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Kabarett & Comedy

Pizzera & Jaus: "Comedian Rhapsody" - die Kritik

14.11.2022 von Manuel Simbürger

„Comedian Rhapsody“ heißt das mit Spannung erwartete dritte Album der heimischen Überflieger Paul Pizzera und Otto Jaus, in Gruppenformation wohl bekannt als Pizzera & Jaus, jenem Musik-Act, das der österreichischen Musikbranche in den vergangenen Jahren wieder zu neuen Höhenflügen verhalf, ohne bisher schmerzende Tief-Abstürze verkraften zu müssen – sieht man von Pizzeras heurigem medialem Abtauchen zum „tiefsten Punkt Österreichs“ ab, dessen Sinn sich dem Durchschnittsösterreicher noch immer nicht ganz erschlossen hat. Aber das ist okay, Pizzera ist schließlich auch alles andere als Durchschnitt.

Die heimischen Queen?

Also: „Comedian Rhapsody“. Dass der Platten-Titel nicht auf große Egos des Steirers und des Wieners zurückzuführen ist, das dürfte klar sein, Lobhudeleien sind den beiden auch nach zahlreichen Rekordbrüchen immer noch so unangenehm wie politische Verlogenheit (okay, so schlimm dürfte es dann wahrscheinlich doch nicht sein). Als „österreichische Queen“ (die Referenz und Huldigung ist offensichtlich) sehen sie sich keinesfalls, will Pizzera im Interview mit events.at betont, wissen, „das wäre ja wahnsinnig arrogant“. Man glaubt es ihm ohne Stirnrunzeln, denn Pizzera ist Pizzera, und der lügt einfach nicht. (Wobei: Nach insgesamt über 222 Millionen Audio- und Video-Streams, zahlreichen Charts-Hits, 200.000 Besuchern allein bei der aktuellen Tour, 11 Platin-Auszeichnungen und ihrem ersten Album „Unerhört solide“, das sich seit 265 Wochen in den Top 20 der Charts befindet, sind Pizzera & Jaus vielleicht doch die heimischen Queen.)

Vielmehr soll der Titel, erklärt der 34-Jährige, auf die Vielschichtigkeit des Albums verweisen, allen voran auf die thematische (Rhapsode = wandernder Sänger im antiken Griechenland, der epische Dichtungen vortrug). Immer noch ist er es von den beiden, der für Texte und Melodien zuständig ist, was nicht verwundert, denn mit welcher schlagfertigen Eloquenz Germanist Pizzera mit Worten und Sprachspielerein umgeht, das beeindruckt durchaus und ist keine unwesentliche Zutat im Erfolgsrezept von Pizzera & Jaus. Das hohe Niveau der Songtexte hat sich auch bei „Comedian Rhapsody“ nicht verändert. Pizzera tobt sich auf der dichterischen Spielwiese sowohl bei den schnelleren als auch ruhigeren Nummern aus, ist sprachgewaltig, ohne aber jemals die Glaubwürdigkeit zu verlieren. Dass er imstande ist, der Menschheit mit seinen pointierten Texten aus der Seele zu sprechen, beweist er auf „Comedian Rhapsody“ einmal mehr.

Von der Masturbations- bis zur Feminismus-Hymne

Und inhaltlich, ja, da ist tatsächlich ganz schön viel dabei, vor allem Themen, die Pizzera in den vergangenen Jahren (Pandemie!) bewegt haben. Authentizität wird wie bei den Vorgänger-Alben groß geschrieben, denn Otto Jaus und Paul Pizzera sind nach wie vor die Jedermänner (get it?!) unter den österreichischen Musik-Acts: Bei „Handmännchen“ grinsen alle Männer. Bei „Die Sunn und di“ (zu diesem Song werden wohl noch viele Eheversprechen gegeben werden!) schluchzen alle Verliebten. Bei „Liebe zum Mitnehmen“ träumen alle Singles. Bei „Shotgun“ headbangen alle Rock-Anhänger. Bei „manns genug“ verbeugt sich die Männer- vor der Frauenwelt (und Pizzera vor seiner Mutter, die ihn „feministisch erzogen“ hat). Bei „A Klana Indiana“ darf die verletzte Seele atmen, weil ihr endlich das Recht gegeben wird, die zahlreichen Hämatome darauf nicht mehr zu verschweigen (ein Thema, mit dem sich Pizzera auch schon in seinem Bestseller „Der hippokratische Neid“ auseinandergesetzt hat). Bei „Der seidene Faden“ erinnern wir uns schmerzlich an das Ende einer Beziehung. Und ja, bei „Die Gedanken sind frei“ geben Pizzera & Jaus erstmals auch ein klares politisches Statement ab. Denn wann denn, wenn nicht jetzt. Und wer sonst, wenn nicht sie.

Bekanntes Erfolgsrezept

Klingt gut. Aber klingt es auch gut? Wie hört sich denn „Comedian Rhapsody“ denn nun eigentlich an? Überrascht werden Zuhörer nicht sein, vor allem, weil sie den Großteil des Albums schon kennen, ist es doch – auch – ein Sammelwerk aller seit 2020 erschienen Singles, die dank Radio-Heavy-Rotation wohl auch Nicht-Musik-Interessierten zumindest einmal zu Ohren gekommen sein dürften. Das mögen einige kritisieren, andere (= Fans) werden sich freuen, weil man endlich alle Hitsongs unter einem Dach (oder besser: sehr stylishen Albumcover) beisammen hat. Immerhin: Ein „musikalisches Best-Of der Pandemie“ bekommt auch nicht jeder hin.

Auf „Comedian Rhapsody“ bleiben Pizzera & Jaus im Grunde ihrem Erfolgskonzept treu, Vielschichtigkeit hin oder her: Eingängig-catchy Melodien mit pfiffig-wuchtiger Wortakrobatik, die die Seele und eigentlich den ganzen Körper ansprechen, vielleicht auch bisschen aufwühlen. „Comedian Rhapsody“ ist ein unterhaltsamer und äußerst kurzweiliger Mix aus Streichelweich und Massentauglich-Hart, ein inspirierendes und mitreißendes Potpourri aller Emotionen, die die menschliche Seele zu generieren bereit ist (und ja, diesen Satz hab ich mir von Pizzera abgeschaut!). Man könnte auch sagen: „Comedian Rhapsody“ rockt („shotgun“!) und berührt („wer, wenn net du“!) an genau den richtigen Stellen.

Der Humor ist zwar im Vergleich zu früher etwas in den Hintergrund getreten, das ist aber nur schlüssig, immerhin sehen sich die beiden inzwischen mehr als Musiker denn als Kabarettisten. Die ruhigen anstatt die fetzigen Töne überwiegen, Pizzera scheint inzwischen am liebsten über Beziehungen und die Liebe, über seelischen Schmerz und sehnsüchtige Hoffnung zu schreiben. Nicht ungewöhnlich, sowohl er als auch Spezi Jaus leben in einer glücklichen Beziehung, letzterer ist sogar Vater geworden. Das verändert, lässt reifen, sich weiterentwickeln. Je mehr die Dinge gleich bleiben, desto anders sind sie dann doch.

Babyschritte Richtung Neuland

Zu sagen, „Pizzera & Jaus“ würden mit „Comedian Rhapsody“ nichts Neues liefern, wäre also unfair: Langlebige Authentizität ist den Jungs wichtiger als kurzweilige Trends (und „bitte bitte ohne Autotune!“) – der bisherige Erfolg gibt ihnen Recht. Sich dem Drang des Musikbiz, sich ständig neu erfinden zu müssen, zu widersetzen ist zudem durchaus mutig – und wohl auch kreativ befruchtend: Die unermüdliche Spielfreude und tiefe Freundschaft zwischen den beiden Künstlern ist auf „Comedian Rhapsody“ nach wie vor zu spüren, ist kein bisschen kleiner als auf ihrer Debütplatte. Es ist wohl kein Zufall, dass das Album am 11. November 2022 das Licht der Welt erblickte, immerhin wurde vor neun Jahren auf fast genau demselben Tag aus Pizzera und Jaus das Duo Pizzera & Jaus. Ein gegenseitiges Geschenk zur Keramikhochzeit also. Das Publikum scheint vom Alten sowieso immer noch nicht genug zu bekommen.

Vor allem aber gehen Pizzera & Jaus auf „Comedian Rhapsody“ durchaus Babyschritte in Richtung Neuland, entwickeln sich weiter, ohne dabei zu verschrecken: Erstmals hat es mit „Shotgun“ eine Live-Version eines ihrer Songs auf ein Album geschafft. Eine weitere Premiere: Für drei Titel haben sich Paul & Pizzera musikalische Unterstützung ins Boot geholt, nämlich die hervorragende heimische A-Capella-Band Das Wird Super – unter anderem für die neueste Single „Die Gedanken sind frei“, ihr erstes Cover (noch dazu eines traditionsreichen deutschen Volksliedes).

Nummer-1-Potenzial

Man darf sich also sicher sein: „Comedian Rhapsody“ wird den Ruf von Paul Pizzera und Otto Jaus als nationale Heiligtümer festigen. Platz 1 der Charts scheint fix zu sein. Vielleicht mag das dritte Werk keine larger-than-life-Hits wie „Jedermann“ oder „Eine ins Leben“ enthalten, aber das ist okay. Man muss nicht zweimal im Leben einen Lotto-Sechser gewinnen. Obwohl Pizzera & Jaus mit „Comedian Rhapsody“ verdammt nahe dran sind. Verdammt nahe.

Pizzera & Jaus stellen ihr neues Album ab Anfang 2023 auch live vor, darunter im Globe Wien, in der TipsArena, der Salzburgarena, der Stadthalle Graz, auf Burg Clam (mit Christina Kosik im Vorprogramm) und noch vielen Städten mehr! Tickets gibt es bei oeticket.com.

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