eure Gäste in der Arena auch aus Freunden und Menschen bestehen, die eure Werte und Gedanken teilen?

Das kann ich nicht sagen (lacht). Die Gäste sind aber nicht ausschließlich weiblich. Ich mag unsere Gäste privat gerne, aber es sind viele, die wir bewundern und die wir toll finden. Hoffentlich bilden sich da noch mehr Freund:innenschaften aus diesem Abend. Ich fische gerne außerhalb meiner Freundschaften. Ich gehe selten selbst auf Konzerte, war heuer aber in Berlin um Adrienne Lenker und in Zürich Beth Gibbons zu sehen. Das sind nicht nur grandiose Künstlerinnen, sondern wundervolle Menschen.

Wanda begründen gerade die Tradition, alle Zeiten zu Weihnachten in der Stadthalle aufzutreten. Wie wäre es mit einem jährlichen Wiedersehen von My Ugly Clementine in der Arena Open Air?

Das könnte ich mir grundsätzlich schon vorstellen, aber diese Regelmäßigkeit habe ich schon mit Clemens Wenger mit den „Sad Songs To Cry To“. Auch dort tatsächlich zu Weihnachten und zwar solange, bis wir nicht mehr wollen. Mit den Clementines könnten wir das Roots-Picknick in New York machen. Oder was kuratieren und vielleicht ein bisschen selbst mitspielen – das könnte ich mir auch gut vorstellen. Vielleicht machen wir sowas mal alle zwei Jahre, das wäre leichter. Jetzt bringen wir noch ein oder zwei Alben raus und dann reden wir nochmal drüber.

Ein gutes Stichwort. Arbeitet ihr schon an neuen Songs oder passiert alles, was neu ist, dann erst nach der angekündigten Pause von My Ugly Clementine?

Wir lassen gerade sehr viel auf uns zukommen und steuern stark gegen Erwartungen und industriellen Druck entgegen. Es kann auch sein, dass wir im März 2025 oder wann auch immer eine Single rausbringen, aber geplant ist nichts. Es gibt tatsächlich schon einen neuen Ordner mit ganz vielen Ideen und Songs, aber das ist total zwanglos. Dieser Mindset ist für uns gerade sehr wichtig. Ich hoffe, wir können es unserem Publikum zutrauen, dass es auch erst in zwei, drei Jahren wieder aufspringt, wenn wir dazwischen Zeit für anderes brauchen. Das ist eine sehr spekulierte Zeitangabe, aber ein Album ist frühestens in zwei Jahren realistisch. Ich brauche von meinen Lieblingskünstlern auch nicht alle drei Jahre ein neues Album und kann ewig lange dasselbe hören. Ich kann auch gar nicht so viel Musik hören, weil ich schnell sehr voll bin, aber wenn mir etwas gefällt, dann höre ich das jahrelang. Früher mit 14 hatte ich viele Mixtapes mit unterschiedlichsten Songs. Da gab es Manu Chao, Everlast und auch OutKast – ganz bunt gemischt.

Jetzt kommt aber einmal die große Arena-Show, die sicher üppig ausfallen wird.

Durch den strengen Curfew können wir nur bis 22 Uhr spielen, aber wir fangen dafür schon sehr früh an. Der erste Support startet gegen 18 Uhr und wir gegen 20.30 Uhr und werden so lange spielen, wie es uns möglich ist. Wir möchten den Veranstalterinnen keinesfalls ein Haxl stellen, indem wir irgendwas überziehen. Wir sitzen doch alle im selben Boot.

Vorerst einmal die allerallerallerletzte Chance, die fantastischen My Ugly Clementine live zu sehen und zu hören - und zwar am 13. September Open-Air in der Arena. Die angekündigten Gäste bleiben bis kurz davor eine Überraschung. Tickets gibt es bei oeticket.

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