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Naked Lunch: Liebe, Tod und ein Saxofon

23.10.2025 von Sebastian Fasthuber

Die österreichische Band Naked Lunch, benannt nach einem Roman von William S. Burroughs, ist zurück. Nach einer ausgedehnten Schaffenspause - das letzte Studioalbum “All Is Fever” datiert aus dem Jahr 2013 - hat Sänger und Songschreiber Oliver Welter in langer Arbeit noch einmal ein großes Opus geschaffen.

Auf dem neuen Album “Lights (And A Slight Taste Of Death)” bringt Oliver Welter nach einer langen Pause, sowie Neu- und Umbesetzungen innerhalb der Band in 14 Songs scheinbare Gegensätze aufs Schönste zusammen: Liebe und Tod, Lebenslust und Traurigkeit, Euphorie und Melancholie. Das Album erscheint am 7. November, die Tour folgt zu Jahresanfang.

Im Zentrum von Naked Lunch stand lange Zeit das Zweiergespann Oliver Welter und Herwig “Fuzzman” Zamernik. Wie kam es, dass du der Band nun allein vorstehst?

Das Wegbrechen von Herwig war sein freiwilliger Entscheid. Eine persönliche Sache, die mit uns beiden zu tun hat und deswegen auch eine eher private Geschichte ist. Wir verstehen uns mittlerweile wieder wahnsinnig gut.

Die Veröffentlichungspause war extrem lang. Wusstest du immer, dass eines Tages wieder ein Album erscheinen würde?

Nein. Ich habe diese Band gegründet und es liegt an mir, noch Alben zu machen oder nicht. Ein Naked-Lunch-Album ist jedes Mal ein langwieriger Prozess, ein großer Kraftaufwand. Ich war mir nicht sicher, ob ich das nochmal machen will. Ab einem gewissen Punkt habe ich mir auch die Frage gestellt, ob es überhaupt noch Menschen gibt, die interessiert, was ich tue.

Ist das nicht ein wenig kokett?

Null, ehrlich. Ich habe viele Jahre des Rückzugs gehabt, aus persönlichen Gründen, wo ich nicht so viel unterwegs war und daher auch nicht auf Resonanz gestoßen bin. Dann bin ich wieder mehr unter Menschen gegangen. Oft wurde ich, mit einem gewissen Selbstverständnis, gefragt: Wann kommt denn das neue Album? Das war interessant. Die Frage war nie, ob es uns noch gibt oder wie es gerade läuft. Sondern einfach: Wann kommt das nächste Album? Das habe ich sehr erstaunlich gefunden - und auch ein bisschen als Auftrag verstanden. Es hat den letzten Motivationsschub gegeben.

Wann hat die Arbeit an der Platte begonnen?

2017.

2017? Wow.

Ich habe ja gesagt: Es ist ein Kraftakt.

Aber was dauert so lang?

Der lange Weg ist darin begründet, dass ich fast schon sektiererisch mit meinem eigenen Tun umgehe. Das ist leider ein bisschen ungesund. Ich bin unfassbar streng mit mir selber. Auf meinem Handy habe ich 5.000 Songskizzen. Menschen, die mir nahestehen, sagen, dass ich damit zehn Alben oder mehr machen kann. Ich empfinde viele dieser Ideen oder auch schon vorproduzierten Lieder aber nicht wert, sie weiterzutreiben. Das heißt nicht, dass auf dem neuen Album die besten Lieder drauf sind, die ich jemals geschrieben habe, sondern einfach nur meine Auswahl.

Es ist kein Album aus einem Guss oder mit einem bestimmten Sound. Im Gegenteil: Ich würde es als wilden Ritt bezeichnen. Was war die Idee?

Was Format und Instrumentation betrifft, sind die Songs tatsächlich komplett unterschiedlich. Es gibt lange Lieder und vier Miniaturen, die sehr persönlich sind. Ich habe diese kurzen Stücke mit simplen Mitteln zu Hause aufgenommen und sie sind jetzt auch mehr oder weniger so auf der Platte drauf. Diesen Gegenpol hat es für mich gebraucht. Die anderen Lieder neigen sehr zur Opulenz und zum Ausufern. Mir ist bewusst, dass das Album einiges von den Hörern fordert. Es ist ein großes Konvolut an verschiedenen Liedern, die in alle möglichen Richtungen strömen, mit unterschiedlichen Temperaturen. Am Schluss fügt sich das hoffentlich zu einem größeren Ganzen zusammen.

Definitiv ist das keine Musik, die sich dem Streaming-Zeitgeist und Formatdenken unterwirft. An einer Stelle erklingt sogar ein irres Saxofon-Solo. Ich habe mir beim Anhören der Platte als Stichworte notiert: "Liebe, Tod und ein Free-Jazz-Saxofon."

Das finde ich sehr gut. Kann das bitte auf meinem Grabstein stehen? Ich wollte es diesmal radikal. Wir haben bei Naked Lunch aus Prinzip immer auf Soli verzichtet. “If This Is The Last Song You Can Hear” ist so ein arges Lied. Es hat nach etwas verlangt, dass es bei uns noch nie gegeben hat. Also musste ein Solo her. Aber die Premiere sollte kein deppertes Gitarren-Solo sein, sondern ein fucking Free-Jazz-Solo. Ich habe eine riesengroße Freude damit.

Hast du dich generell von der Rockmusik etwas entfernt oder entfremdet? Während der Bandpause hast du mit der Pianistin Clara Frühstück eine Interpretation von Schuberts "Winterreise" aufgenommen.

Ich glaube, Rock'n'Roll can never die. Ein ganz guter Musiker und auch Mensch - Neil Young - hat das vor vielen Jahren gesagt. Als Naked Lunch waren wir eh nie wirkliche Rocker, das war immer gebrochen. Ich könnte nie breitbeinig dastehen und die Gitarre ganz weit unten hängen haben wie Queens of the Stone Age, dabei habe ich mich nie wohlgefühlt. Als Fan kann ich das Konzept Rockband ab und zu goutieren. Aber schön schaut das meistens nicht aus. Und Rock impliziert für mich auch Schlechtes wie Misogynie oder Homophobie. Wenn du dich wie ich dem Kunstlied annäherst oder mit Krach arbeitest, entgehst du dem vielleicht.

Ich habe Liebe und Tod schon erwähnt. In deinen Songs geht es fast immer um große Gefühle und existenzielle Dinge. Wie kommt das?

Ich gehe nicht hin und sage, ich möchte das größte Lied aller Zeiten schreiben mit den bedeutendsten und spannendsten Inhalten. Ich kann das nicht steuern, es wird einfach immer so. Thomas Bernhard hat einmal über seine Bücher gesagt, man muss den Weg einer Figur bis zum Gartentor nicht beschreiben. Das kennt eh jeder. Ich sehe das ähnlich. Mich interessiert das Individuum - in dem Fall: ich - in Relation, Korrelation und Austausch mit der Umwelt und Welt. Es geht um den Menschen an sich und diese Möglichkeit oder Unmöglichkeit, in einem größeren Ganzen zu bestehen.

Bist du im Grunde deines Herzens ein Romantiker?

Mir wird oft das Gegenteil attestiert, aber ich würde es so sehen. Hoffnungslos romantisch. Ich bin nicht nah am Wasser gebaut, sondern unterm Wasserfall. Ich weine sogar bei der Signation der “Teletubbies”. Manchmal geniere ich mich dafür, aber ich kann nichts dagegen machen. Auf der anderen Seite kann ich auch eine irrsinnige Euphorie und Freude an etwas haben.

Einer der schönsten Songs ist “We Could Be Beautiful”. Was ist für dich schön?

Der Titel steht bewusst im Konjunktiv. Wir könnten etwas behutsamer mit diesem Planeten und mit uns selber umgehen. Dann könnten wir Menschen wahnsinnig schön sein. So sind wir einfach nur ein Schiss im Wald. In Wahrheit müssten wir natürlich sehr viel ändern. Aber ich sehe die Chance dazu. Wenn ich nicht ein bisschen daran glauben würde, könnte ich mich auch draußen zum Sterben hinsetzen.


Live-Termine


Naked Lunch - "To All And Everyone I Love"

22. Jänner 2026 | Wien, Arena
23. Jänner 2026 | Graz, ppc
31. Jänner 2026 | Salzburg, ARGEkultur
22. Mai 2026 | Klagenfurt, Burghof (im Rahmen vom Klagenfurt Festival)


Infos auf dem Stand vom 23.10.2025  

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