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Made in Austria

Oehl nuschelt über die Liebe

12.03.2025 von Sebastian Fasthuber

Der in Wien lebende Salzburger Oehl ist ein Popkünstler, der große Fragen des Lebens in eingängige Songs verpackt. Auf seinem letzten Werk „Keine Blumen“ verarbeitete er Todesfälle, Krankheiten und Abschiede und spendete musikalisch Trost. Nun widmet er sich auf dem neuen Album „Lieben wir“ dem ewigen Thema Liebe. Wir sprachen mit Ariel Oehl über Selbstliebe, Vaterliebe, romantische Liebe, KI-Musik und Austropop.

„Lieben wir“ ist ein Konzeptalbum über die Liebe in all ihren Facetten. Bist du der ultimativen Antwort auf die Frage aus dem Eurodance-Song denn nähergekommen? Also: “What is love?”

Ich glaube, ich bin der Antwort zumindest ein bisschen nähergekommen. Aber nur auf einer persönlichen Ebene. Leider habe ich keine guten Ratschläge für alle. Liebe ist so ein vielschichtiges Thema. Ich habe bei Oehl zuvor viel Politisches gemacht. Die EP „100% Hoffnung“ hat sich ganz um Kritik am Kapitalismus und an der Arbeitswelt gedreht. Am letzten Album ging es auch stark um den Abschied von Privilegien. Ich hatte das Gefühl, es braucht jetzt aus künstlerischer Sicht etwas Verbindendes.

Also Liebeslieder?

Ja, aber ich verstehe sie auch in ihrer politischen Dimension. Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft mutig genug sind, um gegen Tyrannen antreten und aufstehen zu können. Denn davon gibt es genug auf dieser Welt. In der eigenen Community hingegen sollten wir auch gnädig sein und nicht immer gleich verurteilen. Dazu gehört für mich eine Portion Selbstliebe.

Von Selbstliebe war in den letzten Jahren oft die Rede. Wie sieht es da bei dir aus?

Selbstliebe ist etwas, das man ständig üben muss. Es ist leichter, wenn man geliebt wird, auch andere Menschen zu lieben. Finde ich zumindest. Das Thema Selbstliebe begleitet uns gerade sehr stark, besonders in der Kunst. Viele Artists sprechen über ihre Depressionen. Ich will aber niemand etwas vorsudern. Spannender finde ich die Frage: Was macht uns glücklich? Oder: Wie kommen wir mit uns selber klar, damit wir fröhlich und offen in die Welt gehen können? Davon handelt der Song „Nett hier, aber waren Sie schonmal in Therapie?“.

Wenn man Liebe hört, denkt man fast automatisch an die romantische Liebe und an eine Paarbeziehung. Du auch?

Die Ehe als Zweckgemeinschaft gibt es schon sehr lang. Und das Bild von der Kernfamilie wurde fast ebenso lang nicht hinterfragt. Dann kamen Kommunen und die freie Liebe. Ich wurde 1988 geboren und bin vermeintlich frei von diesem Konstrukt der romantischen Liebe. Tatsächlich stehen wir aber immer noch bei dem Bild von der einen Person, mit der man immer zusammen sein will. Gerade wenn man Kinder und dadurch Verantwortung hat, braucht es halt feste Strukturen. Stichwort: Sicherheitsbedürfnis.

Du bist Vater eine Sohnes. Dein Lied zur Vaterliebe heißt „I Love You“. Ist der Satz in Songs nicht längst verboten?

Absolut! Die Liebe zum Kind ist aber bedingungslos, darum habe ich mich getraut, das zu singen. Bei anderen Beziehungen vergeht die Liebe irgendwann vielleicht. Was soll ich zum Thema Vaterschaft sagen? Kinder bringen eine große Freude und auch Schwere. Ungeliebte Kinder können leicht zu Tyrannen werden. Wenn wir unsere Kinder nicht lieben, ist das gefährlich. Einige der mächtigsten Männer der Welt wurden als Kinder nicht genug geliebt.

Singst du das Wort „Liebe“ eigentlich oft auf der neuen Platte? Ich bin mir nicht sicher, weil du immer so nuschelst.

Das Wort „Liebe“ kommt in fast jedem Song vor. Aber ich nuschle es weg. Das ist generell der Trick. Wenn ich schon so große Wörter wie „Liebe“ oder „Hoffnung“ in den Mund nehme, muss ich nuscheln. Sonst wird es cringey.

Tobias Pötzelsberger beschreibt „Lieben wir“ im Pressetext als dein Gitarrenalbum. Ich habe das beim Hören gar nicht so stark wahrgenommen. Erzähl bitte mal über deine Sound-Ideen.

Das große Thema war für mich diesmal “echte Musik”. KI ist inzwischen ein so großes Ding, dass ich sie auf dem Album ganz bewusst umgangen habe. Ich habe viel Gitarre gespielt, Saxofon, Klavier und auch mit Streichern gearbeitet. Es gibt keine Samples. Das ist heute selten. Alles wurde selber aufgenommen. Es soll auch nicht perfekt klingen, auf Autotune auf der Stimme habe ich ebenfalls verzichtet.

Ist KI im Pop mittlerweile eine so große Sache?

Ich kann nur von meinem Bereich reden. Ich lebe nicht von Förderungen, sondern von meiner Musik und von Konzerten. In diesem Popbereich gibt es kaum noch Produktionen ganz ohne KI. Deshalb wollte ich nochmal alles akustisch machen, was geht. Wenn ich heute in den Baumarkt gehe, höre ich nur KI-Songs. Auch in Supermärkten ist das so, oder in der TV-Werbung. Es klingt wie echte Musik. Ich bin überzeugt, dass Musikmachen in Zukunft letztlich ein Hobby sein wird. Da wird es hinführen. Vielleicht mache ich in Zukunft auch KI-Musik, ich kann das nicht ausschließen.

Vielleicht klinge ich jetzt altmodisch, aber für mich ist das keine schöne Vorstellung.

Moralisch gesehen ja. Eine Definition von Kunst, die ich gern mag, lautet: “Kunst heißt, etwas zum ersten Mal zu machen oder zu denken.” Den Anspruch werde ich immer haben. Aber wenn ich pragmatisch denke, sieht es anders aus. Ich kann im Jahr als Artist zehn Songs schreiben und produzieren. Oder ich mache mit KI 50 oder 100 Songs und streue die so viel wie es nur geht. Dadurch habe ich mehr Chancen, gehört zu werden. Für etablierte Bands ist es etwas leichter, die dürfen auch mal für ein, zwei Jahre leiser treten. Junge Artists müssen ständig Content liefern. Der Konzeptkünstler Valentin Hansen veröffentlicht quasi minütlich neue Songs. Und die sind alle nicht schlecht. Das macht mir Angst.

Kann man KI-Tools denn auch kreativ einsetzen?

Mittlerweile kann ich mit verschiedenen Tools Musik machen, die wie nichts anderes klingt. Nehmen wir ein Beispiel: Ich lasse mir eine Mischung aus Keith Jarrett und Tame Impala anfertigen. Von 100 KI-Instrumentals in dem Stil nehme ich die 20 spannendsten. Und bastle damit weiter. Der Zeitaufwand ist minimal. Zum Vergleich: Wir haben uns für dieses Album zuerst ins Ferienhaus meines Onkels in Oberösterreich zurückgezogen und dort erst einmal zwei Woche nur gejammt. Da schreibe ich noch gar keine Songs. Man sammelt Instrumentals und Vibes. Danach kommen die Texte. Und dann verbinde ich das. Ich muss aber für zehn Instrumentals nicht zwei Wochen wegfahren und Essen für alle zahlen, sondern kann das auch KI-Tools machen lassen.

Kommen wir noch einmal zurück zur Platte. Das Lied „Willi“ finde ich sehr berührend. Singst du da über Willi Resetarits?

Jein. Der Willi im Song ist ein große Resetarits-Fan. Es geht um den klassischen Kettenraucher von der 7er-Stiegn. Nach seinem Tod wird ein Zigarettenautomat abgerissen, weil er sich nicht mehr rentiert. Es findet sich aber auch ein Ostbahn-Zitat im Song. Für mich hat Ostbahn-Kurti eine große Rolle gespielt. Meine ersten Konzerte waren 1996 die Backstreet Boys und 1997 Ostbahn-Kurti. Bei deutschsprachiger Musik habe immer eher Austropop als Deutschpop gehört.

Was ist das Schöne am Austropop?

Das Verbindende. Da gehen Akademiker wie mein Vater hin und die Leute aus dem Gemeindebau. Alle können sich darauf einigen. Das funktioniert durch die Sprache und den Schmäh, die uns vereinen. Die Musik von Ambros und Danzer macht was mit mir. Darum musste „Willi“ auch ein berührender Song werden.

Wünscht du dir auch, mit deiner Musik die Menschen zu verbinden? Wahrscheinlich müsstest du das Nuscheln dafür ein wenig abschwächen.

Glaube ich gar nicht. Das kriege ich oft als Feedback: „Ich finde deine Musik ganz klasse, aber bitte sing’ deutlicher!“ Für mich darf sich der Text aber nicht aufdrängen. Ein Song soll auch als Hintergrundmusik funktionieren oder ein Gefühl vermitteln. Italienische Musik fühlt man, auch wenn man die Texte nicht versteht. Das müsste doch bei deutschsprachiger auch möglich sein.


Live-Termine


Oehl - "Tour der guten Hoffnung"

26. März 2025 | Graz, ppc
27. März 2025 | Salzburg, Rockhouse
12. April 2025 | Dornbirn, Spielboden
23. April 2025 | Wien, Arena


Infos auf dem Stand vom 12.03.2025  

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