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Singlepremiere: Tina "Lavaboy"

02.05.2023 von Stefan Baumgartner

Der Rosmarin ist, das wissen nicht viele, ein Symbol für Liebe und Fruchtbarkeit - ist es immerhin ein Lippenblütler, da kann man schon zweideutig denken. "Rosmarin" war auch die Single, mit der die Steirerin Tina vergangenen Sommer breitenwirksam auf sich aufmerksam machte - und als Frau mit einem Mundart-Song in die männerdominierte, stellenweise schon ein bisserl repetitive und fade Austropop-Welt krachte. Geschult von der Poesie, die bereits Falco, Ludwig Hirsch und vor allem auch Georg Danzer auszeichnete, gelang es Tina, textlich und musikalisch frischen Wind in die Szene zu bringen: frecher, knackiger und auch bewusst zweideutiger als ihre Kollegen - ohne dabei derb zu werden -, dabei aber auch nicht so aufgesetzt billig, wie Kolleginnen aus dem Schlager.

Während "Rosmarin" klanglich herrlich vintage, dabei aber noch sehr traditionell war, schickt sich Tina mit ihrer neuen Single "Lavaboy" nun an, Tradition mit Moderne zu vermischen und begründet quasi nebenbei das Genre des "Dialektropop" und greift auf ihrem Instagram-Kanal schon die Reaktionen konservativer, starrer oder nett formuliert: traditionsbewusster Medien vor, wenn sie schreibt:

Radios be like:

"Frau Sommer, wir wissen nicht, in welches Genre wir Ihre Musik einordnen sollen. Es ist zwar Dialekt, doch kein Schlager, außerdem sind die Texte zu provokant dafür. Doch nach dem Austropop, den wir kennen, klingt es auch nicht."

Frau Sommer, also die Künstlerin Tina selbst, antwortet darauf:

"Stimmt, Zeit für Revolution."

Vergangenen Freitag feierte nun also Tinas neue Single "Lavaboy", am Sonntag das im Wiener Plattenladen Teuchtler gedrehte dazugehörige Video seine Premiere. Wie schon "Rosmarin" dreht sich auch der "Lavaboy" um Liebeswirren, erschafft allein beim Hören eine lyrische Lust, die kein Blatt vor die Lippen nimmt und spätestens dann, wenn man auch zwischen den Zeilen liest, ein verschmitztes Lächeln auf die selbigen zaubert. "Lavaboy" emanzipiert den Austropop, kastriert zwar nicht die männliche Domäne, zeigt aber auch, dass ein Brechen mit stilistischen und Geschlechter-Konventionen einen unverblümten, frischen Wind erweckt. Und plötzlich bekommt der Austropop einen Punch, eine Verspieltheit, eine unwiderstehliche Power, die den alteingesessenen Herren vermutlich noch die Schuhe ausziehen wird ...

Nun ist der Autor dieser Zeilen keiner, der in der künstlerischen Betrachtung von Musik das Geschlecht als Qualitätsmerkmal, als Messlate oder gar als Quote heranziehen möchte; Aber gerade wenn man sich ansieht, wie die Rollenverteilung bei einer Branchenfeier wie der der Amadeus Austrian Music Awards aussieht, könnte man sich schon einmal überlegen, ob man wirklich weiterhin bevorzugt den altbekannten Herren eine Bühne bieten muss, oder ob man nicht vielleicht langsam auch erkennen könnte, dass junges und auch weibliches Blut für die Vitalität sorgt, das das Radl am Laufen hält. Oder anders gesagt: Man kann auf der Germanistik der Universität Wien weiterhin 12 Seminare pro Semester zu Thomas Bernhard abhalten, oder man könnte sich auch einmal - ohne die Prominenz und Vorreiterrolle Bernhards dabei unter den Tisch zu kehren - Lisa Eckhart zur Brust nehmen. Es würde der Gesamtbetrachtung eines Zeitgeistes unglaublich gut tun, einmal nicht nur in der Vergangenheit zu verharren, sondern auch mit der Zeit zu gehen.

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