Bild: Charlotte Walker
The Young Gods sprengen mit ihrem Klangportfolio stilistische Genres. Dabei beeinflusst ihre künstlerische Radikalität bis heute die internationale Musikszene - darunter so Kaliber wie Faith No More und Nine Inch Nails. Ihre Brillanz beweisen sie auch mit ihrem neuen Album “Appear Disappear”, das kommendes Frühjahr in Wien auch live vorgestellt wird.
Wenn Fans oder Journalisten eine Band oder eine*n Künstler*in einen Legendenstatus attestieren, sie als “Pioniere”, “Kult” oder “Instanz” definieren, dann ist es immer Fluch und Segen gleichermaßen. Natürlich: Auf der einen Seite hat man es mit dieser Krönung in die höchsten Sphären der Musikgeschichte geschafft, auf der anderen Seite wird man stets mit Argusaugen beobachtet, jedes Abweichen vom Altbekannten kritisch beäugt und vielleicht sogar ein Stückweit unterstellt, man musiziere nur weiter, um sich diesen einst erworbenen Status ins Grab zu retten - ohne dabei noch sonders Mühen und Ideen in die Musik einzubringen.
Zumindest die letzte Krux kann man dem Schweizer Kollektiv The Young Gods nicht ankreiden: Alles begann 1985, Franz Treichler hatte keinen Bock mehr auf Gitarren und fing in seiner Wohnung gemeinsam mit seinem WG-Kollegen Cesare Pizzi an zu sampeln - dabei hatte Pizzi nicht einmal Bock auf eine Band, auf Songwriting und Proben. Aber bereits mit den ersten bahnbrechenden Alben, dem “The Young Gods”-Debüt 1987 und dem Nachfolger “T. V. Sky” von 1992 und den gesampelten Passagen, die bis heute ein breites Spektrum von Deep Purple und AC/DC über Sex Pistols und Iggy Pop bis Guns N'Roses (!) umfassen, entwickelten sie eine Sprengkraft, die die weltweite Musikszene erschütterte. Sogar David Bowie und Kurt Cobain outeten sich als Fans, Bands wie Nine Inch Nails und Faith No More nannten sie als ihre direkten Vorbilder: Kein Wunder, die Samples von The Young Gods wirken ausufernd dominant, durchs Zuschneiden und Modulieren werden die geliehenen Riffs und Gitarren gerade im Loop erschütternder als im Original.
Dabei geht diese Sprengkraft so weit, dass Guns N'Roses wiederum The Young Gods ebenfalls sampelten - und zwar auf “Chinese Democracy” in “Riad N' the Bedouins”. Und Deep Purple erwähnten The Young Gods sogar im Booklet der 1995er-Neuauflage von “In Rock”: Die Schweizer hatten sich für ihren Song “Gasoline Man” Deep Purples keifende Hammondorgel geliehen.
Doch die größte Brillanz von The Young Gods war es über die Jahre stets, nicht nur stets Qualität zu liefern, sondern mehr als nur zu überraschen gar Haken zu schlagen - dabei aber stets zwingend, intensiv zu bleiben, nicht unähnlich zu den großen Einstürzenden Neubauten, die den anfänglichen Lärm über die Jahrzehnte auch immer wieder geglättet und poliert haben.
In den Achtzigern setzten The Young Gods auf rhythmisch verschachtelte Samples aus ihren Lieblingsplatten zwischen Rock und Klassik; das wurde collagiert mit Versatzstücken aus Sprache und Maschinenlärm. Studio und Bühne wurden zum akustischen Labor. Was dabei herauskam, war keine konstruierte Performance, sondern rohe Energie. Klang, das wurde von Treichler als körperliches Erlebnis verstanden - als Verstörung, die einen in Bewegung bringt.
Später interpretierten sie Kurt-Weill-Songs, und als die Alternative-Rock-Welt dank ihnen in die kleine, malerische Schweiz blickte, schwebten sie plötzlich in Ambient-Sphären. Und dann, plötzlich, kam das einstündige Instrumentalstück “Terry Riley in C”. Und heute? Über das im Sommer erschienene Album “Appear Disapper” verrät der Pressetext, es wäre “back to the roots”. Aber so einfach ist es bei einem Kollektiv wie diesem natürlich nicht.
“Appear Disappear”, das verflixte dreizehnte Album, ist keine Neuauflage von “T. V. Sky” oder dem selbsbetitelten Debüt, das wäre zu banal und öde. Heute klingt die Band reifer, dabei aber nicht glatter. Das neue Album ist eine poetische Reflexion über Vergänglichkeit, Gegenwart und Verlust – musikalisch vielschichtig, inhaltlich tief. Dabei haben die zehn Songs eine Wucht und eine Aggressivität, die zwar tatsächlich an die frühen Jahre erinnert - aber auch Momente sphärischer Schönheit. The Young Gods ist also gewissermaßen eine Grätsche über ihr komplettes Oeuvre gelungen - direkter und frontaler als zuletzt, aber “Appear Disappear” kreist nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch um das Kommen und Gehen von Ideen und Identitäten, befindet sich immer im Wandel. Es ist eine atmosphärische Verdichtung der Gegenwart, denn - wie dereinst vielleicht interpretierbar - eine direkte Anklage. “Ein Album ist ein Format, das Tiefe erlaubt”, sagt Treichler in einem Interview: “Das ist uns wichtig.” Und von dieser Tiefe, dieser Sorgfalt - davon lebt das Album, das pulsiert wie kaum ein anderes kontemporäres Kunstwerk. So ein Album hat Bestand, wirkt organisch und selbst in der heutigen, diversen Zeit radikal zugleich.
“Wir wollten nie einfach nur provozieren”, hat Treichler einmal in einem Interview gesagt: “Radikalität war nie ein Ziel, sondern eine Folge unseres Geschmacks – und unserer Neugier.” Und diese Neugier ist auch vierzig Jahre später noch immer kein leeres Bekenntnis: In ihrer Musik geht es nicht um Schockeffekte, sondern um neue Erfahrungen und ein anderes Bewusstsein. Und deshalb versucht man stets, die eigene und potenziell interessierte Hörerschaft aufzuwühlen. Ja, The Young Gods müssen heute niemandem mehr etwas beweisen und können wohl tun und lassen, was sie wollen - doch dass dabei ihre Radikalität ungefährdet bleibt, sie nicht nach Anerkennung schielen, sondern weiterhin Musik machen, die durch Mark und Bein geht, das ist schon ganz großes Kino.