Bild: Lukas Kargl
Mein Onkel, der bereits vor vielen, vielen Jahren viel zu früh an Krebs verstarb, war in meiner Kindheit und Jugend eine meiner wichtigsten Bezugspersonen – aus vielen Gründen. Einer davon war die Faszination seiner Coolness, die unter anderem kontextuell auch auf sein Rauchverhalten fußte; Heute verpönt, war in den Achtzigern noch an allen Litfaßsäulen und Plakatwänden der Marlboro Man plakatiert – mit lässiger Distanziertheit, bei der die im Mundwinkel hängende Zigarette freilich eine große Rolle spielte. Prägend waren auch die Geschichten von Sherlock Holmes, dem vifen Detektiv, bei dem es stets so schien, als helfe ihm die Pfeife beim Lösen von komplexen Sachverhalten. Als cool galt freilich auch Arnold Schwarzenegger, der in seinen Filmen nach zahlreichen Schusswechseln nicht nur einen lässigen Spruch auf den Lippen hatte, sondern auch eine fette Zigarre zwischen selbigen, die omnipotente Überlegenheit symbolisierte. Nicht zu vergessen auch Lemmy Kilmister, Kopf von Motörhead, dessen Musik meine Eltern nicht nur bereits in frühen Lebensphasen irritierte, sondern der zudem auch selten eine Tschickpause einlegte – ebenso wie Slash, Gitarrist von Guns N‘ Roses. All diese Elemente – Lässigkeit, Cleverness und die Rock-‚N‘-Rollige „Ihr könnt mich alle mal“-Attitüde – fand ich geballt in meinem Onkel wieder, wenn er nebenbei im Gespräch sein Packerl Samson Tabak aus der Hosentasche fischte, spielerisch mit bloß zwei Fingern eine Tschick wutzelte und sie im Gespräch zwischen zwei Wörtern in den Mundwinkel schob, sie anzündete und man in der selben Sekunde merkte, wie die Erleichterung durch seinen Körper glitt.
So war es wenig verwunderlich, dass ich bereits früh zu rauchen begann – ja selbst der sonst übliche anfängliche Brechreiz blieb aus. Die – freilich gewutzelte – Tschick ist seitdem ständiger Begleiter, hilft beim Denken, beim Entspannen. Natürlich habe ich über die Jahrzehnte zigmal versucht, der Sucht zu widerstehen: Spätestens der Tod meines Onkels führte mir die unabdingbare Vernichtungsgewalt von Tabak vor Augen. Aber dennoch: Weiter, weiter – ins Verderben.
Dieser Zwiespalt zwischen gierigem, ungebändigtem Verlangen und dem Wissen, ob der lethalen Beschaffenheit ist nun auch Inhalt der neuen Single der steirischen Sängerin Tina, die gekonnt den Bogen vom Tobak zu einer bestimmten Gattung Typ Mensch schafft: „Manche Menschen sind wie Tschick: Man weiß ganz genau, dass sie dich nach und nach vergiften und doch spürt man das Verlangen, sich immer und immer wieder eine anzurauchen.“ Droge wie auch Mensch – sie beide sind nicht nur potenziell toxisch, sondern auch mitverantwortlich dafür, dass man gleichermaßen emotionale Höhen wie auch Tiefen durchschreitet. Eine Tschick mit Kaffee am Morgen, ein postkoitaler Dunst und viele Momente mehr verschaffen unglaubliche Erleichterung, Augenblicke, in denen man nicht zur Tschick greifen kann, lassen Trübsal statt Rauch blasen – bis zu dem Zeitpunkt, wo der Lungenfacharzt eine Hiobsbotschaft überbringen muss. Ebenso das Zwischenmenschliche: Bezugspersonen können mit ihrem Wesen in höchste Höhen schweben lassen, bevor sie wenig später mit ihrem Verhalten die Seele in Blei tunken und man aus den Wolken purzelt, bis man schließlich, nach kurzem, von Panik gebeutelten Fall, am Boden zerschellt. Dies ist die Dynamik von „Tabak“, in dem Tina die zerstörerische Natur toxischer Lebenserfahrungen neu durchlebt und die emotionalen Höhen und Tiefen offenbart, mit denen sie konfrontiert war: Schmerz, Abhängigkeit und Verlangen gehen oft Hand in Hand, eine Verbindung, die uns wie der Rauch einer Zigarette umhüllt und unsere Seele schleichend vergiftet, so wie der Tabak die Lungen.
Die lyrische Brillanz, die lebensnahe und demzufolge einlullende Wortgewandtheit, das ergreifende Eintauchen in situative Wirren kennt man bereits von Tinas vergangenen Singles „Rosmarin“, „Lavaboy“ und zuletzt dem exzeptionellen „Vino Forever“; Zudem zeigt sich aber erneut die musikalische Wandlungsfähigkeit von Tina, die diesmal explizit mit Band den akustischen Raum betritt, der musikalischen Begleitung nicht nur mehr Raum als bisher gestattet, ihr auch eine weitaus höhere Dringlichkeit verpasst: Vergangen ist der fröhliche Schunkelduktus von „Rosmarin“, verloren das knuffige Pumpen von „Lavaboy“ und der düstere Electro von „Vino Forever“ – „Tabak“ gerät als feinster Indie mit einem frech knarzenden, oft auch verdammt funky Bass (Nico Fischer), knackigem Schlagwerk (Fabian Pusterwallner) und verzehrenden Gitarren (Johannes Falter, Renan Spörk, Niklas Pichler), die in der Gesamtbetrachtung ebenso vitalisierend wirken, wie die ersten Schluck Bier, die bekanntlich nicht selten trefflicher Wegbegleiter zum Tabakrauch sind: In etwa so muss sich die Kinderschar gefühlt haben, als sie munter dem Rattenfänger von Hameln nachspaziert ist.
Einzig unbeantwortet bei der Single bleibt: Tötet uns die Droge oder das Zwischenmenschliche zuerst? Aber das, das wird wohl letztlich jeder für sich selbst herausfinden – und auf dem Weg dahin gemeinsam mit Tina noch zahlreiche Höhen und Tiefen durchschreiten.
Übrigens, Tina hat kürzlich auch „Gö, du bleibst heut Nacht bei mir“ von S.T.S. gecovert: Wenn da Steinbäcker, Timischl und Schiffkowitz keine „Überdosis G’fühl“ übermannt, dann ist ihre „Herzverbundenheit“ eine ganz große Lebenslüge – zumal Tina mit ihrer Band im roughen Proberaum-Video auch beweist, dass ihre Eindringlichkeit ebenso im Live-Umfeld, und nicht nur in geschickt inszenierten Videos phänomenal funktioniert; Die Band ist sautight und Tina selbst derart ungekünstelt mit dem Lyrischen Ich in seinem aufgeregten Verlangen verschmolzen, dass man ihr durch den Bildschirm am liebsten entgegenbrüllen möchte, „Nie mehr wieder fohr I furt!“.