Bild: HBO
Neil Young hat einmal gesagt: "It's better to burn out than to fade away", und genau das haben sich die Macher von "The Idol" mit Superstar The Weeknd und Johnny-Depp-Tochter Lily-Rose in den Hauptrollen wohl zu Herzen genommen - glücklicherweise, möchte man fast ätzen. Denn: Kritiker und Publikum gleichermaßen haben mit dem überdeutlich negativen Feedback wohl dafür gesorgt, dass die Serie nun nach einer Staffel abgesetzt wird. Schade eigentlich.
Denn: "The Idol" war eine der provokantesten, dabei aber zeitgemäßesten Serien von HBO, erzählt sie doch die Geschichte vom aufstrebenden Popstar Jocelyn (Lily-Rose Depp), die in die Fänge des - beinahe braucht es das Adjektiv gar nicht - toxischen Sektenführers Tedros (Abel "The Weeknd" Tesfaye) gerät. Dass einer der Macher hinter der Serie zudem Sam Levinson war, der mit "Euphoria" mit Zendaya in der Hauptrolle eine der besten und intensivsten Serien der letzten Jahre vorgelegt hat, war neben der Idee selbst eigentlich Garant für einen durchschlagenden Erfolg. Doch es sollte anders kommen, fingen die Probleme bereits vor der Ausstrahlung - und somit vor den Urteilen des Publikums - an: Es wurde von Dysfunktionen und Übergriffen hinter den Kulissen berichtet, sodass schließlich Indie-Autorin Amy Seimetz den Regiesessel verließ und eben Levinson die Aufgabe bekam, den Erzählstrang "zu überarbeiten".
Und hier sind wir beim großen Problem der Serie: Es dauert keine 5 Minuten, bis die Augen des Zuschauers auf die nackten Brüste von Lily-Rose Depp gelenkt werden und wohl kaum mehr als 30, bis The Weeknd seine Finger in ihr versenkt. Dagegen ist im Grunde, für ein aufgeschlossenes und mündiges Publikum, wenig einzuwenden - doch wenn eine Serie von Sexszene zu Sexszene hechelt, dann greift man für diese Zwecke dann doch lieber auf eine der zahlreichen einschlägigen Plattformen zurück.
Zugegeben, in den ersten 10 Minuten der ersten Folge sieht es noch so aus, als hätte aus "The Idol" die beste Show des Sommers, wenn nicht sogar des Jahres werden können: Wir befinden uns auf einem Anwesen in Los Angeles, der junge und gebeutelte Popstar Jocelyn wird dort fotografiert - es soll das Cover ihres neuen Albums entstehen. Zwischen allerlei Anweisungen von "Lachen!" über "Unschuld!" und "Trauer!" bis hin zu (man errät es) "Sex!" knipst die Kamera in ihr Gesicht, dann zoomt die Kamera raus, unter Jocelyns Kopf kommt ihr Körper ins Bild, kaum verhüllt durch einen Morgenmantel. Die vermeintliche Intimität des Moments verwandelt sich in Geschäftigkeit, Menschen texten und telefonieren um die Musikerin herum, es schnattern ein Stylist, ihre Assistentin und - immerhin - ein Intimitätskoordinator, dem allerdings rasch das Maul gestopft wird. Da passiert "Hollywood" live, es gibt wenig Substanzielles, aber viele vibes - und trotz der marktschreierisch in den Fokus gerückten Brüste denkt man hier noch an eine gut und ehrlich gemachte Satire über das moderne Showbiz, ähnlich wie dereinst "Entourage" (das erst zu einem späteren Zeitpunkt mit Ex-Pornostar Sasha Grey den Sex überhand nehmen ließ).
Auch, als in die Erzählung ein auf Twitter (da gab es die Umbenennung zu X noch nicht) geleaktes Foto von Jocelyn kracht, in der sie - unumschrieben - "Wichse im Gesicht hat", ist man noch dabei. Es ist zwar unschön, aber neben Tanzen, Drogen, Musizieren, Autogramme schreiben und sich vor Paparazzi zu verstecken gehört auch zum täglichen Brot eines Popstars, mit Bildern konfrontiert zu werden, die weder dem Image, noch dem eigenen Seelenwohl (das ohnehin zerüttet ist) dienlich sind. Doch ab da an rutscht die als kritische Satire intendierte Serie ins Genre der Seifenoper ab - die Handlung ist flach, die Dialoge dümmlich und die einzelnen Charakter verpassen, eine Tiefe zu entwickeln. Und das, obwohl auch und gerade Nebenrollen wie die des Live Nation-Egomanen Andrew Finkelstein (Eli Roth) oder auch die des Creative Directors Xander (Troye Sivan, der mit "Rush" die queere Community hinter sich versammelt) Potential dazu gehabt hätten. Es liegt wohl insbesondere daran, dass sich The Weeknd an der "weiblichen Perspektive" von Seimetz' Regie gestört habe - das kann man natürlich vielschichtig interpretieren. "Weibliche Perspektive" muss aber nicht zwangsweise weichgespülten, romantisch verklärten Inhalt oder gar erhobene Zeigefinger bedeuten - sondern kann auch einfach bedeuten: Wir hetzen nicht von einer Sexszene zur nächsten, sondern platzieren zwischendrin auch eine vielschichtige, tiefgründige Erzählung. Das war The Weeknd, mit einem Schielen auf Lily-Rose Depp, wohl zu wenig und Levinson bekam den Auftrag, fast alles bereits abgedrehte zu kübeln, während einer vierwöchigen Drehpause das komplette Buch umzuschreiben und nahezu vollständig neu zu inszenieren. Rollen wurden verkleinert oder ganz gestrichen, tragende Handlungsstränge spontan verworfen oder flapsig hinzugefügt - siehe dazu ein Artikel aus dem amerikanischen Rolling Stone. Was zuvor eine ambivalente Geschichte über Machtstrukturen und -missbrauch gewesen sein soll, habe sich laut einer nicht näher genannten Quelle in einen "Folterporno", eine "männliche Vergewaltigungsfantasie" verwandelt.
Wenngleich auch Levinsons andere Serie - "Euphoria" - im Zuge der zweiten Staffel mit Voyerismus-Vorwürfen konfrontiert war, so erzählt er dort doch berührend und empathisch. Hier, bei "The Idol", fehlt ihm jedoch jedwede Sensibilität, die den maßgeblichen Handlungsstrang der Serie auszeichnet. Es wirkt, als wäre er bei "The Idol" - von The Weeknd? - angehalten worden, sich auf Nackt-, Sex- und Gewaltszenen allein zu fokussieren, selbst die Formulierung eines male gaze wäre da im Grunde sogar noch untertrieben. Fun Fact: The Weeknd hat auch schon in der Verfilmung von „50 Shades of Grey“ mitgewirkt. Vielleicht ist er da auf den Geschmack gekommen? Jocelyns Assistentin bezeichnet Tedros - also The Weeknd - in der Geschichte einmal als "rapey", attestiert ihm also die Aura eines Vergewaltigers. "Gerade das mag ich irgendwie an ihm", sagt Jocelyn dann. Allein aus dieser, ihrer Geschichte geschuldeten Fragilität, hätte man dann im Kinderspiel mehr machen können, als einen Softporno wie diesen - denn: nicht einmal edgy oder mutig ist er, wenn "The Idol" (im Gegensatz zu einem Softporno) doch immerhin Subersivität heuchelt.
Insofern: Schade, aber gut, dass "The Idol" abgesetzt wurde. Schauen wir, was Levinson aus Staffel 3 von "Euphoria" macht - zumal uns hier ein "Film Noir" versprochen wurde. Und schauen wir, ob von Lily-Rose Depp (die übrigens mit Rapperin 070 Shake aka Danielle Balbuena neuerdings ein überaus süßes Paar abgibt) in Robert Eggers "Nosferatu" mehr als nur ein resting bitchface erfordert wird. The Weeknd arbeitet derweil an der Fortsetzung seines 2022 erschienenen und hochgelobten Albums "Dawn FM".
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